Vielleicht hat das Kino bessere Möglichkeiten, der Vergänglichkeit zu entkommen als das Leben. Das Kino kann sterben, aber die Bilder, die auf die Leinwand gebannt wurden können es nicht. In ihrer reinen Form leben sie weiter. Nicht nur in DVD Hüllen oder Retrospektiven, sondern vor allem in den Köpfen der Zuschauer. In dem Moment des Auftreffens eines filmischen Meisterwerks auf einen aufmerksamen Zuschauer existiert stets das Potential einen magischen Augenblick zu schaffen. In diesem Augenblick erfüllt das Kino seine Bestimmung und der Zuschauer erkennt sich selbst in der Größe des Filmes. Es sind diese kleinen Momente in denen die Kraft des Kinos unendlich wird und die Vergänglichkeit aller Dinge zurückgelassen werden kann. Paolo Sorrentino schafft mit seinem Film „La Grande Bellezza — Die große Schönheit“ (2013) ein Werk, das unvergesslich ist. Nach dem Sehen manifestiert er sich in unseren Köpfe und berührt uns immer wieder.
„La Grande Bellezza“ beginnt mit einem rauschenden Fest. Es ist der 65. Geburtstag des Schriftstellers und Journalisten Jep Gambardella (Toni Sevillo), den er zusammen mit Freunden aus Roms Oberschicht auf dem Dach eines Hochhauses feiert. Die Party ist exzessiv und dauert bis in die Morgenstunden an. Später wird klar, dass Jep diesen Lebensstil schon seit langer Zeit pflegt. Sich von einer Feier zur nächsten bewegt und all dem Guten im Leben frönt. Doch mit jener Geburtstagsfeier und einer Nachricht aus seiner Vergangenheit beginnen sich die Zweifel in ihm zu mehren. Er beginnt Dinge zu hinterfragen und die Perspektiven auf sein Leben zu verschieben.
In seinem Kern ist „La Grande Bellezza“ gar nicht so verschieden von einem anderen Film des Jahres 2013. Auch „Spring Breakers“ von Harmony Korine hat auf seine Weise das Leben und einen Lebensstil hinterfragt. Korine findet hinter seinen schillernden Fassaden eine gähnende Leere. Sorrentino ist in dieser Hinsicht optimistischer. Die Suche nach der großen Schönheit ist getragen von exquisiten Momenten der Schwerelosigkeit. Immer wieder wird Jep Gambardella von anderen Personen gefragt warum er nach seinem ersten Buch nie ein Zweites geschrieben hat. Zunächst kann er diese Frage nicht beantworten, doch in einem Moment von Klarheit erkennt er, dass sein Leben nur eine Hülle ist. Er erkennt, dass sich hinter dieser Hülle nichts verbirgt und das sein Leben nicht beschreibenswert ist. Sorrentino stellt dem Zuschauer und seiner Handlung einige dieser Fragen. Was ist die große Schönheit? Was liegt hinter all diesen Momenten? Was liegt hinter all den Fassaden? Was bleibt, wenn wir einen Blick zurück werfen? Was macht das Leben lebenswert? Gambardella hat Schwierigkeiten Antworten auf diese Fragen zu finden. Er ist gefangen in seinem Leben, doch in Augenblicken tiefer Melancholie verspürt er eine Sehnsucht nach den Antworten.
Paolo Sorrentino gibt uns manche dieser Antworten klar und deutlich. In dieser Hinsicht ist „La Grande Bellezza“ kein versteckter Film. Der plakative Exzess der Dekadenz wird schnell als Fassade enttarnt. Das schnelle Leben der römischen High Society ist nur eine glamuröse Oberfläche, die ihre Protagonisten verschluckt. Dank der einzigartigen Schönheit Roms und der kulturellen Monumente, die sich durch den Film ziehen fällt es Sorrentino leicht das Bild einer leeren Gesellschaft zu zeichnen. Gekonnt kontrastiert er die verschiedenen Bilderstürme und verankert in seiner Bildsprache den zentralen, emotionalen Konflikt Jep Gambardellas. Der wiederum spürt seine Vergänglichkeit und auch die seiner Freunde. Er ist gerührt von einem normalen Ehepaar, von der Präsenz einer Heiligen und von den Erinnerungen die sein Leben verdrängt hat. Sein Glück liegt in der Vergangenheit, bevor er in das mondäne Leben Roms eingetaucht war. Dort liegt die reale Welt und eine Wirklichkeit, die sein Leben besonders macht.
Ein Blick auf die filmischen Mittel, die Paolo Sorrentino einsetzt, erklärt die Größe des Filmes. In einem hypnotischen Sog aus Bildern und Musik bringt der Regisseur dem Zuschauer seine Handlung und die Stadt Rom näher. Die Bildsprache ist ruhig und abgeklärt und findet in jeder Kameraeinstellung Schönheit. Musikalisch kontrasitiert Sorrentino sinnbildlich für die erzählte Handlung sakrale Stücke mit profanen Partygeräuschen. Diese Mischung wirkt sich stark auf den Film aus und ebenso intensiv beim Zuschauer nach. Schließlich lässt Sorrentino Toni Servillo die Hauptrolle spielen. Servillo besitzt ein aus Stein gemeißeltes Gesicht, einen Charakterkopf, der für die Kamera gemacht ist. Gerade in einer Handlung die mit der Realität hinter Fassaden spielt ist Servillos markantes Gesicht ein großes Bild. Mühelos schaltet er zwischen den verschiedenen Aspekten seines Lebens hin und her. Unvergessen ist dabei seine Mimik und sein eindringliches Schauspiel. Es ist schlicht umwerfend diese Emotionen und diesen Menschen zu erleben.
„La Grande Bellezza“ ist ein zutiefst romantischer Film. Er spielt stets mit den Kontrasten des Lebens und lässt sie auf romantische Weise vor den Augen des Zuschauers entstehen. In seiner Aufgabe als Journalist besucht Jep Gambardella eine Ausstellung, in der unzählige Momente des Lebens präsentiert werden. Sorrentino argumentiert auf diese Weise, dass unser Sinn gar nicht versteckt ist. Er befindet sich in jedem Moment, den wir aktiv leben. In jedem Moment, in dem wir die lauten Geräusche zurückfahren und für wahre Gespräche offen sind. Dann sind die Oberflächen unseres Lebens nicht nur ein Trick um die Leere zu verbergen und wir betrügen uns nicht mehr selbst. Vergänglich sind wir trotzdem, doch die große Schönheit, mag sie noch so kontrastreich sein, kann jegliche Grenzen aufheben.
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