Im Universum der Coen Brüder werden in näherer Zukunft zwei wichtige Dinge geschehen. Zum Einen steht im Dezember die Veröffentlichung ihres neuen Filmes „Inside Llewyn Davis“ an und zum Anderen endet das nächste Jahr mit einer 14. Diese Ziffer markiert das 30jährige Jubiläum eines kleinen Filmes zweier Brüder, die aus Minneapolis, Minnesota stammen, Joel und Ethan Coen. In diesen dreißig Jahren hat sich viel verändert, aber genauso viel ist auch gleich geblieben. Mag sein, dass aus runden Brillen mittlerweile Eckige geworden sind und die Pferdeschwanzfrisur von Joel Coen auch nicht mehr existiert, aber fern solcher Belanglosigkeiten existiert weiterhin Einzigartiges. Sie haben nie einen Film alleine gedreht. Sie mussten sich seit ihrem ersten Film nie einem Studio beugen oder ihre Visionen kompromitieren. Stets haben sie Gewalt über den finalen Filmschnitt. Sie haben nie ein Drehbuch aus einer fremden Feder umgesetzt. Sie haben nie Projekte verfolgt, die ihnen nicht aus dem Kopf gesprungen sind. Sie haben nie viel über ihre Arbeit geredet, sie haben sie einfach getan. Sie fungieren stets als Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure und wer denkt das Roderick Jaynes, der ihre Filme schneidet wirklich existiert, sollte dieses Coen Synonym nocheinmal genauer untersuchen. Wie zwei stark magnetische Planeten haben sie sich ihr eigenes Universum gebildet. Darin befinden sich regelmäßige Kollaborateure wie Kameralegende Roger Deakins oder Komponist Carter Burwell. Auch was Schauspieler anbelangt vertrauen die Beiden gerne auf Personal mit dem sie zuvor schon gearbeitet haben, aber vergessen nicht hier und da neue Gesichter mit auf ihre Reise zu nehmen. Kurzum befinden sich Joel und Ethan in einer Ausnahmeposition, von der aus sie ihre einzigartigen Filme alle Jahre wieder auf das Publikum loslassen. Denn auch wenn sie große Stars in ihren Filmen schauspielern lassen, so sind die Filme stets wie nichts anderes auf dem Markt, weil zu Anfang, vor dem Titel, der kleine Zusatz „A Film by Joel and Ethan Coen“ steht. So sind die Coen Brüder fast dreißig Jahre nach ihrem Debütfilm aktuell wie nie zuvor und es scheint als wäre ihr filmisches Potential unerschöpflich. Aus diesem Grund lohnt es sich in Anbetracht des baldigen Erscheinens von „Inside Llewyn Davis“ und ihres 30jährigen Jubiläums einen genauen Blick auf all ihre Filme (als Regisseure) zu werfen.
Diesen Auftraug ausführend widmet sich der erste Teil dieser Werkschau dem Film „Blood Simple.“ (1984).
Wenn Blut involviert ist, dann ist es nie einfach. Mit diesem Werbespruch wurde „Blood Simple.“ im Jahre 1984 vorgestellt. Für die Betrachtung des Filmes könnte man ihn umformulieren: Wenn Herzblut involviert ist, dann ist es nie einfach. Denn genau dieses Herzblut findet sich in dem allerersten Werk der Gebrüder Coen. Es ist die Leidenschaft für ihren Film und ihren Traum, die sie von Haustür zu Haustür gehen ließ, um das nötige Kleingeld für die Produktion aufzutreiben. So ist es nicht verwunderlich, dass „Blood Simple.“ mehr ist als eine Fingerübung. Auf dem Papier scheint es ein gewöhnlicher Genrefilm zu sein, doch in der Ausführung lässt sich erkennen, dass hier nichts einfach gewöhnlich ist.
Im weitesten Sinne werden dem Zuschauer vier Figuren vorgestellt. Eine junge Frau namens Abby (Frances McDormand), ihr Ehemann Julian Marty (Dan Hedaya), ihr heimlicher Liebhaber Ray (John Getz) und der skurrile Privatdetektiv Loren Visser (M. Emmet Walsh). Nachdem Julian herausfindet, dass seine Frau einen anderen Mann hat, beschließt er seinen Privatdetektiv mit dem Mord an Ray zu beauftragen. Auf diese Weise bewegt sich der Film klar in den Grenzen des Film Noirs und es wird ein düsterer Krimi erwartet. „Blood Simple.“ ist dabei konsequent durchdacht und ohne Lücken erstklassig konstruiert. Jede Szene hat ihren Sinn und zu keiner Zeit ertappt sich der Zuschauer beim Däumchen drehen. Vielmehr geben die Coen Brüder uns stets mehr Informationen als den Charakteren auf der Leinwand. Sie machen uns zu allwissenden Mitwissern jeglicher Wendungen und Geheimnisse und erzeugen so die Spannung des Filmes. Nach einiger Zeit werden die nächsten Plotpunkte deshalb mit Angst vorhergesehen, da der negative Ausgang vorheriger Szenen bekannt ist. Dieses erste Werk der Brüder hat keine Jugendfreigabe erhalten, was unter anderem auf die explizite Gewalt zurückzuführen ist. Schon im Titel befindet sich Blut und dieses Blut fließt auch im fertigen Film. Durch diese Explizität wird der Zuschauer schonungslos der Realität ausgeliefert und weiter emotional involviert, was zur größten Stärke des Filmes wird.
Doch es gibt einen Fakt, der diesen Film wirklich besonders macht: Nie fühlt sich „Blood Simple.“ wie das Werk zweier Menschen an die noch nie zuvor einen Film gedreht haben. Vielmehr fühlt sich dieser Erstling wie ein richtiger Coen Film an und lässt einige Merkmale erkennen, die die Brüder später berühmt gemacht haben. Es wird der Hang zu außergewöhnlichen, verschrobenen Charakteren deutlich, die in diesem Film klar von dem merkwürdigen Privatdetektiv angeführt werden. Weiterhin wird Musik, ob Songs oder Score, auf eine Weise genutzt die die Geschichte weitererzählt, aber auch mit schwarzem Humor kontrastiert. Die Kamera wird in diesem Film von Barry Sonnenfeld (später Regisseur von „Men in Black“) geführt, doch ist es offensichtlich, dass die besonderen Fahrten und Winkel aus den Storyboardzeichnungen der Coens stammen. Die Titelsequenz ist hierbei zusammen mit einer wunderschönen Barszene repräsentativ. In letzterer Szene fährt die Kamera ganz nah auf einer langen Bartheke entlang und hebt dabei kurz ab, um einen schlafenden Betrunken zu überfliegen und dann wieder sanft auf der Bar weiterzugleiten. Schließlich ist es der Genreaspekt, der das Coenartige an „Blood Simple.“ verdeutlicht. Wie bei den meisten ihrer Filme lässt sich ein Genre erkennen, doch ist die Art und Weise außerhalb der jeweiligen Konventionen zu arbeiten einzigartig. Bei heutiger Betrachtung ist aus diesem Grund von der ersten Minute an klar, dass es sich um einen Film der Coen Brüder handelt.
So sehr diese technischen Details klasse sind, so braucht es doch eine Geschichte mit Kern um ein gutes Debüt abzuliefern. Diesen erhält das Werk nach 90 Minuten, indem dem Zuschauer einleuchtet, dass es sich eigentlich, trotz mehrer Hauptcharaktere, um Abbys Film handelt. Auf dem Grunde der Blutlachen muss sie mit vergangener Liebe zu Recht kommen und sich von der Angst befreien, die sie an alte Beziehungen bindet. In dieser Konsequenz liefern Joel und Ethan Coen uns sogar ein Happy End und stellen eine Frau in den Mittelpunkt des Krimis. „Blood Simple.“ ist also weit mehr als eine Fingerübung oder ein simpler Film. Er ist geradlining erzählt und doch auf seine Art komplex. Er ist schonungslos und beschönigt nichts. Er ist ein Coen Brüder Film durch und durch und er ist ihr ganz persönliches furioses Debüt.
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