Ein Richard Linklater Film
Tape (2001)
In Deutschland lief er nie und bis heute gibt es keine DVD Veröffentlichung hierzulande. Innerhalb von 6 Tagen und mit einem kleinen Budget von 100.000 Dollar gedreht ist Richard Linklater mit „Tape“ (2001) dennoch ein Meisterwerk gelungen. Vielleicht zählt dieser gänzlich unbekannte Film zu den verstecktesten Geheimnissen der Filmgeschichte, auch wenn sein Regisseur zumindest in den letzten Jahren zaghaft die Anerkennung bekommt die Ihm gebührt. Linklater, dass ist ein Name der für Innovation steht. Linklater, dass ist ein Mensch, der das Medium Film an seine Grenzen und darüber hinaus bringt. Einem gewissen Publikum ist er durch die einzigartig grandiose „Before“ (1995, 2004, 2013) Filmreihe bekannt. Doch es gibt da auch noch „Slacker“ (1991), „Dazed and Confused“ (1993), „Waking Life“ (2001) und „Bernie“ (2011). Später in diesem Jahr wird sein neuer Film „Boyhood“ erscheinen, den er über 12 Jahre mit den gleichen Schauspielern drehte. Ein Langzeitprojekt, dass es in dieser Art noch nie zuvor gegeben hat. Der Film, der als Basis zu diesem Artikel dient, trägt ebenfalls die einzigartige, mutige Handschrift Linklaters.
„Tape“ erzählt in Echtzeit genau 86 Minuten. Alle 86 Minuten spielen sich in dem beengten Raum eines Motelzimmers ab. Dort empfängt Vincent (gespielt von dem oft unterschätzten, aber stets eindringlichen Linklater Darling Ethan Hawke) seinen alten Schulfreund Jon (Robert Sean Leonard). Es beginnt ein Gespräch und bald wird klar, dass sich der Schlüssel (Amy gespielt von Uma Thurman) zu diesem Gespräch in ihrer Vergangenheit befindet. Mehr soll an dieser Stelle nicht zur Handlung des Filmes gesagt werden, denn ein frisches Auge ist hier wertvoller denn je.
„Tape“ ist einer der Linklater Filme, der seine energetische Kraft zu großen Teilen aus den Charakteren schöpft. Wie kein Zweiter besitzt dieser Regisseur das Handwerk, philosophische Fragen durch die Zeichnung der Personen zu präsentieren. Doch ein reines Stellen dieser Fragen reicht ihm nicht aus. Vielmehr lotet er durch die handelnden Personen mögliche Antworten aus, ohne sich dabei endgültig für eine Richtung zu entscheiden. Stets ist der Zuschauer auf Augenhöhe und eine Identifikation kann zu jedem Moment in jede Richtung passieren.
Für Vincent, der seinen Lebensunterhalt als freiwilliger Feuerwehrmann und Drogendealer verdient, zählt nur die reine Ehrlichkeit. Seit dem Ende seiner Schulzeit hat er sein Leben so gelebt, wie er es wollte und sich nie durch vermeintlich hochgestochene Ziele leiten lassen. Mehrmals deutet er in Selbstreflektion ein vollkommenes Verständnis und eine Akzeptanz seiner Situation an, doch schließlich muss er erkennen, dass auch er nur aus seiner Perspektive schaut. Sein vermeintlich lockerer Lebensstil ist zu einer Maske geworden, die er sich aufsetzt um seine Umstände zu negieren. Vincent besitzt in dieser Hinsicht eine klare Einstellung zu den überlagernden Motiven des Filmes. Auf der einen Seite steht dort der Umgang mit der Vergangenheit und der Gegenwart. Auf der anderen Seite befindet sich das Thema Perspektive. Hinter dem Verhalten der charakterlichen Standfestigkeit verbirgt sich ein Mensch, der eine verdrängte Beziehung zu sich selbst führt. Genau jenes Entlarven, welches er für andere Menschen plant, geschieht mit ihm selbst im Laufe des Filmes. In seinem Kopf befinden sich immer noch die leitenden Gedanken aus der Vergangenheit, die er in der langen Zeitspanne bis zum Wiedersehen mit Jon nicht hinter sich lassen konnte. Gut kann der Zuschauer sich vorstellen, wie Vincent sich über Jahre immer wieder eine Geschichte erzählt hat, die auf seiner Vergangenheit basiert. Irgendwo in dieser Zeit wurde die Geschichte jedoch zur Basis seines Handelns und seiner Perspektive. Wie schaffen wir es unsere Perspektive zu wechseln und wirklich zu sehen, was vor sich geht?
Jon ist das Gegenteil von Vincent und damit schafft „Tape“ die klassische Konstellation zweier Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jon ist Filmemacher und besitzt klare Ideale, ein vermeintlich festes Selbstbild und das Streben nach einem aufrichtigen Leben. Dieses Selbstbild basiert auf der Ansicht, das seine vergangene Persönlichkeit ein anderer Mensch ist. Stets betont er dies und schafft so eine unsichtbare Trennwand zwischen seinem momentanen Leben und dem was ihn früher bewegte. Schnell wird klar, dass auch dieses Selbstbild nur aus seinen eigenen Gedanken besteht. Über Jahre hat er sich selbst erfunden, um eine Oberfläche zu projizieren, die über seine Unsicherheiten hinwegtäuscht. Aus diesem Grund versteckt sich hinter seinen Augen ein Gedankengut, welches froh über die Konfrontation mit dem anders gepolten Vincent ist. Tatsächlich kommt der Zuschauer nicht umhin zu merken, dass Jon das Gespräch zu befürworten scheint und sich diesem immer wieder erneut hingibt. Linklater hält auch Jon auf spannende Weise einen Spiegel vor, der ihn dazu zwingt seine Vergangenheit zu verstehen und erneut in sich aufzunehmen, nachdem er sie so lange von sich abgespalten hatte. Seine Perspektive auf das was damals geschehen war wird in diesem Prozess mehrmals gedreht und gewendet. Bezeichnenderweise müssen diese klärenden, erkenntnisreichen 86 Minuten genau am Vorabend vor der Uraufführung seines ersten Filmes stattfinden. Der große Tag darf also erst kommen, nachdem die Vergangenheit gelöst ist. Was bedeutet eine Entschuldigung?
Schließlich gibt es mit Amy das Zünglein an der Waage der beiden Männer. Ganz im Gegensatz zu Vincent und Jon scheint Amy sich vollkommen klar zu sein. Im Moment ihres Auftrittes umgibt sie ein Gefühl der Reinheit und Gelassenheit, welches beide anderen Charaktere nicht besitzen. Diese wahre Standfestigkeit offenbart sie in ihren Filmminuten mehr und mehr. Standfest ist in dieser Hinsicht nicht nur ihre Vorstellung von sich selbst, sondern auch ihre Beziehung zu der Vergangenheit mit welcher beide Männer hadern. Aufgrund ihres gefestigten Charakters ist sie auch diejenige, die erkennt welch bedeutender Moment das Gespräch in den Leben von Jon und Vincent sein kann. Sie ist es die in mehreren Stufen Handlungen unternimmt, die beiden männlichen Personen Anlass geben ihre Perspektiven zu wechseln. Die Stärke für diese Handlungen nimmt sie dabei aus der einfachen und doch überdauernden Erkenntnis, dass man erste Liebe nicht vergisst. In letzter Instanz erweist sie sowohl Vincent, als auch Jon einen Dienst, der beide aus ihren Perspektiven reißt. Wortwörtlich spült Vincent auf ihr Handeln hin seinen Lebensinhalt weg und erschafft sich dadurch einen Moment der Reinheit und Läuterung. Jon erfährt auf anderem Wege eine ähnliche Läuterung, da er die Person aus seiner Vergangenheit, mit seiner Aktuellen zusammenbringt und sich derart den zum Ziel gesetzten Moment wahrer Größe ermöglicht. Was bedeutet Freundschaft?
Richard Linklater ist ein filmischer Virtuose. In „Tape“ arbeitet er, abgesehen von einem wunderbar passenden Lied über dem Abspann, vollkommen ohne Musikeinsatz. In jeder Minute inszeniert er auf Augenhöhe mit den Charakteren und vor allem auch mit dem Zuschauer. Gekonnt brilliert eine Kameraführung, die mit Nähe und Ferne spielt, schwenkend Perspektiven wechselt und durch unnatürliche Einstellungen einen einbindenden Sog entwickelt. Es ist eine Kamera, die in jeder Einstellung weiß warum sie so platziert wurde und niemals nur fotografiert. Sie tastet das Zimmer und die Charaktere mit präzisen Gesten ab und lässt ganz im Sinne des Filmes keine Schlupflöcher. In den Bildfeldern spielen sich magische Schauspielleistungen ab, die dem grandiosen Drehbuch nahbare Realität verleihen. Zugleich ist „Tape“ am Meisten Film und am Wenigsten Film, denn er ist näher an dem was Realität sein könnte als der Zuschauer fassen kann. Der Schlüssel zu der Komplexität des Filmes liegt in der Einfachheit der Form. Innerhalb dieser streng limitierten Form tun sich ungeahnte Räume auf, die beeindruckende philosophische Tiefe ermöglichen. Welcher ist der Pfad der Ehrlichkeit im Leben?
„Tape“ ist herausfordernd, fordernd, clever, intelligent und ebenso inspirierend. Richard Linklater gelang mit diesem Film im Jahre 2001 ein erstklassiges, einzigartiges Werk über große Fragen. In unnachahmlicher, realer Art porträtiert er zwei Männer und eine Frau und unser aller Verlangen nach Antworten. Das Leben erscheint wie eine Aneinanderreihung von Fragen. Konkreten und Subtilen. Kurzen und Weitreichenden. Linklater weiß keine definitive Antwort auf die Fragen, doch mit seinem filmischen Schaffen bringt er uns stets mehr dazu uns selbst zu begreifen. Das sich das Ende des Filmes nach einem Happy End anfühlt, aber dabei genauso unaufdringlich ist wie weltliches Glück ist kein Zufall. Genauso wenig ist es kein Zufall, dass „Tape“ ein unbekanntes Meisterwerk geblieben ist. Denn ganz im Sinne des Inhalts ist auch hier die Frage: Stellen wir uns den anspruchsvollen Aspekten oder verdrängen wir sie?
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