Stellt man sich den ersten Drehtag von „Raising Arizona“ (1987) vor, dann kommt unfreiwillig der Gedanke, dass es damals irgendjemanden gegeben haben muss, der bevor die erste Klappe fiel durch ein Megaphon brüllte: Lasst die Spiele beginnen! Denn genau so fühlt sich, dieser zweite Film der Gebrüder Coen an. Es ist ein durchweg skuriller, extrem witziger Ausbruch weg von bekannten Schemata und hin zu einer unberechenbaren, neuen Form der Unterhaltung. Wie bei ihrem ersten Film kann man sich an dieser Stelle auf den Untertitel/Werbespruch beziehen, der der Krimikomödie mitgegeben wurde: „Eine unfassbare Komödie“.
Tatsächlich ist „Raising Arizona“ nicht zu fassen und nicht in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Auf ihre spezielle Art befinden sich in diesem zweiten Werk der Coens die verschiedensten Motive. So ist es ein Krimi, eine Komödie, eine Liebesgeschichte und ein Entführungsthriller zugleich. Die Handlung beginnt damit, dass der etwas verblödete H.I. McDunnough (Nicolas Cage) bei einer Reihe von leicht bewaffneten Überfällen erwischt wird. Der Zuschauer erfährt dies in der eröffnenden Montage und darf weiterhin mit ansehen, dass H.I. im Gefängnis die schöne, schnörkellose Gefängniswärterin Edwina (Holly Hunter) trifft. Schon nach diesem Einstieg, der mit der Ehelichung der Beiden endet liegt der geneigte Zuschauer vor Lachen am Boden. Wie es das Schicksal so will wünscht sich das glückliche Ehepaar, das fern ab jeder Zivilisation irgendwo in der Wüste Arizonas lebt ein Baby. Als sie herausfinden, dass Edwina keine Kinder bekommen kann entschließen sich die Liebenden eines von fünf Babys zu entführen, die dem Möbelmagnat Nathan Arizona (Trey Wilson) in die Wiege gelegt wurden. Natürlich kann dies nicht glatt funktionieren.
„Raising Arizona“ ist ein Film, der anmutet wie ein Jahrmarktsbesuch. Es ist eine wilde Reise, die sobald ein bisschen Ruhe eingekehrt ist mit einer neuen irren Idee um die Ecke rauscht. Doch desto verrückter sich all diese Geschehnisse abspielen, desto unbändiger wird die Gelassenheit mit der sie vorgetragen werden. Gerade weil die Geschichte mit einer derartigen Selbstverständlichkeit entfaltet wird ist sie für den Zuschauer umso witziger. Zusätzlich macht den Coens das Spiel mit bekannten, klassischen Motiven aus den oben genannten Genres sichtbar Spaß. In dieser Hinsicht wird ein rächender Motorradfahrer aus der Hölle in einer hinreißenden Kamerafahrt genauso vorgestellt, wie zwei wortwörtliche Knastbrüder, die von dem zukünftigen Coenliebling John Goodman angeführt werden. Solche Elemente sind bekannt, doch in „Raising Arizona“ werden sie auf eine neue, frische Art und Weise verwendet.
Der erwähnte erste Auftritt John Goodmans ist jedoch nicht das einzige typische Coen Merkmal in diesem Film. Gerade im Drehbuch des Filmes lassen sich viele Aspekte erkennen, die nur aus der Feder der Brüder stammen können. Alle Figuren sind unschuldig skurril und wenn man genau nachdenkt würde einem niemand anderes einfallen, der diese Handlung entwerfen und zusätzlich in solche Szenen hüllen könnte. Ebenfalls interessant ist, wie sich die Coen Brüder mit „Raising Arizona“ vor Stanley Kubrick und besonders seinem Film „A Clockwork Orange“ (1971) verneigen. Dies geschieht durch den Einsatz einer abgewandelten Version von Beethovens „Ode an die Freude“ und der explizit kopierte Kameraführung. Babys werden deshalb ganz nah auf dem Boden krabbelnd mit der Kamera verfolgt und in einer der spannendsten Verfolgunsjagden der Filmgeschichte schwingen Füße und Hunde in die Kamera. Übrigens wurde ein Baby sogar während der Dreharbeiten entlassen, weil es doch unverschämterweise gelernt hatte zu laufen und nicht mehr krabbeln wollte. Weiterhin gebührt dem Film Respekt, weil Babys wohl noch nie angsteinflößender krabbelten als in „Raising Arizona“. All dies ist genauso typisch Coen, wie das Auftauchen dicker, schreiender Männer.
Doch warum ist dieser filmische Witz gelungen? Ein Witz ist nur gut, wenn etwas Wahres in seinem Kern ist und genau diese Wahrheit findet sich auch in „Raising Arizona“. Denn sobald der Zuschauer all die skurrilen Ebenen entfernt hat, erkennt er eine gefühlvolle Liebesgeschichte. Mann und Frau lernen sich kennnen. Sie stellen einander ihre Freundeskreise vor. Sie lernen die Vergangenheit des Partners zu schätzen und müssen erkennen, dass ihre Vergangenheit die Beziehung beeinflusst. Sie müssen Negatives und negative Einflüsse hinter sich lassen und sich den großen Fragen einer Beziehung stellen. Wie kann die Liebe zueinander bewahrt werden und niemals erlöschen? Auf dieser Ebene meditiert der Film geradezu über das Erhalten eines Liebesglücks und wie schon in „Blood Simple“ geben uns die Coens auf ihre besondere Weise ein herzzereißendes Happy End. Die finale Erkenntnis von H.I. ist dabei universell ansprechend und zaubert ein letztes breites, zufriedenes Lächeln in des Zuschauers Gesicht. Es bleibt nur ein Fazit: Das ist ganz großes Kino und „Raising Arizona“ muss angesehen werden! „Maybe it was Utah“.
Email me when Thomas Schroers publishes or recommends stories