Der idealistische Charlie Countryman

Charlie Countryman (2013)


„Charlie Countryman“, ein Film der zuvor „The Necessary Death of Charlie Countryman“ und im deutschen Vertrieb „Lang Lebe Charlie Countryman“ heißt, ist ein ungewöhnlicher Film. Diese Ungewöhnlichkeit lässt sich einzig und allein auf die Tatsache zurückführen, dass „Charlie Countryman“ sich nicht zurück nimmt. Das ist seine große Stärke. Selten sieht man einen Film, der sich in keinster Weise beschränkt. Fredrik Bonds Debutfilm ist so ein Film und das ist gut. Sein Film ist 108 Minuten lang und überbordend, faszinierend, verträumt, verliebt, mit Elementen aus verschiedensten Genres vollgepumpt und stets auf einem großen Pendel zwischen Tempo und Langsamkeit. Vor allem ist er in jeder Faser idealistisch und auch dieser Idealismus ist nicht zurückgenommen, sondern konsequent und vollständig durch den Film gezogen. Dies mag nicht immer cohärent erscheinen oder Sinn ergeben und lässt den Zuschauer nach einer ersten Sichtung tatsächlich auch etwas unschlüssig zurück. Trotzdem verlässt der Film nicht den Kopf des Zuschauers und entfaltet seine eigentümlichen Charme derart immer weiter.

Das Drehbuch von Matt Drake beginnt dort wo schon viele Geschichten angefangen oder auch aufgehört haben. Charlie Countryman (Shia Labeouf) verliert seine Mutter, die unheilbar im Krankenhaus liegt, an den Tod. Er ist am Boden zerstört und fasst, nach einer eigenwilligen Begegnung, den Entschluss von Chicago nach Bukarest zu fliegen. Es gibt keinen besonderen Grund für diese Reise, doch ihm reicht die vage Eingebung, dass er sie absolvieren muss. Kaum in Bukarest angekommen trifft er die geheimnisvolle Gabi (Evan Rachel Wood — Kaum wiederzuerkennen und gewohnt überzeugend). Diese Begegnung beginnt zumindest für einen der beiden Charaktere mit Liebe auf den ersten Blick. Doch es gibt Gefahr und die nähert sich schneller als Charlie es ahnt. Im Laufe des Filmes wird er gewaltsam mit Gabis Ex-Ehemann Nigel (Mads Mikkelsen — eindringlich, tragisch, vielschichtig) und einem düsteren Ganoven namens Darko (Til Schweiger — Hölzern und im Grunde überflüssig) konfrontiert.

Beobachtet der Zuschauer die Geschichte, so kommt er nicht umhin ihre Ungebundenheit zu bemerken. Da Bond in seinem Werk Elemente aus Gangster und Fantasyfilm mit einer Coming of Age Geschichte paart, die sich über weite Strecken als Liebesfilm entfaltet, ist die Handlung stets unberechenbar. Spannung durch Verwirrung könnte man behaupten, doch vielmehr ist es Spannung durch Erzählen. Ein Erzählen, welches seine Geschichte ohne zu Zögern entfaltet. Diese Ungebundenheit des Filmes verkommt jedoch nicht zum Selbstzweck. Vielmehr ist sie eine formelle Manifestation der Charakterstudie, die die Filmemacher mit „Charlie Countryman“ anfertigen. Den Charakter Charlies zu ergründen ist das Ziel, welches nie aus den Augen verloren wird.

Charlie, der überzeugend und vielschichtig von Shia Labeouf gespielt wird, ist schließlich genau wie der Film selbst. In seinem Denken und in seinen Gefühlen lässt er keinen Widerspruch zu. Er ist konsequent. Auf diese Art ist er konsequent verliebt und bereit den Weg dieser Liebe bis zu seinem notwendigen Ende zu gehen. Wenn er die nächtlichen Straßen Bukarests entlang läuft, dann läuft er nicht. Er sprintet mit jeder Faser seines Körpers pulsierend und hetzt in diesen Szenen mit jeglicher Kraft die er aufbringen kann nach vorne. Charlie gibt immer 100 Prozent. Sowohl mit seinem Körper, als auch mit seinem Geist und den verbundenen Gefühlen. In dieser Hinsicht vertraut er seiner Intuition und seinen Träumen. Seine ganze Reise basiert auf diesen Träumen und er gibt sich den Raum groß zu träumen und sich nicht für seine Vorstellungen zu entschuldigen. Charlie ist Idealist und Charlie ist Träumer. Diese beiden Eigenschaften ermöglichen es ihm jederzeit alles zu tun und jegliche Handlungen mit vollständigem Einsatz zu vollziehen. Der Film folgt diesen Maximen und erzählt so eine Geschichte über sich selbst.

Das Ende ist dann nur eine konsquente Fortführung dieser Motive. Das Genre übergreifende Potpurri schwingt sich dort einmal mehr zu einer überbordenden, idealistischen Liebeserkärung an das Träumen und die Liebe selbst auf. Damit trifft es den Kern des Kinos und schafft ein Manifest für das Kino selbst. Das Kino. Ein Ort des Träumens, ein Ort schneller Entscheidungen. Teilweise verrückt, doch mit greifbaren Gefühlen. Das Kino, welches mit „Charlie Countryman“ surreale Momente schafft. Momente, die absurd sind und doch ihren Platz haben. Ein Kino, in dem Liebe möglich ist und Idealismus gelebt wird. In dem es die Liebe wert ist alles zu tun. Schneller zu laufen. Weiter zu springen. Mehr zu geben. Alles zu geben. Seinem Herzen zu folgen und nicht den Konventionen. Weil es sich lohnt. Weil es nur so gehen kann. Weil es nur so gehen sollte.

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