Ein animierter Film
Mary and Max (2009)
Immer wieder finden sich auf dem staubigen Dachboden der Filmgeschichte besondere Fundstücke. Das Haus der Animationsfilme wird seit je her von einer wachsenden Zahl seichter Filme bevölkert. Doch hin und wieder kommt ein Film daher, der diese Filmgattung weiterbringt. Einer, der wagt mehr zu sein als nur ein Spaß für die ganze Familie oder eine Motivation für eine Wildwasserbahn. Diese seltenen Exemplare sind erwachsene Animationsfilme, die sowohl künstlerisch als auch erzählerisch überzeugen können. Eine dieser Ausnahmen nennt sich „Mary and Max“ (2009) gefilmt von dem australischen Regisseur Adam Elliot.
Die Geschichte wird im Ganzen aus der Sicht von den beiden titelgebenden Charakteren erzählt. Mary ist acht Jahre alt und lebt in einer Vorstadt Melbournes. Sie ist einsam und findet auch in ihrer alkoholabhängigen Mutter und dem stumpfsinnig arbeitenden Vater keinen Halt. Eines Tages entscheidet sie sich einem unbekannten Menschen aus dem Telefonbuch einen Brief zu schreiben und sendet diesen Brief zu dem New Yorker Max. Max ist alt, stark übergewichtig und besitzt ebenfalls große Schwierigkeiten mit Menschen und dem Kennenlernen von Menschen. Trotzdem antwortet er Mary und es beginnt ein unwahrscheinlicher Briefwechsel.
Die beiden Protagonisten könnten gegensätzlicher nicht sein. Auf der einen Seite steht das kleine Mädchen mit den großen Träumen. Ein Mädchen, das verzweifelt versucht aus ihrer eigenen Welt zu entfliehen. Sie stellt sich ihre Traumhochzeit vor und phantasiert über das Leid ihrer Familie. Mary ist durch und durch unbefleckt und auf diese Art und Weise findet der Film einen Teil seiner Atmosphäre. Ihre Unbekümmertheit und Unerfahrenheit bringt eine Leichtigkeit, die die Tragik ihrer eigentlichen Situation verschleiern, aber nie verstecken kann. Die Erzählung bleibt hier dem Charakter der Mary vollkommen treu und ebenso wird Max behandelt. Max ist der Gegensatz, der eigentlich keiner ist. Er ist ein Mann, der sich festgelegt hat. Zurückgezogen in seine eigene Welt hat er sich dort zu Recht gefunden und lebt nach präzisen Regeln und Zielen. In vielerlei Hinsicht ist dieser Max zu Anfang der Geschichte eine sehr verschlossene Person, die zwar nach wahrer Freundschaft sucht, aber nicht weiß wie er sich dieser öffnen kann. Der Kontrast der beiden Lebenswelten wird dabei explizit, visuell ausgedrückt. Das dunkle, vermüllte New York stellt in dieser Hinsicht den Gegensatz zu der hellen natürlichen Umgebung Marys dar. Von dieser Darstellung lassen sich weitere Rückschlüsse auf die beiden Hauptcharaktere ziehen. Marys helle Lebenswelt befindet sich zumindest zu Anfang der Geschichte auch um sie herum. In dieser Hinsicht hat sie sich nie ganz mit ihrer Situation abgefunden und hat den Willen sie zu ändern. Das wechselnde Wetter in ihrer australischen Heimat ist dabei eine Art Kommentar zu ihrem Gemütszustand. In New York dagegen ist Max umschlossen von einer Welt, in der er nur noch (wortwörtlich) den Müll wegräumen möchte. Er hat in seinem Alter nicht die Willenskraft der Mary und dies zeigt auch seine Umgebung. Elliots Charakterzeichnung ist durchweg dreidimensional, da er mit Mary und Max echte Charaktere erschaffen hat und nicht nur digitalisierte Abziehbilder.
„Mary and Max“ ist ein Werk, dass eine große Leinwand verdient, denn es schafft wahre Kinomomente. Man möchte die wunderbare Musik hervorheben, die in den richtigen Szenen in den Vordergrund rückt. In einer Szene fliegen Finger virtuos im Takt der Musik über die Tasten einer Schreibmaschine. In einer anderen wird mit pompöser Musik eine surreale Traumsequenz geschaffen, obwohl sich die Ereignisse wirklich abspielen. Dies ist ein Moment reiner Kinofreude. In gleicher Manier gestaltet sich das Tempo des Filmes rasant, doch schafft es Elliot die dichte Handlung nicht unangenehm zu beschleunigen. Ganz im Gegenteil nimmt er den Zuschauer mit auf eine Reise und bringt diese in einer emotional triefenden, erstklassigen letzten Szene zu Ende.
Im Kern dieser Reise befindet sich das Thema, welches Menschen in jeder Sekunde ihres Lebens beschäftigt. Freundschaft. „Mary and Max“ zeigt auf liebevolle Weise was Freundschaft ist und wie diese funktioniert. In beiden Charakteren wächst diese Freundschaft heran und ist derart unschuldig, dass der Zuschauer tief berührt wird. Sowohl Mary als auch Max lernen hierbei, dass Freundschaft kein Selbstläufer ist. Manchmal erfordert sie ein Wagnis, manchmal ein Opfer und stets ist es eine Frage des Befreiens von persönlichen Hindernissen, die Freundschaft möglich macht. Sozusagen als Zusatzpunkt schlägt Elliot noch eine weitere Saite an. Wie steht es mit der Freundschaft zu sich selbst? Ist dies vielleicht ein weitaus schwieriger zu erreichender Level an Freundschaft? Im Film benötigen die Charaktere andere Menschen um diese Eigenfreundschaft zu erreichen. Das Mantra „Love yourself first“ impliziert dabei nichts egoistisches oder arrogantes. Es bezeichnet schlicht die Absicht mit sich selbst im Reinen zu sein, sich selbst als Freund zu akzeptieren. Mit all den guten und schlechten Eigenschaften die wir besitzen. Dem verschrobenen Humor und der tiefgreifenden Tragik. Diese Art der freundschaftlichen Selbsterkenntnis ermöglicht einen besseren, stärkeren Halt zu anderen Menschen. Im Zeichen dieses Themas steht auch der Film selbst. „Mary and Max“ ist sein eigener bester Freund und auf dieser Basis öffnet sich der Film weit für seinen Zuschauer.
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