Die meisten Geschichten haben einen Anfang und ein Ende. Sie werden erzählt und nachdem sie erzählt sind, sind es abgeschlossene Handlungen in abgeschlossenen Erzählungen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie abgeschlossen sind und das sie auf die ein oder andere Art ein Ende erhalten. Sobald die Handlung dann zu Ende erzählt ist, kann sie analysiert, interpretiert und an anderer Stelle auch wieder vergessen werden. Auf diese Weise schließen sich solche Geschichten durch ihren klaren Erzählraum und die eindeutig definierte Erzählzeit ab. Filmhandlungen funktionieren meist genau so. Sie ziehen den Zuschauer für einen bestimmten Zeitraum in ihre Narration hinein und beenden die Geschichte in ihren letzten Minuten. Was also passiert wenn ein Film sich von dieser Art des Erzählens abwendet und etwas neues versucht. Wenn er keine konkrete Handlung erzählen möchte, sondern viel mehr eine Emotion, ein Gefühl zeigen möchte. Terrence Malick ist ein Erzähler, der solche Grenzen überschreitet. Seine Filme gleichen oftmals lose aneinander gereihten Bildfolgen, die keine rationale Zusammenhänge beschreiben sollen. Malick verschließt seine Filme nicht auf die bekannte Weise und beschließt sie auch nicht mit definierten Enden. Er reißt sie auf und sprengt somit jede narrative Konvention. „To the Wonder“ (2012) ist Malicks filmischer Versuch, dass zu zeigen was wir Liebe nennen und es dem Zuschauer spürbar zu machen.
Für „To the Wonder“ ist es nicht nötig die Handlung zu beschreiben, denn diese ist zum einen kaum verhanden und zum anderen für die Kraft des Filmes vollkommen zu vernachlässigen. Im weitesten Sinne präsentiert uns Malick einen Mann (Ben Affleck) und eine Frau (Olga Kurylenko). Zu diesen „Charakteren“ gesellt sich noch ein Priester (Javier Bardem) und eine weitere Frau (Rachel McAdams). Bei dem Verfassen dieses Artikels bekommt man schon an dieser Stelle erste sprachliche Probleme, da keine der Personen im Film mit Namen benannt wird. Hier geht es nicht um klar definierte Personen, die in den limitierten Grenzen ihrer Eigenschaften handeln. Die Personen in „To the Wonder“ sind nur Bilder, die in verschiedenen größeren Bildern leben sollen. So beginnt Malick auf seine spezielle Art damit, dass er den Start einer romantischen Beziehung eines Amerikaners und einer Französin in Frankreich zeigt. Nach einer Weile wechselt das Geschehen in die Vereinigten Staaten wo das weitere Zusammenleben der Beiden bebildert wird. Dort treffen sie ebenfalls auf den Priester, der in stummen Sequenzen seine Gedanken aus dem Off schildert. Doch auch wenn man soweit vielleicht eine Handlung entwerfen kann, so geht es nicht darum Motivationen zu verstehen. Der Frage ob die beiden Menschen auf Dauer zueinander finden ist schlicht von keiner Bedeutung.
Bedeutung wird in diesem Film nur der Visualisierung der Emotion beigemessen. „To the Wonder“ ist somit ein traumähnliches Nachdenken über das Thema Liebe. Es ist ein Nachdenken über den Mythos Liebe und wie er sich entwickeln kann. Terrence Malick gibt seinem Werk aus diesem Grund einen auffallend mythischen Klang. So ist es kein Zufall, dass sich in Frankreich verliebt wird. Malick beginnt hier damit den Zuschauer in seine Vision zu ziehen. Frankreich, genauer Mont St. Michel, ist aufgrund kultureller Ansichten für die meisten Zuschauer der ultimativ romantische Ort. An diesem Punkt sammelt Malick seinen Zuschauer ein. Weiterhin ist es Malicks einzigartiger filmischer Stil, der den Mythos Liebe verstärkt. „To the Wonder“ kommt über fast die gesamte Länge ohne jegliche Dialoge aus, was eine Idee von Liebe ohne Worte unterstreicht. Durch diese sprachliche Stille vermittelt uns Malick eine reine Emotion, die nicht durch das gesprochene Wort getrübt werden kann. Ebenfalls in seiner Sprache als Filmemacher liegt die fließende Kamera. Zusammen mit seinem sehr talentierten Kameramann Emmanuel Lubezki („Gravity“, 2013) schafft er einen Film der aus einem Guss ist. Szenen fließen ineinander und Lubezkis Kamera ist immer in Bewegung. Sie tanzt mit den Personen durch weite naturbelassene Felder und enge Kleinstadthäuser. Sie besucht zusammen mit Javier Bardems nachdenklichem Priester die Armen und Kranken und nie ist sie statisch. Das Gespann Malick/Lubezki manifestiert dadurch das Gefühl, dass der Zuschauer nur ein Gast ist. Dieser Gast darf für zwei Stunden mit in diesem Fluss schwimmen und wird sich am Ende wieder in einen Anderen verabschieden. Diese weite Form des Filmes ist hier auch Funktion, da der Mythos Liebe für niemanden greifbar oder definierbar wird.
Schließlich ist es die Bindung zur Natur, die „To the Wonder“ zu einem wahren Malick werden lässt. Immer wieder löst sich Malicks Kamera von dem Geschehen ab und zeigt uns Aufnahmen von faszinierender Natur und verschiedene Objekte in ihr. Diese scheinen wahrlos gewählt, doch bei genauem Hinsehen erkennt man, dass keines der Bilder zufällig existiert. Gegen Ende zeigt uns „To the Wonder“ das Bild einer alten steinernen Treppe, die aus dem Kamerawinkel in den Himmel aufragt. Dies ist ein Bild, welches schon für sich allein genommen Emotionen hervorruft, ist es doch die schiere Endlosigkeit der Stufen und das Emporsteigen in die Weite des Himmels, das hier dargestellt wird. Jedes einzelne dieser Bilder findet seinen Platz in Malicks Gesamtkunstwerk und erlaubt diesem Bauwerk eine umfassende Eindringlichkeit. In der Tat präsentiert sich Malick durch seine Filmsprache als einer der romantischsten und spirituellsten Filmemacher. „To the Wonder“ kann dabei sehr wörtlich („Zu dem Wunder“) als Annäherung an Liebe verstanden werden. Terrence Malick weiß, dass dies der einzige Weg ist. Denn Liebe ist nicht zu definieren und nicht zu verstehen. Sie ist nicht greifbar, noch ist sie erklärbar. Sowohl in Malicks Film, als auch in unserem Leben kann man sie nur fühlen.
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