Die größte Geschichte

Ain’t them Bodies Saints (2013)


Jeden Tag begegnen uns unzählige Geschichten. Manche sind wichtiger, andere sind unwichtig und stets ist die Aufnahme und die Wertigkeit von subjektiver Natur. Der Filmemacher David Lowery erzählt ebenfalls Geschichten. Doch bei ihm liegt die Messlatte hoch, denn David Lowery will nichts weniger als die größten Geschichten erzählen. Die Handlungsübersicht seines Kurzfilmes „Pioneer“ (2011) liest sich dementsprechend faszinierend. Dort heißt es: „Ein Vater erzählt seinem Sohn die epischste Gutenachtgeschichte aller Zeiten!“ Ob er dies im Laufe des 15 Minuten langen Filmes schafft ist eine Diskussion wert. Die Tatsache jedoch, dass sein neuester Film „Ain’t Them Bodies Saints“ (2013) in seiner Geschichte ähnlich umgreifend angelegt ist ist bemerkenswert.

David Lowery ist das was man einen Newcomer nennt. Nachdem er einige Kurzfilme und einen Langfilm quasi ohne Budget zusammengestellt hatte ist „Ain’t Them Bodies Saints“ sein erster Film, der weiterreichende Resonanz zeigt. Dies liegt eindeutig an seiner universellen Handlung. Auch wenn dieses Werk weitestgehend in Texas angesiedelt ist gelingt es Lowery den Ort zu verlassen und die Emotionen für Menschen im Allgemeinen greifbar zu machen. „Ain’t Them Bodies Saints“ ist eine Liebesgeschichte, eine Erzählung, ein Drama und in vielerlei Hinsicht auch ein Western. Die Einordnung fällt deshalb schwer, weil Lowery es geschickt schafft verschiedene Elemente miteinander zu verbinden. Zu Anfang des Filmes steht das Versprechen der Liebenden Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck), die sich schwören einnander niemals zu verlassen. Bob ist jedoch ein Outlaw und Kleinkrimineller. Nach einer prekären Situation, in der er die Schuld Ruths auf sich nimmt und sich den Behörden stellt wandert er zunächst einmal in das Gefängnis. Während seiner vierjährigen Inhaftierung gebärt die schwangere Ruth eine gemeinsame Tochter. Die eigentliche Handlung des Filmes beginnt in dem Moment, indem Bob aus dem Gefängnis ausbricht und sich auf die Reise macht um seine geliebte Frau und sein unbekanntes Kind wiederzusehen.

Von Beginn an entwickelt dieser Film einen hypnotischen Sog, der bis zum letzten Bild anhält. Die Handlung, um die beiden dem Schicksal verfallenen Liebenden entfaltet sich unaufhörlich, da keine Szene zu viel oder zu wenig vorhanden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit findet Lowery leere Räume und die Auswirkungen verschiedener Taten. Sein Hauptaugenmerk liegt unter anderem nicht daran einen Überfall zu zeigen, sondern das was die Beteiligten danach erleben. Dieses Gefühl entwickelt sich über seine filmische Sprache weiter. Bewusst werden Handlungen nicht gezeigt, sondern müssen vom Zuschauer zusammen gesetzt werden. Zu einem großen Teil funktioniert der gesamte Film auf diese Weise, denn am Ende ist es der Zuschauer, der nach der Handlung zurück bleibt und in sich hinein blickt.

Stilistisch greift Lowery in die Lichtkiste und schafft so eine Welt voller Kontraste. Auf diese Weise ist Casey Afflecks Charakter Bob stets von Dunkelheit umgeben. Seine geliebte Ruth dagegen badet über weite Strecken des Filmes im Licht. Ganz praktisch inszeniert werden jedoch auch ihre Bildkompositionen mit dem näherkommenden Bob dunkler. Ein weiterer Kontrast liegt in den Bildern weiter Natur, die Lowery immer wieder in seinem Film platziert. In diesen liegen all die rauen Emotionen, die auch in den handelnden Personen wohnen. Der sehnsüchtige Blick auf den Horizont, die Schuld die Bob für Ruth auf sich nahm und die weite, endlose Liebe, in der sie sich vereinigen. Diese Emotionen finden sich ebenfalls in der treibenden Kraft der Musik wieder. Der Soundtrack wird dabei in ausgewählten Momenten durch das anschwellende Klatschen von Händen begleitet, welche intensive Szenen erblühen lassen.

Intensiv ist auch das Schauspiel. Zu dem grandiosen Duo Casey Affleck und Rooney Mara gesellt sich der nicht minder gute Ben Foster in einer kontrollierten, schmerzhaft schönen Vorstellung des Sheriffs. Zu dritt vereinen sie eine geballte schauspielerische Kraft, die so nur selten auf der Leinwand versammelt werden kann. Casey Affleck unterstreicht mit diesem Film aufs Neue, wie gut er das Material an dem er arbeitet auswählen kann.

„Ain’t Them Bodies Saints“, dessen lyrischer Titel nichts mit dem eigentlichen Film zu tun hat präsentiert sich als klassischer Film. Es ist nicht genau auszumachen in welchem Jahr er spielt, doch sicher ist, dass es dort noch keine Smartphones oder Dergleichen gibt. Die Briefe die Bob und Ruth einander schreiben sind Gegenstände einer heute vergessenen, romantischen Welt. Der geschriebene Brief ist hier ein klassisches Mittel, welches die Stimmung der beiden Charaktere und ihrer Emotionen überträgt. In dieser Hinsicht ist die Geschichte groß und umspannend, denn auch der Gedanke des Wartens und Zusammenseins besitzt eine klassisch romantische Kraft, die diese Erzählung benötigt. David Lowerys Werk ist mit seinem sich langsam entfaltenden Sog wie aus einer anderen Zeit. Am Ende ist es die Schicksalshaftigkeit der Erzählung, die ein Finale schafft, welches über den Film hinaus nachzuwirken vermag.

David Lowery selbst ist hier der Vater einer epischen Geschichte des Kinos. Er erzählt sie mit der Eindringlichkeit, die den Zuschauer zu seinem aufmerksamen Kind werden lässt. Staunend ob der vielschichtigen Facetten und verzaubert durch die tiefen Emotionen an denen er teilhaben darf. „Ain’t Them Bodies Saints“ ist ein Film, den nicht jeder sehen wird, aber es ist einer dieser Filme, die jeder sehen sollte. In einigen Jahren , wenn David Lowery hoffentlich der endgültige Durchbruch gelungen sein wird, wird dieses Frühwerk nicht nur in seiner Filmographie als Meisterwerk gelten.

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