Derek Cianfrance’ Erben

The Place beyond the Pines (2012)


Es sind die Menschen und ihre Beziehungen zueinander, die Derek Cianfrance interessieren. Waren es zuvor noch Ehemänner und Ehefrauen, so beleuchtet sein neuestes Werk die Verbindung von Vätern zu ihren Söhnen. Im Rahmen seiner Filmografie ist dies der logische Schritt für den Filmemacher, der es wie kein anderer schafft wahrhaftige Emotionen und Momente zu finden. Nun ist es also “The Place beyond the Pines” der sich als narratives Großprojekt vor mir aufbäumte und mich zu diesem Text anregt.

Cianfrance betrachtet anhand von drei Akten die verschiedenen Auswirkungen, die die Taten unserer Väter auf uns und unser Leben haben können. Wir sind unweigerlich mit ihnen verbunden, den guten sowie den schlechten, den Errungenschaften, aber auch den Fehlern. Von diesen Fehlern gibt es einige und eigentlich starten die Verwicklungen des Filmes schon weit vor der erzählten Handlung. In jeder noch so dunklen Ecke dieses Werkes finden sich Hinweise, lassen sich Taten zurückverfolgen. So ist es Lukes Vater, der nur in einem Satz erwähnt wird und nicht im Film zu sehen ist auf vielerlei Hinsicht Schuld an den verhängnisvollen Ereignissen der erzählten Handlung. Schuld ist abseits davon ein weiteres großes Thema dieser Tragödie, auf das ich später zurück kommen werde. Luke wurde von seinem Vater verlassen. Mit ziemlicher Sicherheit hat dies die Perspektivlosigkeit mit der Luke immer und immer wieder mit dem Motorrad seine Kreise zieht beeinflusst. Desweiteren werden die Versäumnisse seines Vaters für ihn zu einer Motivation seinen eigenen Sohn nicht im Stich zu lassen und schlussendlich Banken zu überfallen. An dieser Stelle entsteht eine ähnliche moralische Dynamik, wie die Fernsehserie “Breaking Bad” sie seit der ersten Folge anwendet. Der Zuschauer ist an der Angel, er ist geködert und er ist bereit Luke die Banküberfälle und Walter White das Kochen von Crystal Meth zu verzeihen, denn sie tuen es doch nur um ihre Familien zu unterstützen. In beiden Medien fühlt man sich auf den Moralkompass getreten und gefordert selber zu entscheiden, ob das denn jetzt alles so richtig ist. Das ist ganz groß und das Ryan Gosling in der Rolle des Luke zu sehen ist verstärkt diesen Effekt zusätzlich.

Natürlich könnte man jetzt überlegen warum Lukes Vater zu dem geworden ist, der Luke auf diese Weise beeinflussen konnte. Doch solches Nachdenken würde schlichtweg zu weit führen und diese Feststellung macht noch etwas anderes, wichtigeres deutlich. Die Beeinflussungen durch andere Menschen sind allgegenwärtig in unseren Leben. Jede kleine Handlung ist irgendwie beeinflusst und nicht zu selten vom emotionalen Erbe unserer Eltern. “The Place beyond the Pines” beschreibt genau aus diesem Grund etwas so universelles durch seinen Mikrokosmos. Auf dem Zeitstrahl der Beeinflussungen hat sich Cianfrance somit ungefähr 15 Jahre aus dem Leben seiner Figuren herausgepickt. Manche werden sagen, dass der dritte Akt, in dem die beiden Söhne von Luke (Akt 1) und Avery (gespielt von Bradley Cooper, Akt 2) aufeinander treffen unnötig oder überkonstruiert wäre. Jedoch gerade dieser dritte Akt gibt dem annähernd 2,5 Stunden langen Epos die konsequente Tragik und auch die finale Tragik der Konsequenzen. Hier schließt sich der Kreis und neue Kreise werden geöffnet.

Luke, der zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr zu sehen ist, ist dennoch immer noch im Raum. Seine Präsenz als Vater ist für die Charaktere spürbar, denn viele Handlungen geschehen erst durch das Erbe welches er seinem Sohn hinterlassen hat. Interessant an dieser Stelle ist ebenfalls, dass er ihm im Grunde nichts hinterlassen hat. Hier ist aber auch dieses nichts etwas. Eine sehr genaue Beobachtung von Cianfrance. Avery wird schließlich in jenem dritten Akt auf dramatische Weise gezwungen sich seinen Gefühlen zu stellen. Seine Geschichte ist stets von den zwei Gesichtern geprägt die er trägt und seine Erleichterung ist offensichtlich als er ein Gesicht fallen lassen kann und zusammen bricht. Die Tragik der beiden Söhne ist dann sehr deutlich, wenn man mit dem Wissen der Vorgeschichten ihrer Väter im Kopf ihnen zurufen möchte: Seht ihr nicht was mit euch passiert? Seht ihr nicht, dass ihr anders sein könnt? Doch das können sie nicht. Hier ist Cianfrance, wie es sich in einer Tragödie gehört konsequent und führt den Erzählbogen gradlinig zu Ende. Die Söhne werden immer in den Bahnen ihres Erbes leben.

Stellt sich eine Frage: Wer hat denn nun Schuld? Auf diese Frage gibt es wohl keine präzise Antwort. Auch weil Schuldzuweisungen etwas subjektives sind. Die Schuld als solche lässt sich nicht ausmachen. Einige Charaktere fühlen sich schuldig, aber tun sie das nicht nur weil sie es nicht besser wissen? Weil sie vor allem denken, dass sie in der Schuld eines anderen stehen? Sicherlich ist Luke es selbst schuld, dass er nach einem letzten Bankraub umkommt, aber um diese Art Schuld geht es hier nicht. Es geht um die Schuld eines Erbes, von der man nicht weiß wo sie genau liegt. Es geht auch, und hier ist Cianfrance wieder der Beobachter des wahrhaftigen Lebens, um die Schuld in unseren Beziehungen. Ständig hat man das Gefühl jemandem etwas zu schulden, oder eine gewisse Leistung erbringen zu müssen um die Beziehung zu rechtfertigen und aufrecht zu erhalten. Was also wäre wenn dieser Druck, der nicht greifbaren Schuld einmal wegfallen würde? Wenn wir dieses Gefühl etwas tun zu müssen ablegen und dadurch all unsere Beziehungen frei machen können. Dann wären wir an einem Ort an dem unserer Beziehungen und Freundschaften stärker sind denn jeh. An einem Ort wo nur die Gefühle zählen. Auch wenn dieser Ort Cianfrance’ Charakteren nicht vergönnt ist, so macht er uns, seine Zuschauer und somit seine Erben darauf aufmerksam, dass es diesen Ort geben könnte. Denn auf alle Taten folgen Konsequenzen. Vielleicht muss nur einer anfangen zu fahren wie ein Blitz, damit der Donner uns an diesem Ort wachrütteln kann. Vielleicht ist dieser Ort dann einer, der hinter den Kiefern liegt.

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