Ein besserer Digitaljournalismus ist möglich
Jan Tißler
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Lieber Jan,

ich bin ganz bei Dir. Wer derart mechanistisch auf Medien blickt, wie es hierzulande (DE) in der Branche oft der Fall ist, wer also auf Klickzahlen, den CPM und dergleichen größeren Wert legt, als auf die Qualität der Inhalte, der endet bei einer (Online-)Medienlandschaft, wie wir sie heute in vielen Bereichen vorfinden.

Das ist dann häufig eintönig, trivial und — mitunter — schlicht schlecht. Aber es geht auch anders. Einige Beispiele hast Du selbst genannt. Und es gibt weitere. Für mich gehört zum Beispiel das, was Ben Thompson auf Stratechery macht, mit zum smartesten und besten, was überhaupt irgendwo über die Business-Seite des Internets geschrieben wird. Auch The Ringer von US-Sportjournalismus-Ikone Bill Simmons (übrigens hier auf Medium) verfolge ich mit Argusaugen. Toll ebenfalls, was Apple-Analyst Neil Cybart mit Above Avalon auf die Beine gestellt hat. Und, und, und.

Was all diese Beispiele eint, schreibst Du selbst:

“Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Leserinnen und Leser das am Ende zu schätzen wissen. Dass letztlich die gewinnen, die ihre Leserinnen und Leser ernst nehmen. Die etwas Gutes anbieten wollen. Die eine Leidenschaft für das haben, was sie tun.”

Ich bin der Überzeugung: Genau das ist im Internet eine wichtige Zutat für den Erfolg. Deshalb stehen, im Umkehrschluss, hinter allen genannten Projekten Menschen. Menschen, mit denen der Leser eine Beziehung aufbaut. Denen er vertraut. Und, wichtig, zu deren Erfolg oder zumindest Erhalt er beitragen will. Im Zweifel mit Geld, zumindest aber mit großer Treue.

Doch was mir im deutschsprachigen Raum fehlt, ist der Typus des ‘entrepreneurial journalist’. Wie Du sagst: Es bräuchte mehr Mut für Experimente. Doch ich glaube nicht, dass diese bei den etablierten Medienhäusern ideal aufgehoben sind. Diese sind strukturell, persönlich und vom Denken her in aller Regel zu sehr alten Modellen verhaftet.

Das Internet jedoch funktioniert anders. Es gehorcht einer anderen Logik. Ich bin überzeugt: Die Marke eines Mediums (im Netz sollte man vielleicht eher von einer Veröffentlichungsplattform sprechen) verliert an Wert. Die des Autoren hingegen wird deutlich wichtiger. Allerdings müssen diese nicht nur Gutes schreiben —womit es natürlich beginnt— sie müssten auch gewillt sein, neue Wege auf Business-Ebene zu beschreiten.

Gerade in subkulturellen Teilen des Internets sehe ich auch in Deutschland einige interessante Experimente und Gehversuche, etwa im deutschen Hiphop-Journalismus. Doch gerade wenn ich mir Politik, Wirtschaft oder sogar Technologie ansehe, dann herrscht hier für meine Begriffe leider Nachholbedarf. Deshalb ist mein Medienkonsum mittlerweile fast völlig US-zentrisch. (Sogar über Fußball wird dort besser geschrieben, als das, was ich aus Deutschland mitbekomme. Einen ticken intelligenter, ein bisschen raffinierter und schlicht frisch. Das aber nur am Rande)

Deshalb würde ich mir wünschen, dass es mehr Projekte vom Schlage eines Upload-Magazins gäbe. Denn ich würde Geld darauf wetten, dass sich die Medienlandschaft im Laufe einer Generation sehr stark gewandelt haben wird. Werden Jugendliche in 25 Jahren noch Medienmarken mit Bravo, Brigitte, Zeit, Spiegel, Welt, Stern oder Focus verbinden? Oder werden sie den Stimmen der Publizierenden folgen, die sie von FutureTube, SnapVR oder eben Medium kennen? Ich würde auf letzteres wetten.

Die spannende Frage aber ist, wer die Monetarisierung kontrolliert — und damit natürlich hohes öffentliches Gewicht besitzt. Sind es die Plattformen, die die Stimmen machen oder sind es die Stimmen, die der Plattform Relevanz verschaffen? Der Grundstein für diese Entscheidung wird heute gelegt. Und damit die Waage nicht allzu sehr in Richtung der Plattformen ausschlägt, täten ein paar erfolgreiche, gute Projekte sicher gut.

Viele Grüße

Thomas