Offen für eine Identitätskrise

Robocop (2014)


Es gibt ihn doch noch. Den großen Hollywoodblockbuster mit einem richtigen Thema. Ein Film, der nicht nur handelt, sondern von etwas bestimmtem handelt. In dem Wahn der Studios immer wieder Fortsetzungen und Neuauflagen zu drehen ist es ein skurriler Zufall, dass gerade dieser bemerkenswerte Film ein Remake ist. „Robocop“ im Jahre 1987 von dem Niederländer Paul Verhoeven veröffentlicht heißt 2014 immernoch „Robocop“, aber wurde diesmal von dem brasilianischen Regisseur José Padilha gedreht. Während der erste Film zu seiner Zeit mit der Altersbeschränkung kämpfen musste (in Deutschland war er sogar eine lange Zeit indiziert), muss sich der neue mit dem langen Schatten des Originals auseinandersetzen. Einem Schatten von dem er sich klar entfernt, denn schnell stellt sich die Erkenntnis ein, dass dieser Film keine Kopie sein wird. Padilhas „Robocop“ ist sein eigener Film und drückt nicht nur dem Thema Robocop, sondern auch unserer Zeit, einen eigenen Stempel auf.

In der sprichwörtlich gewordenen nahen Zukunft, im Jahre 2028, ist Detroit ein Sumpf des Verbrechens geworden. Alex Murphy (Joel Kinnaman ) ist ein Polizist, der sich gegen das Verbrechen auflehnt und dafür einen bitteren Preis bezahlen muss. Nachdem er lebensgefährlich verletzt wird gerät sein Körper in die Hände des Großkonzerns OmniCorp, der Roboter herstellt. Diese sehen in ihm eine Chance ihre Produkte menschlicher zu gestalten und einen Mensch in dem Inneren einer Maschine zu platzieren.

Schon in dieser Ausgangssituation wird der gravierende Unterschied zwischen dem Original und der Neuinterpretation deutlich. Bei José Padilha stirbt Murphy, der etwas hölzern und austauschbar von Kinnaman gespielt wird, nicht. Dieses Detail gibt dem Film wortwörtlich ein Herz und ruft philosophische Grundfragen auf den Plan, die mehr als nur einen Denkanstoß zu geben im Stande sind. Zentral steht dort: Was ist ein Mensch? Im Folgenden lotet der Film immer wieder verschiedene Perspektiven auf diese Kernfrage aus. Auf dieser Reise liefert er uns indes keine konkreten Antworten. Wichtiger als diese sind dem Werk die Fragen , die sich der Zuschauer nach dem Film stellt und die Gespräche die daraus resultieren. Wie in einem wissenschaftlichen Versuch werden Murphy verschiedene menschliche Attribute geraubt und man möchte den beaufsichtigenden Wissenschaftler fragen hören: „Na, bist du noch Mensch?“Das Hauptmotiv des Filmes ist in dieser Hinsicht der Körper. Murphys Körper ist zu weiten Teilen verschwunden und ersetzt, doch verschwindet damit auch seine Menschlichkeit. Definiert er sich vielleicht eher über sein Herz? Oder den Verstand? Leicht verächtlich fragt eine Angestellte der Firma OmniCorp in Bezug auf Murphys Zustand und was ihn definiert: Etwa seine Seele? Während nur noch Murphys Kopf verfügbar ist wird auch eine weitere Denkrichtung angeschoben. Wäre unsere Definition von menschlichen Attributen anders, wenn unsere Augen in den Knien säßen? Nicht nur wörtlich würde sich dadurch unsere Perspektive ändern, sondern auch im übertragenen Sinne. Wäre der Kopf dann immernoch das Epizentrum der Menschlichkeit in unserem Leben?

Mit all diesen Fragen und Gedanken sehen sich auch die Charaktere in „Robocop“ konfrontiert. Padilhas Werk geht dabei von der Identitätsfrage zur Identitätsaktzeptanz über. Wie aktzeptieren wir uns selbst? Wie wollen wir uns selbst verändern? Als Murphy seinen wirklichen Zustand das erste Mal im Spiegel sieht kann er das Bild nicht aktzeptieren. Diese Szene ist auf filmischer Ebene schlicht genial und fasst den philosophischen Kontext der Handlung perfekt zusammen. Trotz einer Menge Action ist dies auch die brutalste Szene im Film. Die Brutalität des Originalfilms wäre hier fehl am Platz und würde vermutlich sogar von der schlichten Konsequenz dieser Kernszene ablenken. Nach dieser ersten abstoßenden Reaktion wird Murphy (leider etwas schnell) von seinem Arzt Dr. Norton (Gary Oldman) vom Gegenteil überzeugt. In einem nächsten Schritt wird ihm seine verbliebene, vermeintliche Menschlichkeit genommen. Schließlich fährt dieser Teil seines Selbst wieder hoch. Dieser Entwicklungsprozess zeigt die verschiedenen Stufen und Perspektiven einer Identitätskrise.

Zentral ist hier eine Testsequenz. Murphy soll seinen neuen Körper auf die Probe stellen und muss sich deshalb durch eine Lagerhalle voller stählerner Gegner kämpfen. Was der Charakter Alex Murphy jedoch nicht weiß ist, dass die Wissenschaftler und OmniCorp Chefs seinen freien Willen in einem chirurgischen Eingriff vermindert haben. Während Robocop beinahe ballettartig zu jazziger Musik tanzend die Gegner zur Strecke bringt, lautet Nortons Kommentar: „Alex denkt er ist eine Maschine, aber eigentlicht denkt die Maschine, dass sie Alex ist.“ In ihrer Grausamkeit erschafft diese Sequenz einen großen metaphorischen Zusammenhang zu der Welt in der wir uns befinden. Symbolisch steht Murphy dort für einen unterdrückten Körper (sprich: ein gefangenes Volk), welches von Technik beherrscht wird. Die Identitätsfindung geschieht dabei über die Technik, die sich um uns befindet und in Murphys Fall mit ihm verschmilzt. Während Facebook Personen erschaffen werden, definiert sich diese Welt über die Kommentare in einem Forum und nicht über die Aussagen in der realen Welt, welche vermutlich anders wären. Die Verlockungen der Technik sind dabei offenbar. Murphy ist in seiner eisernen Rüstung genauso unverwundbar, wie sich das Individuum im Internet fühlen kann. Konsequenzen sind in der virtuellen Welt schließlich niemals so hart wie in der Realität.

Dieses Motiv der Manipulation wird weiter durch den militärischen Hintergrund der Geschichte verstärkt. Ganz explizit spricht Padilha das Drohnenproblem und den Überwachungsstaat an. Schnell wie Robocops Motorrad kommen hier Ethikfragen auf die Leinwand. Ist ein Vertrauen in Maschinen und deren Entscheidungsfähigkeit positiv? Ist es gefährlich? Gibt es dieses Vertrauen nicht schon in der Zeit 14 Jahre vor der Handlung des Filmes? Repräsentiert durch den TV-Moderator Pat Novak (Samuel L. Jackson) findet sich auch Manipulation durch Medien in Padilhas Film ein. Immer wieder wird seine Sendung eingespielt und in seinen Kommentaren findet sich der Zynismus der Handlung. Zwei Stunden voller zweifelhafter Szenen und Handlungen kulminieren in zwei tiefgreifenden Statements. Tom Pope (Jay Baruchel), ein Mitarbeiter von OmniCorp, sagt als er sich gegen Ende von Robocop bedroht sieht: „Ich bin nur vom Marketing.“ Das Statement scheint natürlich lustig und der Kinosaal lacht erleichtert auf, doch die darunter liegende Botschaft ist eindeutig. Marketing zieht die Fäden. Marketing ist der Strippenzieher, denn auch Robocop ist zunächst nur ein Marketingprojekt. Alles ist mittlerweile Marketing geworden und die Manipulation durch diese Firmenabteilungen findet permanent statt.

Das finale und zweite Statement ist jedoch noch wichtiger. Mit den Augen direkt aus der Leinwand auf den Zuschauer gerichtet und damit die vierte Dimension durchbrechend, erklärt der berühmte Schauspieler Samuel L. Jackson, das Amerika das großartigste Land der Welt ist. Ob der Thematik des Filmes und der zuvorgesehenen Handlungen stellt das Werk hier Patriotismus auf den Kopf. Zynisch züngelnd entlarvt es den Charakter Pat Novak und die Problematik der Manipulation. Wer als Zuschauer die finalen Worte Novaks wirklich glaubt, der sieht nur die Oberfläche und bei dem, der nur die Oberfläche sieht sind die Grenzen zwischen Mensch und Roboter schon verschwunden. José Padilha gelingt aus diesem Grund ein wichtiger Film. Es ist nicht der Film, den sich die Masse gewünscht hat, aber mit Sicherheit ist es derjenige, den viele dringend brauchen. „Robocop“ bringt Denkanstöße in unsere Köpfe, die uns ein Stück näher an das Begreifen unserer Welt bringen. Der Zuschauer muss dabei nur offen sein. Offen für eine Identitätskrise. Offen für nachdenkliche Themen. Offen für diesen Film.

Email me when Thomas Schroers publishes or recommends stories