Natürliche Träume

Werner Herzog und seine Reise in tiefe Höhlen und ferne Eiswelten


Werner Herzog ist 71 Jahre alt. Alle Filme, die dieser wohl bekannteste lebende deutsche Künstler bis zum heutigen Tage gedreht hat, beschäftigen sich intensiv mit uns Menschen. Herzog geht dabei selten den einfachen Weg und noch seltener sind seine Filme einfach. Doch immer wenn der Name Herzog auftaucht oder sich seine langsame Stimme erhebt, sollte man für eine spannende Aussage gewappnet sein. Werner Herzogs Filme wirken oft wie Manifestationen seiner Träume. Manchmal sind es fieberhafte Albträume, ein anderes Mal skurille Visionen und schließlich gibt es in seiner Filmographie auch die natürlichen Träume. Herzogs natürliche Träume befassen sich mit Naturphenomenen und versuchen den Menschen im Kontext der beobachteten Natur erscheinen zu lassen. Die Filme “Cave of forgotten Dreams” (2010) und “Encounters at the End of the World” (2007) sind Beispiele für das herzogsche Träumen.

“These images are memories of long forgotten Dreams”

Diese Worte spricht Herzog nach ungefähr einer halben Stunde über die Bilder seines Filmes “Cave of forgotten Dreams”. Dieser Film repräsentiert die einmalige Gelegenheit in die Tiefen der Chauvet Höhlen im Süden Frankreichs abzutauchen. Dort wurden 1994 die ältesten bekannten Wandmalereien und damit die ältesten Kunstwerke der uns bekannten Welt gefunden. Bilder, die vor 35-40.000 Jahren von Urmenschen an die Wand geworfen wurden. Es sind die längst vergessenen Träume dieser Menschen, die sich an den Wänden der wasserübertropften Höhle abzeichnen. Herzog tanzt mit seiner Kamera über die präzisen Zeichnungen der verschiedensten Tiere und offenbart die Schönheit einer Welt die beschützt wird wie ein Hochsicherheitstrakt. Werner Herzog lässt diese so fremdartigen Bilder in Musik getränkt vor uns aufflackern und erweckt so die uralten Träume der Maler wieder auf.

Weiterhin trifft dieser oben zitierte Satz nicht nur auf diesen Film zu. Vielmehr könnte man ihn als Hinweistafel vor jeden Film Herzogs stellen. Unangebracht wäre er auch nicht vor “Encounters at the End of the World”. Diese filmische Expedition begibt sich mit Herzog an der Spitze auf den Südpol und möchte sich nicht nur der natürlichen Umgebung, sondern viel mehr den Menschen die dort leben annähern. Es sind unsere unerwarteten Begegnungen mit Menschen, die in einer traumhaften Umgebung wohnen, welche diesen Film auszeichnen. In jedem der im Film geführten Interviews kann man spüren wie Herzog sich mit seinen Interviewpartnern identifziert. Die wenige Infrastruktur die es auf der Antarktis gibt erscheint uns wie eine Erinnerung aus der Eiszeit. Herzog weiß, dass es für einen Großteil seines Publikums unvorstellbar ist an einem solchen Ort zu leben. Aus diesem Grund entscheidet er sich genau wie bei seinem Abstieg in die Chauvet Höhlen, diesen außergewöhnlichen Ort nicht ausschließlich durch die Natur zu präsentieren, sondern ihn mit Menschen zu verankern.

Homo Spiritualis

Auf die Frage wie er denn auf der Antarktis gelandet ist entgegnet einer der Südpolbewohner Herzog, dass wohl alle Menschen die keine feste Bindung haben einfach die Erdkugel hinunterfallen und somit automatisch an diesem magischen Ort landen. Auch wenn dies eine komische Beschreibung ist sieht man im Gesicht des Interviewten, dass sich diese Erklärung nicht nur auf Humor stützt. Im Süden Frankreichs erklärt Herzog, dass der denkende Mensch (homo sapiens) viel eher ein spiritueller Mensch (homo spiritulis) ist. Dies ist eine These die er immer wieder mit seinen Bildern und Kommentaren unterstützt. Herzog sucht in beiden Filmen vorrangig einen Ort auf, der den Menschen als spirituelles Wesen erscheinen lässt. Die Bilder an der Wand sind dabei Werke von nicht denkenden Menschen die sich auf ihre spirituellen oder religiösen Triebe verließen. In Einklang damit sind die unendlichen, weißen Weiten der Antarktis eine Erfahrung des menschlichen Seins, die sich ebenfalls rationalen Verhaltens entzieht. Nur ein spiritueller Mensch kann sich entscheiden sein Leben dort zu verbringen. Werner Herzog vertritt die Idee, dass jede Handlung auf spirituelle Gedanken fußt.

Aus diesem Grund zeigt er uns besondere Orte. Orte die wir nicht kennen und mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals sehen werden, wenn es nicht seine Filme gäbe. Werner Herzog schaut sich diese Orte an und mit ihm schauen wir uns, durch sie, selbst an.

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