Es ist nicht immer vorteilhaft nach einem gemeinsamen Nenner für das Werk eines Künstlers zu suchen. Im schlimmsten Fall führt eine derartige Suche ins Nichts und die große Idee die gefunden werden sollte bleibt aus. Nicht so ist dies bei Ethan Hawke und den Arbeiten, die ihn als Ihren Autor zählen. In der Filmwelt hat er hauptsächlich an den Drehbüchern zu den Filmen „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ gearbeitet. Einer Filmreihe, die über 18 Jahre eine Liebesgeschichte erzählt. Schaut man sich diese Filme an und setzt sie in Bezug zu Hawkes Romanen „Hin und Weg“ (und der dazugehörigen hawkschen Filmadaption) und „Aschermittwoch“, so wird schnell deutlich, dass hier der gleiche Künstler am Werk ist. Natürlich hat er die Drehbücher zur „Before“ Reihe nicht alleine, sondern mit dem grandiosen Richard Linklater und der nicht weniger guten Julie Delpy geschrieben, doch es scheint ganz so, als könnte in diesen Filmen und Romanen nicht nur der Künstler Ethan Hawke, sondern auch der Mensch Ethan Hawke gefunden werden kann.
Mit einem Blick wird eine offensichtliche inhaltliche Parallele aller fünf Werke offenbar. Sowohl die Filme, als auch die Bücher beinhalten eine Frau und einen Mann, die eine Liebesbeziehung miteinander führen. Auf diese Art sind alle fünf Werke der Dynamik einer solchen Beziehung ausgesetzt und besitzen diese Dynamik auch als Grundmauer. Nimmt man es oberflächlich, dann könnte man sagen, dass die genannten Werke den gleichen Inhalt erzählen. Diese Vermutung kann mit Sicherheit unterstützt werden, doch die Gleichheit des Inhalts ist nicht abwertend zu bewerten. Vielmehr ergibt sich durch das Zusammenspiel der einzelnen Werke ein Gesamtbild und eine vielschichtige Betrachtung verschiedener Themen, die Ethan Hawke besonders zu interessieren scheinen.
Klar und deutlich lassen sich diese Themen zu zwei großen Feldern zusammenfügen. Auf der einen Seite entsteht so das Thema Leben und auf der Anderen das Thema Mensch. Hawke ist stets daran interessiert diese Themen zu erforschen. Sein Schreiben kennzeichnet sich hierbei durch eine philosophische Qualität, die Bedeutungen entlarven möchte. Genauer gesagt stellen sich Hawkes Geschichten und Charaktere durchgehend die Fragen: Was bedeutet das Leben? Was bedeutet das Mensch sein? Hawke vollbringt dabei das Kunststück seine Worte zu einem ehrlichen Blickwinkel zu verdichten. Seine Worte fühlen sich real an und dies lässt die Charaktere lebendig werden. Oft fühlen sich seine Romane an wie eine Bühnenvorstellung, die der Forscher Hawke veranstaltet. Metaphorisch gesehen zieht er derart den Vorhang vor dem Leben weg und begibt sich das Leben, die Liebe und die Menschen zu entlarven.
Genau dieser Forscherdrang ist es auch, der die Geschichten emotional für einen Leser oder Zuschauer verfügbar macht. Die Fragen und Themen, die bearbeitet werden sind schlichtweg umfassend interessant. Es sind Fragen, die wir uns stellen und Probleme, die wir genauso durchlaufen wie die Charaktere. So erzählt „Hin und Weg“ von William und Sarah, deren Liebesgeschichte von der ersten bis zur letzten Seite des Romans jegliche verfügbaren Stadien durchläuft. Stadien, die wir kennen. „Aschermittwoch“ ist in dieser Hinsicht beinahe eine Fortsetzung zu Hawkes Erstling, da sein zweiter Roman das Spielfeld der Beziehung um die Ehe erweitert. Hier präsentiert er dem Leser Cindy und Jimmy und es scheint beinahe so, als wären diese beiden eine merkwürdige, ältere Version von William und Sarah. Schließlich begleitet der Zuschauer in den „Before“ Filmen Celine und Jesse, die sich von einer stürmischen Romanze, über 18 Jahre zu einem Ehepaar entwickeln.
Gemeinsam haben diese Werke die Konzentration des Autors auf den Menschen. In dieser Konzentration werden Liebe, Trauer, Freude und Hass gezeigt. Gefühle sind zentral für die Charaktere und für den Urheber der Werke, denn es sind diese Gefühle, die in den Geschichten den Menschen zum Menschen machen. Mit scharfsinnigem Sprachgefühl und intelligenten Dialogen bringt Hawke diesen zentralen Kern der menschlichen Existenz zum Vorschein und regt so das Gespür für eigene Gefühle und Gefühle anderer Menschen an. In diesem Verständnis des Menschen liegt der Zugang zu seinen Werken. Weitere Einflüsse, wie Zeit, Ort oder Familie, die den Charakteren zu schaffen machen, stoßen direkt auf diesen Kern an. Das Publikum kennt dieses Phänomen sehr schnell aus seinem eigenen Leben.
Ethan Hawke präsentiert also eine Art Urform des Lebens. Einen Rückbezug auf die Aspekte im Leben, die wirklich wichtig erscheinen. Niemals rücken weltliche Geschehnisse, wie politische Ereignisse, in die erzählten Gefühlsleben vor. Mit dieser Ausblendung derartigen Zeitgeschehens erklärt sich schnell, dass Dinge kommen und gehen, aber die menschlichen Gefühle die einzige Konstante sind, selbst wenn sie sich verändern. Jesse und Celine sind hier das Paradebeispiel, da ihre Geschichte die längste erzählte Zeit besitzt. Diese Konstante erzählt Hawke mit Freude und Leichtigkeit in Dialog und Sprache. Mögen die Dialoge hier und da überidealistisch wirken, so liegt dies an der romantisierten Grundeinstellung der Werke. In Hawkes Schreiben findet sich ein Fest der Wörter und damit ein Fest des Lebens. Des Lebens in seinen unzähligen Formen und Gefühlen. Gefühlen, die von den Seiten und Leinwänden springen und die Menschen berühren. Eine solche Leistung kann nur jemand vollbringen, der seine eigenen Gefühle investiert. Jemand wie Ethan Hawke, der Künstler und der Mensch.
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