Menschlichkeit

The Congress (2013)


„The Congress“ ist ein Film, der den Zeitgeist trifft und doch zeitlos ist. Basierend auf dem Roman von Stanislaw Lem inszeniert der israelische Regisseur Ari Folman seinen Film sowohl in realen Bildern, als auch in animierten Sequenzen. Nach „Waltz with Bashir“ (2008) ist dies sein zweiter Film, der als Kommentar zu realen Ereignissen verstanden werden kann. Während Folman jedoch in „Bashir“ über seine Zeit im Libanon Krieg nachdachte, schaut er in seinem neuen Film auf unsere jetzige Zeit und in die Zukunft. Hinter der wörtlichen Handlung verbergen sich auf diese Weise Gedanken zur Zukunft des Films, dem digitalen Zeitalter und dem oft gegenwärtigen Thema der Bewusstseinsveränderung mit Hilfe von chemischen Präperaten. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit lassen sich alle drei Themen auf folgende Frage zurückführen: Reicht es uns nicht mehr menschlich zu sein?

Betrachtet man die Handlungsebene, dann erlebt der Zuschauer die Geschichte einer mittelalten Schauspieleren namens Robin Wright (Robin Wright), die zwischen ihrer Karriere und ihrer Familie durch den Alltag balanciert. Von allen Seiten wird an sie herangetragen, dass ihre große Zeit vorbei ist und das sie in der Vergangenheit einige falsche Entscheidungen getroffen hat. Aus diesem Grund bekommt sie von einem Studioboss, der ihren Stern als erloschen einstuft, ein letztes Angebot. Sie solle doch bitte ihren gesamten Körper und alles was sie auszeichnet einem Scan unterziehen, der ihre ganze Person in einem Computerchip abspeichert. Dieser Computerchip würde als digitale Vorlage für ihre zukünftigen Rollen dienen. Dies würde ihr erlauben nie wieder vor eine Kamera zu treten. Weiterhin gibt er ihr zu verstehen, dass sie auf der Leinwand mit Hilfe der Technik auch nicht mehr altern könne. Robin Wright entscheidet sich nach einigem Ringen den Vertrag zu unterschreiben und löst damit ungeahnte Folgen aus.

Ari Folman präsentiert uns ein Filmgeschäft, welches beängstigende Züge trägt. Dabei befestigt er seine weitreichende Geschichte durch einen geschickten Kniff in der Realität. Robin Wright spielt in „The Congress“ sich selbst oder besser eine Version von sich selbst. Der Film als kulturelles Medium ist dabei auf dem Weg aus der Tür. Es kommt nicht mehr auf die Details an, sondern nur noch auf beschränkte Kriterien. Das große Studio Miramount hat sich zu einer Firma entwickelt, die sich für visionär hält und das Filmemachen umkrempelt. Schauspieler müssen nicht mehr vor die Kamera treten, sie existieren digital und können jeder Zeit abgerufen werden. Filme werden vollständig am Computer erstellt. Ein Schauspieler kann durch seinen digitalen Chip jegliche Rollen spielen, ohne dabei eine Wahl zu haben wen er darstellt. Der Vertrag den Robin Wright unterschreibt sieht zwar Ausnahmen vor, doch gerade diese Möglichkeit Entscheidungen nicht treffen zu müssen soll für sie attraktiv erscheinen. Miramount hält dies für die Zukunft des Films, doch das Produkt welches sie erschaffen hat nicht mehr viel mit Film zu tun. In einer Szene machen sich zwei Charaktere darüber lustig, dass in einem dieser „neuen“ Filme ein Programmierfehler steckt. Der Film erscheint dadurch entstellt, doch die Zielgruppe wird es nicht kümmern, denn ihnen wird der sprichwörtliche Einheitsbrei serviert, auf den sich die Fantasie des Publikums in Folmans Vision beschränkt hat.

Nicht nur durch den Auftritt der echten Robin Wright wird „The Congress“ zu einer schaurigen Zukunftsvision des Filmemachens. Die Idee der computergenerierten Bilder ist schließlich nicht mehr fikitiv. Sie geschieht überall und gerade in den großen, von Massen gesehenen Hollywoodblockbustern greift sie immer mehr über. In „Avatar“ (Regie: James Cameron, 2008) oder „Der Hobbit“ (Regie: Peter Jackson, 2012,2013) werden nicht nur ganze Welten erschaffen, sondern auch Charaktere, die menschliche Emotionen verkörpern sollen. „The Congress“ hinterfragt dieses Konzept auf intelligente Weise, indem er zweifelt ob diese Bilder wirklich repräsentativ sein können und ob Schauspieler entbehrlich sind. Reicht es dem heutigen Publikum nicht mehr menschliche Menschen zu sehen? Möchte es sich mit etwas anderem auf der Leinwand identifizieren, dass durch artifiziell programmierte Emotionen eine Verbindung zum Zuschauer aufbauen möchte?

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Ari Folmans Werk auch mit dem digitalen Zeitalter. Miramount entwickelt sich in „The Congress“ von einem Filmstudio zu einer Firma, die für alle Menschen zugängliche alternative Realitäten schafft. Dort kann der normale Bürger sein altes Leben hinter sich lassen und zu Elvis Presley, Tom Cruise oder fiktiven Helden werden. Die Sache hat nur einen Haken. Einmal in dieser visionären Welt gelandet gibt es keinen Weg zurück. Das reale Leben wird zurück gelassen. Die Probleme, die im realen Leben entstehen können, die jeder Mensch in sich trägt und konfrontieren muss, verschwinden. „The Congress“ wundert sich, ob eine solche Realität erstrebenswert ist. Robin Wright stolpert quer durch diese alternative Wirklichkeit, vor allem weil ihr menschlicher Kompass nicht mehr vorhanden ist. Das digitale Zeitalter macht die Existenz dieser Wirklichkeiten möglich. Es lockt mir der Möglichkeit der totalen Veränderung, vielleicht sogar mit dem totalen Vergessen unseres befristeten Lebens. In Ari Folmans Werk lässt das digitale Zeitalter in Form von Miramount Robin Wright keine Wahl mehr, kein Entkommen. Auf diese Art konfrontiert „The Congress“ den Zuschauer mit einer Welt in der es in dieser Hinsicht keine eigene Entscheidung mehr gibt.

Miramount gibt seinen Kunden die Möglichkeit durch eine chemische Pille das Bewusstsein zu einer neuen Welt zu öffnen. Durch diese Droge wird eine uneingeschränkte Veränderung der menschlichen Persönlichkeit vorgenommen. Der Mensch wendet sich von seinen Emotionen ab, er will sie verdrängen und sich das Leben einfacher machen. Gefühle werden nicht mehr erlebt, sondern durch Präperate verschleiert. Sie werden artifiziell neu erzeugt und in Gang gesetzt. Folmans Kommentar in Bezug auf dieses allgegenwärtige Thema ist nicht versteckt, aber er ist auch nicht aufdringlich wertend. „The Congress“ erlaubt sich lediglich eine Frage zu stellen und eine Situation zu entlarven. Reicht es den Menschen im Film nicht mehr menschlich zu sein? Die Firma Miramount macht aus dieser Frage Geld, denn sie bietet all denen, deren Antwort verneinend ausfällt eine Lösung.

„The Congress“ ist ein kritischer Film. Ari Folman macht dem Zuschauer seine Gedanken zugänglich, indem er eine Handlung schafft die sie tragen kann. Eine Handlung, die das Einzelschicksal einer Frau und ihres Sohnes erzählt und durch diese emotionale Erzählung den großen Bogen zum Zuschauer schlägt. Den Bogen zum Innersten der Menschen. Zu dem was die Menschen ausmacht und sie bewegt. Hoffentlich auch zu dem, was ihnen reicht.

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