Eine Ode an das Fahrradfahren

Warum nur habe ich das Fahrrad genommen?


Eine Frage, die mir auf meinem kilometerweiten Ausflug schon nach ungefähr 10 Minuten in den Kopf springt. Warum nur habe ich das Fahrrad genommen? Warum nehme ich Schmerz und Stress auf mich, wenn es auch einfacher ginge? Wenn ich als relativ ungeübter Hobbyradler eine 70 Kilometer lange Strecke bewältigen möchte, dann gehört diese Frage zum Basisprogramm der Radwege. Das Auto hätte ich nehmen können und die Zeit der Fahrt so verkürzen, besser verwenden können. Doch aus irgendeinem Grund habe ich die Faszination und den Willen entwickelt es zu tun. Die Herausforderung anzunehmen und zu gewinnen. Am Tag zuvor hatte ich eine Liste zusammengestellt. Dinge, die ich während der Fahrt brauche. Dinge, die während des Aufenthalts und auch auf der Rückfahrt gebraucht werden. Schließlich möchte ich vorbereitet sein, auf das was vor mir liegt. All diese Dinge, die ich brauchen könnte sollen mir die Reise erleichtern. Das Schöne an einer langen Strecke ist jedoch, dass mit der oben stehenden Frage jegliche Planung egalisiert wird. Bis zu dem ersten Erklingen der Frage hat man noch darüber nachgedacht, was man vergessen haben könnte, aber ab jenem Moment sind die Würfel gefallen und die Gedanken wenden sich anderen Dingen zu. Die Beantwortung der Frage zählt nur einige wenige Kilometer zu diesen Dingen.

Ich denke, dass die wahre Form des Fahrradfahrens eine lange Strecke beeinhalten muss. Eine lange Strecke und einen einzelnen Fahrer. Erst dann kann man die eigene Begeisterung kennen lernen und herausfinden, was es ist, dass eine solche Tour besonders macht. Plötzlich beschäftigt man sich mit grundlegenden Problemen, die in diesem Szenario existentiell sind. Man versucht von vorn herein einzuschätzen, was der eigene Körper zu vollbringen im Stande ist und man hört ihm wirklich zu. Innerhalb von einigen Stunden sind die Grenzen ausgelotet, sodass klar ist wann der richtige Zeitpunkt zum Trinken, für eine Pause oder einen schnelleren Tritt ist. Die erhöhte Aufmerksamkeit spürt jeden Stich in den Beinen und interpretiert jede Geste des Körpers. Mit den Ergebnissen wird instinktiv der weitere Verlauf der Reise geplant. Zusätzlich ist das Fahrradfahren auch ein Zusammenspiel von Mensch und Maschine und so hört der Mensch auch dieser Maschine zu. Ein ungewohntes Surren der Kette, eine Fehlschaltung im siebten Gang oder das Schlagen der Bremse werden zu einer Geräuschkulisse, die jeden MP3-Player verstummen lässt. Doch trotz dieses Levels an Aufmerksamkeit ist es nicht die rein aktive Wahrnehmung die zuhört. Vielmehr geschieht dies unterbewusst und in einer merkwürdigen Form parallel zu dem aktiven Bewegungsablauf des Fahrens.

Dieser Bewegungsablauf ist zielgerichtet und konzentriert sich auf das offensichtliche Ziel, dargestellt durch ein Straßenschild in weiter Ferne. In diesem Askept bekommt auch jede längere Tour den Charakter eines Radrennens. Der Monolog des Unterbewusstseins weiß stets genau wie viele Kilometer noch zu fahren sind und gibt diese Daten lautstark weiter. Die 20 Kilometermarke vor dem Ziel. Die grüne Ampel, die ich noch bekommen werde. Der Typ auf dem Rennrad, an dessen Hinterrad ich mich unauffällig hänge. Das letzte Mal einen Zug aus der Trinkflasche nehmen und dann einen Tempowechsel einleuten. Das große Ziel in der Ferne, mit dem so viele Gedanken und Gefühle verknüpft sind. All dies ist Teil des Fahrens und passiert ganz automatisch ohne größeren Einfluss. Auch wenn versucht wird verschiedene Gedanken längerfristig auszublenden, so führt schon die geistige Bewegung des Ausblendens nur zu einem verstärkten Nachdenken über Dieselben. Wie war das noch mit dem Elefanten? Denkt jetzt, liebe Leser, nicht an Elefanten!

An was denkt ihr?

Schließlich gibt es auf jeder Tour diesen einen Moment. Eher als ein Moment ist es wohl ein Zustand des Körpers und des Geistes. In diesem Zustand wird über nichts mehr nachgedacht und alle vorherigen Gedanken oder Probleme sind verschwunden. Man merkt erst wenn es wieder vorbei ist, dass man etwas erfahren hat. Das etwas merklich Besonderes passiert ist. In diesen Momenten fährt der Körper einfach weiter und der Geist spürt etwas, dass dem Gefühl von Freiheit sehr nahe kommen muss. Vielleicht ist diese Schwerelosigkeit auch wirklich Freiheit. Freiheit zu sein wer man ist und tief in sich selbst zu sein. In anderen Worten ist dies ein verwandelnder Moment, der uns loslöst und Frieden gibt. Die Erfahrung dieses Gefühls möchte, muss mitgenommen werden, wenn vom Sattel gesprungen wird. Denn ob das GPS ausgefallen ist oder der Rucksack gerissen ist, dass interessiert nicht mehr lange. All das erhöht nur den Spaß und gibt der ganzen Arbeit, die eine solche Tour erfordert eine zusätzliche Schönheit. Das Gefühl jedoch interessiert und die damit verbundene Freiheit tut es auch. Mit dem Auto ist deutlich mehr aktive Aufmerksamkeit gefordert, doch mit dem Rad auf einer endlosen Gerade zwischen Grevenbroich und Pulheim kann man sich diesen Momenten hingeben. Man kann sie auskosten und erfahren und schlussendlich wird man sich auch deswegen irgendwann wieder auf einen rissigen Ledersattel schwingen, der gestützt von einem Aluminiumrahmen von zwei dünnen Gummirädern getragen wird.

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