Gefangen in Labyrinthen

Prisoners (2013)


„I like it, it’s got layers!“. Diese Worte, gesprochen vom großen Christopher Walken in “Seven Psychopaths” (2012, Regie: Martin McDonagh) beschreiben auf den Punkt treffend was einen wirklich guten Film ausmacht. Martin McDonagh hat sie nicht ohne Grund in das Drehbuch zu seinem Film geschrieben, denn auch dieser hat „Layers“ (dt.: Ebenen). Eine dieser Ebenen war sein eigentümliches Spiel mit dem was Kino ist. Zu dem Thema dieses Artikels passt Walkens Zitat vortrefflich, denn der Film „Prisoners“ (2013, Regie: Denis Villeneuve) besitzt ebenfalls einige Ebenen und funktioniert zudem sehr gut auf Diesen.

In Zeiten wo alles immer schneller, lauter und vordergründig beeindruckender sein muss, kommt „Prisoners“ wie eine filmische Erlösung daher. So gibt Denis Villeneuve seinem Film und dessen Handlung gute zweieinhalb Stunden Zeit sich zu entfalten. Diese langsame Erzählweise tut einer Geschichte, die auf ihrer Thrillerebene von überraschenden Wendungen lebt sehr gut. In „Prisoners“ verschwinden in der Exposition die Töchter zweier Elternpaare (Hugh Jackman/Maria Bello und Terrence Howard/Viola Davis). Nach einer kurzen eigenständigen Suche der Eltern übernimmt Detective Loki (Jake Gyllenhaal) den Fall. Er versichert den Eltern, das er ihre Kinder finden wird, unter anderem da er bisher jeden seiner Fälle lösen konnte. Doch trotz der Bemühungen des Detectives schaltet sich Keller Dover (Hugh Jackman) in Eigenregie in die Suche seiner Tochter ein. An dieser Stelle sei genug zur Handlung des Filmes gesagt. Die Ausgangssituation ist also eine nicht Unbekannte, sondern eine die wir aus vielen anderen Filmen in ähnlicher Form kennen. Aus diesem Grund könnte „Prisoners“ schnell in das Thrillergenre eingeordnet werden, oder unter „Serienkillerfilm“ abgestempelt werden. Bei diesem Werk handelt es sich jedoch um mehr. Denis Villeneuve hat kein Genrefilm gedreht, er hat einen Film gedreht.

Ein guter Film beginnt mit einem guten Drehbuch und „Prisoners“ hat ein Großartiges. Es ist beeindruckend zu sehen wie ein Ensemble, welches aus acht interessanten Charakteren besteht schlüssig zusammen gehalten wird. Aaron Guzikowski manifestiert das Dilemma seiner Geschichte in jeder dieser Personen, welche vielschichtig und komplex präsentiert werden. Keller Dover und Detective Loki stechen hierbei als Hauptcharaktere heraus. Für Hugh Jackman, der die Rolle des hart arbeitenden Familienvaters bekleidet ist diese Rolle eine Chance sich von einer neuen Seite zu zeigen. Selten war er so gut und nie konnte er einen Charakter derart emotional mitreißend zum Leben bringen. Keller Dover ist es auch, der durch sein ambivalentes Handeln immer wieder sicher stellt, das der Zuschauer nicht wissen kann was wirklich passiert (ist). Jake Gyllenhaal brilliert als Detective Loki. Wie einige andere Personen in diesem Film stellt auch er das titelgebende Motiv des Gefangenen dar. Er kann nicht aufhören zu suchen und ist vollkommen in seinem Job gefangen. Loki wird als gebrochener Mann gezeigt, der seinen Fällen immer weiter hinterherjagen muss. Jake Gyllenhaal gibt seiner Rolle eine vordergründig ruhige Fassade, doch durch diese Professionalität und repräsentierte Stärke überspielt er nur die Abgründe die sich in ihm befinden. Immer wieder blitzen diese auf und verleihen dem Detective beängstigende Tiefe. Gyllenhaal und Jackman stehen in diesem Review stellvertretend für die gesamte Arbeit eines perfekten Ensembles. Die Schlüssigkeit des Filmes liegt auf diese Weise nicht nur auf der Erzählebene und in der Suche nach den Kindern. Es ist die Konsquenz mit der alle Charaktere zu Ende gedacht werden die ihm weitere Ebenen verschafft. Auf die ein oder andere Art bekommt jede Figur (inklusive der Kinder) auf einer klaren moralischen Basis das passende Ende, das gerechte Ende. „Prisoners“ präsentiert auf diese Weise einen komplexen moralischen Kodex und lässt uns gleichermaßen über die moralischen Aspekte unserer Welt nachdenken. Ist es richtig auf der Basis von Vermutungen Entscheidungen zu treffen?

Zu guter Letzt besitzt ein Film eine inszenatorische Ebene. Auf Dieser arbeitet Denis Villeneuve mit einigen unkonventionellen Schnitten. So lässt er mitten in wichtigen Szenen das Bild schwarz werden. Hiermit fordert er den Zuschauer auf sich das betreffende Bild und den weiteren Verlauf solcher Szenen selber zu formulieren, bevor er uns das Resultat wieder offenbart. „Prisoners“ ist souverän ruhig und derart besonnen langsam, dass der Zuschauer nicht merkt wie sich mehr und mehr Spannung aufbaut und der Druck anwächst. Doch ist es sicher gestellt, dass im letzten Drittel auch der Zuschauer im Kino gefangen sein wird. In aus der Reihe fallenden, aber dadurch besonders starken Momenten wird diese Erzählatmosphäre mehrmals effektiv durchbrochen. Als wäre all das versammelte Talent am Set nicht genug krönt sich dieser Film mit der Arbeit des zur Legende gewachsenen Kameramanns Roger Deakins. Deakins der für sein Nutzen von natürlichem Licht bekannt ist kann diese, seine einzigartige Stärke hier voll ausleben. Unnzählige Zusammenspiele zwischen Licht und Schatten kommentieren effektiv die Handlung des Filmes. Taschenlampen durchschneiden Wälder und staubige Kellerräume, während sie von gleißend hellen Verhörzimmern kontrastiert werden. Schließlich übertrifft sich Deakins selbst in einer der letzten Szenen des Filmes und markiert in diesen Bilder den überwältigenden Höhepunkt eines großen Filmes.

Denn auch wenn verschiedene Aspekte, wie eine nicht ganz auserzählte religiöse Ebene, nicht hundertprozentig gelungen sind, so liegt es bei “Prisoners” (wie bei allen anderen Filmen) nahe zu betrachten was der Film ist und nicht was er nicht ist. „Prisoners“ ist großartig, da er die perfekte Symbiose aus allen Zutaten die beim Filmemachen verwendet werden ist.

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