Indie Perle

Smashed (2012)


Menschen mögen die Geschichte eines Underdogs, der etwas bewegen kann. Das war schon immer so. Die Gladiatoren im alten Rom, die sich in unzähligen Kämpfen in der Arena ihr Leben erschlachtet haben wissen das. Jeder Sportler weiß das. Politiker wissen es auch. Vor allem, wenn sie durch eine solche Geschichte Wähler an sich reißen können. In der Filmbranche gibt es auch unzählige Erfolgsgeschichten von Menschen, die es mit bloßem Talent zu etwas gebracht haben. In der Filmbranche gibt es ebenfalls Underdog Filme. Diese werden fern von großen Budgets (Was ist “groß”?) produziert, ziehen keine fest geplanten Marketingstrategien mit sich und finden oft auch nur ein kleines Publikum. Doch wann immer ein solcher Underdog auftaucht und noch dazu gelungen ist hat diese Entdeckung einen höheren Stellenwert als eine erfolgreiche Umsetzung mancher Großproduktion.

“Smashed” (2012, Regie: James Ponsoldt) zeigt uns Mary Elizabeth Winsted und Aaron Paul als alkoholisiertes Ehepaar und wurde mit einem Budget von ungefähr 500.000 $ gedreht.

“Smashed” erzählt die Geschichte des jungen Ehepaares Kate (Winsted) und Charlie (Paul). Wir steigen zu einem Zeitpunkt ein, an dem beide offensichtlich ein Alkoholproblem haben. Sie sind jung, frei und leben diese Freiheit durch ihren Alkoholkonsum aus. Sie ist eine Grundschullehrerin und er ist ein freischaffender Journalist. Selbst wenn sie betrunken Fahrrad fahren ist klar, dass sie sich lieben und das sie aus den richtigen Gründen zusammen gefunden haben. Man kann sich die Vorgeschichte ihres Alkoholismus gut vorstellen. Schon früh einmal an Papas Bierglas genippt, in der Teenagerzeit oft genug spät/früh nach Hause gekommen und so immer weiter, jedoch unmerklich abhängig geworden. Wir treffen sie zu Hause an einem ganz normalen Morgen, aber mit einem tigergroßen Kater im Körper. Kate schlurft mehr schlecht als recht mit diesem an ihren Arbeitsplatz, wo sie sich während einer zunächst normalen Schulstunde vor den Schülern übergeben muss. Nach diesem und einem weiteren einschneidenden Erlebnis entschließt sich Kate ihre Sucht zu bekämpfen. Wer nach dieser recht langatmig geratenen Inhaltsangabe denkt, dass “Smashed” genauso wie sie ist, der sollte sich nicht täuschen lassen. Hier liegt ein weiteres Merkmal des Underdogs aka. des Independentfilms. Der Independentfilm muss sich keine Labels aufdrücken lassen. Er muss sich nicht von vorn herein einem bestimmten Thema verschreiben, welches am Besten auf ein Plakat passt. “Smashed” darf einfach seine Geschichte erzählen, muss nicht werten und man fühlt es diesem Film nach, dass es ihm egal ist ob er eine Zielgruppe trifft.

Aus diesem Grund geht der Entzug einer Wertung dem Entzug Kates einher. “Smashed” will uns nicht davon überzeugen, dass Alkohol der Teufel ist. James Ponsoldt, der auch das Drehbuch schrieb zeigt uns gleichermaßen intensiv traurige Szenen, aber ebenso intensiv lustige Szenen. “Smashed” gibt zu, das Alkohol Spaß machen kann. So schafft es der Film mit Hilfe diese Balance uns von der Last der Suchtproblematik zu befreien und unseren Kopf für die Geschichte zu öffnen. Dies unterscheidet “Smashed” von einem Film wie “Flight” (2012, Regie: Robert Zemeckis), der die Alkoholsucht plakativer herausstellt. “Smashed” öffnet uns für seine Charaktere, sodass wir ein Paar erkennen können, welches eine Gemeinsamkeit verliert. Deshalb geht es ebenfalls darum wie ein Paar mit einschneidenden Veränderungen umgehen kann.

Die Mischung aus Drama und Komödie wird getragen von den beiden Hauptdarstellern. Während Mary Elizabeth Winsted die größere Rolle einnimmt und durch die Veränderung ihres Charakters den weiteren Spielraum hat, besteht für Aaron Paul die Schwierigkeit darin eine wesentlich gesetztere Rolle zum Leben zu erwecken. Beide Schauspieler bringen eine bewundernswerte Ehrlichkeit zu ihren Rollen, die sich auf den Zuschauer auswirkt. Winsted ist für uns jederzeit einfühlbar und aus diesem Grund fällt eine emotionale Identifikation nicht schwer. Paul dagegen spielt versteckter und auch sein Charakter lebt mehr im Hintergrund. Er schaut zu während sie Karaoke singt und beteiligt sich nicht an ihrem Entzug. Trotzdem wird er uns durch Pauls natürliche Offenheit nahe und schafft es gleichermaßen, dass sich sein Handlungsstrang am Ende des Films emotional auszahlt. Für beide Charaktere endet der Film mit einer Erkenntnis, doch im Gegensatz zu Kate sieht sich Charlie zusätzlich noch mit einer unbeantworteten Frage konfrontiert. Dieses Fragezeichen ist indes nicht das Letzte, was von “Smashed” übrig bleibt, denn jeder Zuschauer wird dazu seine eigene Antwort finden. Auf diese Weise leben Kate und Charlie im Zuschauer weiter, nicht durch eine Message die sie überbringen sollen, sondern durch ihre offene Ehrlichkeit.

Diese Ehrlichkeit zeichnet “Smashed” aus und auch wenn James Ponsoldts Werk Schwächen besitzt, verhindert die Intimität der Geschichte jede Negativität. Der Underdog gewinnt also und seine Entdeckung lohnt sich. Bei der Erstaufführung im Rahmen des Sundance Film Festivals 2012 gab es dafür minutenlange Standing Ovations. Dieser Artikel ist nichts anderes.

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