Gemeinsam neue Services für Bürger*innen schaffen - Illustration von Claire Vogt

Neue Verwaltung gestalten — Macht doch mal auf!

Für neue Angebote in der Verwaltung, brauchen wir Zugang

Kalter Kaffee statt frischem Neustart: Nach zähen Verhandlungen hat es mit der Regierungsbildung doch noch geklappt. Im Bundestag regiert die vierte große Koalition, Angela Merkel ist das vierte Mal Bundeskanzlerin. So wie die politische Erneuerung, bleibt auch die Digitalisierung verhalten. Sie ist, wie seit Jahren, über das Hoheitsgebiet vieler Ministerien verstreut. Helge Braun soll es im Bundeskanzleramt richten, mit Dorothee Bär kommt noch eine Staatsministerin ohne eigenes Ministerium dazu. Wie wollen wir so digitalen Wandel gestalten?

Endlich auf dem Weg zur digitalen Verwaltung?

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode 500 Millionen Euro investieren um die Verbesserung des Online-Zugangs zu gewährleisten. Dieses Geld steht zusätzlich zu den bereits geplanten 4,4 Milliarden Euro für den Breitband-Ausbau bereit, Die zusätzlich angekündigte Finanzspritze soll in Service-Angebote für Bürger*innen fließen. Dazu gehört neben einer Auflistung von digitalen Services der Verwaltung auch das längst überfällige Bürger*innen-Konto. Diese zentrale Anlaufstelle soll aufzeigen, welches Ministerium welche Daten über mich gespeichert hat. Beides nichts Neues, aber längst überfällig. Vielversprechender ist die geplante Einrichtung einer E-Government-Agentur — mit einem übergeordneten Think Tank für regionale Open Government Labore, in denen innovative Lösungen zusammen mit Bürger*innen erprobt und gefördert werden sollen.

Meine Daten, eure Daten?

Datenschutz ist für viele Bürger*innen ein zentrales Thema. Die Regierung und deren Verwaltungsorgane horten Unmengen von Daten. Manche davon teilen Sie, andere liegen in riesigen Datensilos. Dabei ließe sich so viel damit anfangen. Das Bürger*innen-Konto legt den Grundstein für die Selbstverwaltung von Daten. Bürger*innen könnten frei entscheiden, wem sie Zugang gewähren und so beispielsweise Behördengänge zukünftig vom eigenen Wohnzimmer aus erledigen. Designer*innen können mit der Hilfe von IT-Unternehmen helfen, vorhandene Datensilos zu finden, zu strukturieren, zugänglich zu machen und in Services zu bündeln oder als Open Data zu veröffentlichen. Der eingesparte Verwaltungsaufwand hilft bei der Ressourcenverteilung. Mehr Arbeit mit Menschen, als mit Daten.

Wo nur Beginnen Zugänge zu schaffen? — Illustration von Claire Vogt

500 Millionen Euro — für ein paar Web-Angebote?

Damit die Digitalisierung diesmal wirklich in Fahrt kommt braucht es mehr als den Umbau von Webseiten und Services von Ministerien und anderen Verwaltungsinstanzen. Meist führen Ausschreibungen und Projekte zur digitalen Kommunikation von Ministerien, auch aus unserer persönlichen Erfahrung, zu der Erkenntnis: Es muss was an der Struktur dahinter passieren! Für Designer*innen ist die Arbeit an derartigen Projekten ermüdend bis frustrierend, da der lineare Prozess einer klassischen Ausschreibung nicht zur Mentalität und Arbeitsweise im professionellen Design passt. Das System infrage zu stellen, ist dort Alltag. In der bundesdeutschen Verwaltungsebene dagegen bedeutet das in den meisten Fällen Gefahr — oder zumindest einen Mehraufwand, der so nicht in der Projektbeschreibung steht. Design lässt sich nicht so klar festschreiben, wie das Ausbaggern eines Grabens und die Verlegung von Glasfaserkabeln.

Weniger Technologie, mehr Design!

Das Thema Digitalisierung hat mit IT zu tun. Keine Frage. Doch viel zu oft werden Ausschreibungen oder Aufträge von IT-Themen dominiert. Beratungsfirmen und IT-Dienstleister geben den Ton an. Ihre Ziele sind klar: Lösungen verkaufen, effizient umsetzen — und dann kann das Ganze auch noch nett aussehen. Die Nichtbeachtung von Design als Werkzeug hat oft damit zu tun, dass ein besseres Produkt fälschlicherweise in technische Features übersetzt wird. Was mehr kann (oder am besten alles), ist besser. Designer*innen dagegen fragen “Was hilft den Menschen?”. Der Staat muss seine Bürger*innen als Kundschaft begreifen, deren Probleme er für seinen eigenen Erfolg lösen will. Designer*innen, meist mit der Erfahrung aus der Privatwirtschaft, verstehen es, die richtigen Fragen zu stellen, Menschen zu motivieren und verschiedene Perspektiven einzunehmen, die es zur Erarbeitung guter Lösungen braucht. Das funktioniert freilich nur, wenn sie Zugang erhalten und nicht aus der letzten Reihe ein Projekt retten sollen.

Weniger Papier, mehr Taten! - Illustration von Claire Vogt

Thesenpapiere vom Tisch!

Brauchen wir noch mehr Thesenpapiere? Wann genau gehen wir ins Ausprobieren über? Immerhin hat sich die große Koalition offenkundig von Nachbarstaaten inspirieren lassen. In Großbritannien hat die Regierung mit nesta eine Organisation gegründet, die lokale Projekte im Kleinen fördert und verfeinert. Am Ende werden diese zu Werkzeugen für eine offene und digitale Gesellschaft im Großen. Die im Koalitionsvertrag beschriebenen regionalen Open Government Labore können in Deutschland zu vergleichbaren Orten werden, an denen interdisziplinär gearbeitet wird. Designer*innen übersetzen zwischen den verschiedenen Perspektiven und moderieren die Wandlung in eine digitale Gesellschaft. Gleichzeitig sind Bürger*innen in der Lage, Lösungen mitzubestimmen und diese nicht von der Verwaltung einfach vor die Nase gesetzt zu bekommen — eine spannende Perspektive.

“Die Türen sind ab sofort offen. Gute Ideen sind immer willkommen. Nur ich will Keinen hören der sagt, dass es nicht geht.”

Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales

Aufmachen und den Wandel schaffen!

Design braucht endlich Zugang! Designer*innen aus verschiedenen Disziplinen stehen bereit, um motiviert an der neuen Form von Verwaltung mitzugestalten. Egal ob als Teil eines privaten Unternehmens oder Angestellte in einer staatlichen Abteilung: Es muss ins Rollen kommen! Wir brauchen in vier Jahren einen vollen Werkzeugkasten aus der Praxis — und keine Zukunftspläne aus staubigen Verhandlungszimmern. Design ist für die größten Unternehmen der Welt eine treibend Kraft geworden. Daran sollte sich die Politik ein Beispiel nehmen. Wir stehen bereit, lasst uns anfangen und ausprobieren.


Vielen Dank an Michael Schultz für die Kooperation an dem Artikel sowie Claire Vogt für die Illustrationen.

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