Inside the Coen Brothers — Teil 3: Gelassene Souveränität

Millers Crossing (1990)


Wir schreiben das Jahr 1990, oder auch ein paar Jahre davor. Die Coen Brüder haben ihre ersten beiden Filme veröffentlicht und verdienen sich stetig neue Lorbeeren. Doch diese Lorbeeren lassen bei weitem nicht erahnen, das als nächstes etwas völlig anderes daher kommt. „Miller’s Crossing“ wird im Jahre 1990 veröffentlicht und bewegt sich in einem deutlich anderen Tempo. Dieser dritte Film ist derart anders von dem vorangegangenen „Raising Arizona“, dass es auf den ersten Blick schwer fällt die Namen der Regisseure zu glauben. War „Arizona“ noch verspielt und schrill, so ist „Miller’s Crossing“ das genaue Gegenteil. Es ist die ruhige Gelassenheit und die beeindruckende Souveränität, die diesen Film überzeugen lässt.

„Miller’s Crossing“ bewegt sich zwar einmal mehr im Krimi Genre, doch ist es ein reifer, fast schon altersweiser Film. Im Stile großer Epen präsentiert sich der Film als behäbig, ruhig erzählte Gangsterballade. In elegischen Bildern handelt die zeitlose Geschichte von Loyalität und Freundschaft und der Schwierigkeit solche zu bewahren. Tom Regan (Gabriel Byrne) ist die rechte Hand eines Verbrecherbosses (Albert Finney) der Prohibitionsära und versucht den instabilen Frieden zwischen diesem und einem weiteren Boss zu festigen. In dieser Hinsicht wird seine Loyalität auf die Probe gestellt und weiter erkompliziert, da er sich ebenfalls mit seiner Geliebten Verna (Marcia Gay Harden) und dem undurchsichtigen Bernie Bernbaum (John Turturro) konfrontiert sieht. Auf diese Art beschäftigt sich das dritte Werk der Coens mit dem großen Thema zwischenmenschlicher Natur, da in vielerlei Hinsicht alle menschlichen Beziehungen auf den Aspekt der Loyalität herunter gebrochen werden können. „Miller’s Crossing“ weist dabei eine sehr dichte Atmosphäre auf, die den Zuschauer in die Welt der Geschichte hinein zieht. Die Atmosphäre setzt sich auf diese Weise vor allem durch die perfekt konstruierte Handlung zusammen, die nicht vorhersehbar ist, aber stets logisch und nachvollziehbar. Die Souveränität der Handlung ist es auch, die den Film wie aus einem Guss wirken lässt. Technische Mittel, wie Kamera, Musik oder die detailverliebte Ausstattung der Räume bestärken die Atmosphäre des Films weiter.

Der Kern von „Miller’s Crossing“ ist jedoch das zentrale Thema Loyalität. In jeder Minute rätseln die Charaktere und ebenso auch der Zuschauer über die verschiedenen Loyalitäten im Film. Tom Regan, der als Hauptcharakter fungiert, ist dabei der Held und Leitfaden durch die Geschichte. Konsequent wird sein Loyalitätsbegriff auf die Probe gestellt und erst am Ende stellt sich herraus, wie er sich durch den ganzen Film verhalten hat. Das Besondere dabei ist, dass diese Untersuchung schließlich eine Loyalität preisgibt, die nicht so sehr auf andere Menschen bezogen werden sollte, sondern viel mehr seinem eigenen Charakter zufällt. Die Coen Brüder unterstreichen in dieser Moralität einen Loyalitätsbegriff, der davon ausgeht, dass Loyalität nur so lange möglich ist, solange die Loyalität sich selbst gegenüber gegeben ist. Diese Vorstellung setzt Regan mit seiner letzten Entscheidung konsequent um und kann seinem Charakter treu bleiben.

Wie in ihren beiden ersten Filmen tauchen auch in diesem Werk verschiedene typische Aspekte ihres Schaffens auf. So werden gerade auf dem namensgebenden Friedhof einige Szenen mit innovativen Kamerabewegungen ausgestattet und viele eingängliche Bilder geschaffen. Nach diesem, dritten Film, wird es auch immer deutlicher, dass die konsequente Erzählung und Durchführung der Handlung zu einem hervorstechenden Merkmal der Brüder gehört. Ein offenes Ende sucht man bei diesem Film vergebens und das ist auch gut. Zu weiteren wiederkehrenden Elementen gehören sowohl das Auftauchen schreiender, dicker Männer als auch die erstmaligen Auftritte der Schauspieler Steve Buscemi und John Turturro. Letzterer konnte die Beiden so überzeugen, dass er in ihrem nächsten Film „Barton Fink“ (1991) die Hauptrolle spielen durfte.

Zusammenfassend gehört „Miller’s Crossing“ zu den ruhigeren Werken der Coenbrüder und strotzt in dieser Hinsicht von einer gelassenen Souveränität, die man selten bei künstlerischen Frühwerken sehen kann. Kritikpunkte finden sich eigentlich nicht, doch das Gefühl, dass dies ein sehr guter, aber kein großartiger Film ist lässt sich nicht leugnen. Vielleicht wird dieses Denken durch die ruhige Erzählung provoziert, vielleicht ist es auch nur eine subjektive Wahrnehmung. Bei all den Worten kann sich eines nicht verstecken. Die Coen Brüder sind sich mit „Miller’s Crossing“ loyal geblieben und das ist alles was man sich wünschen sollte.

Email me when Thomas Schroers publishes or recommends stories