In einem Filmgeschäft, dass immer größer und teurer wird, kommt „No Turning Back“ mit grandioser Einfachheit daher. Fernab üblicher Wege ist dies ein Film, der sich etwas traut. Viel traut um genau zu sein. Dabei liegt die Innovation vor allem in einem Rückbezug auf die Dinge, die in Filmen entscheidend sind. Ein stringentes Drehbuch. Eine visuelle Umsetzung, die den Inhalt unterstreicht und natürlich die Performance der Schauspieler. Mit „No Turning Back“, der den Originaltitel „Locke“ trägt, ist Steven Knight ein tolles Stück Kino gelungen, dass in seiner Art eben dieses Kino genau ins Herz trifft.
Es ist Abend geworden und Ivan Locke (Tom Hardy) beendet seinen Arbeitstag auf einer Großbaustelle in England. Er setzt sich in sein Auto und fährt. 85 Minuten beobachtet der Zuschauer wie Locke in seinem Auto sitzt und sein Leben vor sich zerbrechen sieht. Die einzige Kommunikation mit der Außenwelt findet über die Freisprechanlage des Autos statt. Weitere Schauspieler außer Tom Hardy sehen wir nicht.
Eingangs als Kino in Reinform beschrieben ist „No Turning Back“ in mancher Hinsicht auch ein Theaterstück. Die Bühne ist in ihrer Dimension klar definiert. Der Blick nach vorne stellt die Zukunft des Hauptcharakters dar. Der Blick in den Rückspiegel eine Vergangenheit, die ihn in seinen Entscheidungen beeinflusst. Auch die Zuversicht eine Geschichte fast ausschließlich über Dialoge zu präsentieren kommt dem Theater sehr nahe. Einleuchtenderweise hat Steven Knight in der Produktion des Filmes die Entscheidung getroffen, dass wie in einer Theateraufführung stets der gesamte Film chronologisch gedreht werden soll. Dieser Prozess wurde über den Zeitraum von einer Woche wiederholt und ergab genügend Material für den fertigen Film.
Dieser Film ist nun eine Charakterstudie, die dabei auf den ausgesprochen gut auftretenden Tom Hardy zurückgreifen kann. Hardy ist der Kern des Filmes und es gelingt ihm mühelos, alleine die Leinwand zu beherrschen. In vielen Momenten bringt er eine großartige Intensität mit, die den Zuschauer fesselt und bewegt. Ivan Locke dagegen ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Mensch. Seine Probleme sind uns nicht fremd, sondern basieren auf Problemwurzeln, die wir kennen. Ivan will das richtige Tun und in dieser Absicht liegt eine universelle Emotion, die uns zur Identifikation einlädt. Genau genommen ist Ivan aus diesem Grund zwar ein Charakter in der Handlung des Filmes, aber über die Leinwand hinaus keine definierte Person. Knight bündelt in seinem Hauptcharakter Probleme und Nöte, die einfach zu verstehen sind und aus diesem Grund einen eindringlichen Sog entwickeln. Dieser Sog ist die Spannung des Filmes. Eine Spannung, die einzig auf dem Gefühlsaustausch zwischen Ivan Locke und seinen Zuschauern basiert.
„No Turning Back“ spielt in seiner Form und Ausführung mit einem großartigen Kontrast. Auf der einen Seite ist der gesamte Film ein Konstrukt, welches klein und in sich geschlossen scheint. Auf der anderen Seite bespricht das Werk universelle Themen und Emotionen. Es ist dieser Kontrast, der ein Merkmal guten Kinos ist. In erzählten Handlungen betrachtet das Kino einen Mikrokosmos, der von Themen handelt, die über diesen Kosmos hinaus interessant sind. Aus diesem Grund schauen wir Filme. Weil wir verstehen wollen. Weil wir mit Emotionen konfrontiert werden wollen, die uns inspirieren oder fordern. Wenn Tom Hardy dann weiterfährt und aus unserem Blickfeld verschwindet und die Kamera in die Luft emporsteigt und eine größere Welt zeigt, dann ist klar, dass Ivan ein Teil einer größeren Welt geworden ist. Einer Welt in der wir leben und sich eine Geschichte wie die Ivans in jedem anderen Auto auf der Straße abspielen kann.
Email me when Thomas Schroers publishes or recommends stories