J. C. Chandor stellt mit „All is Lost“ seinen neuen Film als Drehbuchautor und Regisseur vor. Es ist ein unorthodoxer Film, der ohne Dialoge und mit nur einem Schauspieler auskommt. Solch einen Film auf die Leinwand zu bringen erfordert heutezutage ein gewisses Maß an Einsatz und Mut, denn eigentlich gibt es derart gewagte Produktionen nur selten. In dieser Hinsicht grenzt „All is Lost“ sich schon formal von anderen Filmen ab. Auch Chandor grenzt sich mit diesem Werk von seinem vorherigen Film „Margin Call“ (2011) ab. Dieser oscarnominierte Film über die Finanzkrise war gefüllt mit einer mächtigen Anzahl von Charakteren und ein sich windender, züngelnder Dialogstreifen. Mit „All is Lost“ zeigt er eindrucksvoll seine Vielseitigkeit.
Der Film beginnt mit einer Einstellung, die den Horizont betrachtet, an dem sich der endlose Himmel und das endlose Meer vereinigen. Auf diesen fernen Horizont steuert ein einsamer Segler (Robert Redford) zu, bis das Undenkbare passiert und sein Schiff von einem Frachtcontainer gerammt wird. Ab diesem Moment wendet sich sein Glück und der klassische Kampf ums Überleben beginnt.
„All is Lost“ reduziert sich bis zu einem gewissen Maße auf das Minimum und entwickelt dadurch seine Kraft. Der Film weißt nur eine menschliche Person auf und limitiert den verbalen Austausch nahezu vollkommen. Zu Anfang gibt Chandor seinem Charakter eine kurze Ansprache, die simple Gedanken zusammenfasst. Danach bewegt sich sein Film nur in Handlungen vorwärts. Der Zuschauer folgt den Reaktionen des Mannes und betrachtet die Entwicklung der Ereignisse. „All is Lost“ gibt dabei keine Wertung über die Handlung ab und drängt auch (fast) keine metaphorische Bedeutung in die Bilder. Vielmehr lässt er den Zuschauer allein mit den Bildern und es ist dieser ganz individuelle Zuschauer, der irgendeine Bedeutung zuschreiben kann. In seiner Reduktion ist der Film demnach nicht verschlossen. Chandor lädt den Zuschauer vielmehr ein den Rahmen des Filmes zu füllen. Im Abspann wird der Segler mit dem Namen „Our Man“ bezeichnet und dieser Name zieht sich durch die Handlung wie ein roter Faden. Nachdem der Zuschauer den Mann eine Weile begleitet hat wird er schließlich wirklich unser Mann, denn wir wünschen uns, dass er gewisse Dinge tun würde und fühlen mit seinen Schmerzen mit. Fragen nach seinen Gedanken oder seiner Familie tauchen auf, aber auch praktische Fragen, die sich mit seinen Taten im Film beschäftigen. Immer ist es der Zuschauer, der sie beantworten darf und auf diese Weise in einen Dialog mit dem Film tritt.
Schließlich ist es nicht irgendein Schauspieler der unseren Mann verkörpern darf, sondern Robert Redford mit 76 Jahren. Redford besitzt von seinem ersten Auftauchen, sogar allein mit seiner Stimme, eine einzigartige Präsenz. Er muss nicht sprechen und er muss auch nicht wirklich handeln, denn allein seine Existenz ist schon genug um den Film zu tragen. Dieses simple Existieren schafft weiteren Raum für den Zuschauer und ermöglicht sowohl Identifikation als auch Projektion. Es sind einfache Handlungen wie das Öffnen von Schubladen oder die denkenden Momente in einer natürlichen Umgebung, die mitfühlen lassen. Stets fragt sich der Zuschauer wie er in solch einer Situation handeln würde und projeziert so seine eigenen Gedanken in den Film. Redford macht all dies möglich mit einer zurückhaltenden und doch eindringlichen Vorstellung, die auch durch die physische Belastung beeindruckt. Eingefangen wird diese Leistung von einer brillanten Kamera, die stets auf unseren Mann fixiert ist und ihn in schier atemberaubenden Sequenzen über und unter Wasser begleitet. Einmal mehr zahlt es sich aus auf unnötige animierte Spielereien zu verzichten und die Aktionen real umzusetzen.
„All is Lost“ ist kein Film, der Kapitalismuskritik oder Kritik an Großmächten üben möchte. Auch wenn aus dem Frachtcontainer chinesische Turnschuhe strömen und die großen Schiffe an dem Segler vorbeifahren ohne ihn zu beachten ist es ein anderes Thema, welches den Film interessant macht. Es ist ein Thema das wichtiger ist als Wirtschaftsentwicklungen oder Klassenkämpfe, denn es ist das Urthema der menschlichen Spezies. Das Leben. „All is Lost“ offenbart dieses Thema durch die Betrachtung von unserem Mann, seine Handlungen und dadurch uns selbst. In der Reduktion liegt hier der Schlüssel. Denn nicht nur der Film, sondern auch das Leben wird auf das Wesentliche reduziert. Auf die Momente, die ein Leben ausmachen. Da geht es manchmal drunter und manchmal drüber. Viele Momente werden genossen und andere Momente werden zur Probe. Immer wieder kommen Hindernisse, die überwunden werden. Kleine, aber auch Große. Irgendwann schließlich kommt das Hinderniss, welches nicht mehr überwunden werden kann, aber auch dann ist niemals alles verloren.
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