Er hat es also wirklich geschafft. Allen Widerständen zum trotz hat es Darren Aronofsky geschafft seine Version der Geschichte Noahs auf die Leinwände dieser Welt zu bringen. Viel wurde im Vorfeld geschrieben und viel wird immernoch geschrieben. Religiöse Fundamentalisten wollen Aronofsky schon seit Monaten in der Hölle sehen. Die finanzierenden Paramount Studios wollten angeblich zwischenzeitlich nicht seine finale Version veröffentlichen. Noch davor wollte gar kein Studio seine Vision unterstützen und er veröffentlichte die Geschichte als Graphic Novel. Trotz aller Widrigkeiten hat Aronofsky es geschafft sein monumentales, seit Kindheitstagen geträumtes, Projekt umzusetzen und einen Film zu machen, der nicht nur ihn selbst zufrieden stellt, sondern auch für uns Zuschauer der richtige Film ist.
Eine Inhaltsangabe soll an dieser Stelle nicht stattfinden, denn auf die ein oder andere Art kennt wohl nahezu jeder Leser die Ausgangssituation der Geschichte. „Noah“ von Darren Aronofsky ist jedoch kein Bibelfilm im klassischen Sinne, denn der Regisseur versteht gekonnt die Essenz des mythischen Dauerbestsellers der Menschheit. Aronofsky erschafft mit seinem Film eine realistische Adaption des Originalstoffes, indem er die Handlung in einen düsteren Fantasyfilm transportiert. Während sich die Worte „realistisch“ und „Fantasy“ auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, tun sie das im zweiten Moment nicht mehr. Realismus ist es, den der Regisseur und Drehbuchautor, der emotionalen Seite der Geschichte verleiht. Eine emotionale Seite, die zum roten Faden des Filmes wird und sich den Zuschauern öffnet. Ganz im Sinne der in der Bibel beschriebenen mythischen Welt ordnet sich Aronofskys Werk dem Fantasy Genre zu. Motive dieses Genres ziehen sich konsequent und allgegenwärtig durch den 137 Minuten starken Film. Mit diesen Mitteln ist Aronofsky einer Geschichte, in der merkwürdige Tiere herumstreunen und Menschen über 600 Jahre alt werden können, genauestens auf der Spur.
Getragen wird der Film dabei vollständig von der emotionalen Reise Noahs und der seines Schöpfers. In dieser Hinsicht lässt das Drehbuch leider eine ebenbürtige Tiefe in seinen Nebencharakteren vermissen, die stets nur Spiegel der Taten Noahs sind. Diese Taten sind jedoch umso spannender. Geboren aus Visionen und Träumen erkennt Noah, dass das Ende des Planeten gekommen ist. Er beginnt aufgrund dieser Visionen den Bau einer Arche und erkennt in diesem Vorhaben die Aufgabe und Prüfung seines Lebens. Eine Prüfung, die so jedoch nicht wirklich stattfindet. Die vermutlich spannendste Wendung im Innenleben Noahs ist die Beobachtung seines Glaubens. Aus der Perspektive des Zuschauers könnte man diesen Glauben auch über weite Strecken als Irrglauben charakterisieren. Doch hier ist Aronofsky clever, denn in diesen beiden Perspektiven (die Noahs und die des Zuschauers) zeigt er ganz klar, dass die Religion und der Glaube stets auf einer subjektiven Sicht beruht. Durchgehend wird nie nur eine Lösung für Noahs Visionen oder wunderähnliche Geschehnisse in der Handlung vorgeschlagen. Schlicht und ergreifend ist es nur Noah selbst, der sich vollkommen als Helfer des Schöpfers sieht. Dadurch, dass Aronofsky seinen Film als Fantasyfilm angelegt hat werden auch alle anderen Sichtweisen ermöglicht. Der Glaube Noahs und der Glaube der anderen Charaktere definiert einen Religionsbegriff, der nicht objektiv existiert, sondern subjektiv um sich das Leben zu erklären.
Emtional erblindet Noah an seinem subjektiven Glauben und entlarvt dadurch den bessessenen Glauben, dem so viele religiöse Menschen egal welcher Religion verfallen. Dieser fatale Glaube findet sich in der Ansicht grauenhafte Taten in dem Namen des jeweiligen Gottes auszuführen und ist in Zeiten des Terrorismus und der ständigen Ausgrenzung heute präsent wie eh und je. In einer visuell perfekt gelösten Szene, in der sich Noahs Träume und Visionen mit der Realität vereinen findet Aronofsky eine weitere Wahrheit. In unmissverständlicher Sprache verdeutlicht der Kern dieser Szene, dass das Schlechte und Böse in Jedem ist. Noah erklärt diese Erkenntnis seiner Frau anhand ihrer Kinder, doch der Film geht in einer darauffolgenden Szene das notwendige Stück weiter. Wenn dort ein Charakter im Angesicht der Flut äußert, dass er wie der Schöpfer geschaffen ist über Leben und Tod zu richten, dann stellt dies eindringlich folgendes heraus: Auch in diesem Schöpfer, wie immer er auch geformt sei, befindet sich Böses, Negatives und Schlechtes, dass sich in den Wassermassen manifestiert.
Doch Noah ist kein eindimensional Besessener. Als er erkennnt welche Fehler er gemacht hat wird ihm das Ausmaß seines Überlebens bewusst. Zuvor hatte Aronofsky mit einer Kamerafahrt ins Dunkle bildsprachlich auf den Zwiespalt zwischen Noahs Handeln und der Schuld die ihn dadurch trifft hingearbeitet. Es sind die Schuldgefühle des Hinterbliebenen, die ihn zu keinem strahlenden Helden machen, sondern vielmehr zu einem Tragischen. Bevor ihm schließlich doch Gnade erwährt wird, verfährt er in seinem Handeln wie Menschen, dass immernoch tun. Er versucht den Schmerz zu betäuben und die ergreifende Wahrheit zu verdrängen. Bestehen unsere Leben nicht auch heute noch aus verschiedensten Verdrängungsmechanismen, die uns davon abhalten sollen echte Empathie zu spüren? Vergessen wir nicht auch gerne, die anderen Seiten der Welt? Sei es nur das indonesische Leben, welches unser günstiges T-Shirt herstellt? Aus den Emotionen Noahs entwickelt Aronofsky (wie in seinen anderen Filmen) gekonnt Berührungspunkte für Zuschauer verschiedenster Lebenshintergründe und hartnäckige Fragen.
Das Aronofsky ein Filmemacher von exzellenter Qualität ist, zeigt sich in der Bildsprache, die er für seine Themen findet. Lebhaft mischt er Comichafte Schattenspiele mit pulsierenden Visionsbildern. Er erschafft ausladende, große Bilder und sprintende Montagen zur Visualisierung der Handlung. Besonders in diesen Montagen findet sich der Filmkünstler Aronofsky, erinnern sie doch an die Technik der „Hip-Hop Montage“, die er in seinen frühesten Filmen perfektionierte. Während die anderen Schauspieler mal mehr, mal weniger zu tun haben, gibt Russell Crowe dem titelgebenden Charakter durchweg glaubwürdig Profil und Tiefe.
Schließlich ist Aronofskys „Noah“ ein Werk für Lebenspuristen. Er schreibt in deutlichen Worten ein Plädoyer für das Bewahren des reinen Lebens. Ein Leben, welches in der heutigen Zeit nicht mehr präsent zu sein scheint. In dieser Hinsicht ist eine Frage wie „Was haben wir aus dieser Welt gemacht?“ zwar plakativ, aber dennoch wichtig. Unfreiwillig muss sich der Zuschauer, nachdem er im Ende des Filmes die hellbunte Güte gefunden hat, auf dem Heimweg im Auto auf der Landstraße fragen, ob es diese gütige, reine Welt noch gibt. Eine Frage, die sowohl im kleinen, privaten Zusammenhang, aber aufgrund der Eindrücke des Filmes ungleich stärker im großen, kosmischen Zusammenhang zu erleben ist. Es ist also geglückt. Darren Aronofsky hat es geschafft. „Noah“ ist ein Film, der sicherlich seine Schwächen hat, aber die Kraft der Geschichte überwiegt diese. „Noah“ ist nicht der Film, den viele erwartet haben und nicht der Film, der alle zufrieden stellt, aber in all seinen Facetten und Ansätzen ist es ein Film zur rechten Zeit, denn er führt eindrucksvoll vor Augen, dass es eine unserer Grundaufgaben ist, uns um das Wohlergehen untereinander und um das Wohlergehen der Welt zu kümmern.
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