“OíglakA”

Eine Kurzgeschichte


Die Geschichten unserer Zeit definieren die Zeit in der wir leben besser als es ein Tatsachenbericht jemals tun könnte. Jeder Mensch der neuen und der alten Welt trägt aus diesem Grund von Geburt an eine Fülle von Geschichten in sich. Manchmal sind sie in seinem Herzen gelagert. Ein anderes Mal befinden sie sich gar in seiner Seele oder den Narben auf seinem Körper. Schließlich gibt es den simplen und häufig vorkommenden Fall, dass sie in den Gedächtnissen der Menschen auf wissbegierige Gedankenströme warten. Die alte Welt ist es die mich vor langer Zeit in die neue Welt geführt hat und doch ist sie es auch die mich immer wieder aus dieser zu entfernen vermag. Oft schon habe ich in Spiegeln meinen Körper betrachtet und die Inhalte der Furchen meiner Haut gedeutet oder mit starrem Blick tief in meinen Augen nach dem pulsierenden Leben meines Herzens gesucht. In diesen Momenten geschieht stets etwas Unerklärliches mit mir, das wohl nur Diejenigen verstehen können, die selbst zu dem einsamen Wolfsrudel der Grübler gehören.

Damals war ich in der Gegend der tiefen Schlucht gewesen und hatte mit einer Gruppe von mehr oder weniger zweifelhaften Freunden auf den Klippen ein gutes Stückchen westlich von dieser gelagert. Des Nachmittags wollte ich dann jedoch die Schlucht aus der Nähe betrachten und so war ich eine gute Stunde in ihre Richtung gewandert. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass ich die Schlucht an jenem Tag nicht mehr sehen würde, sondern erst einige Jahre später unter gänzlich anderen Umständen. Auch wenn niemand aus der Gruppe mit mir gekommen war, so hatten sie mir doch den Rat gegeben mich im Wald bedeckt zu halten. Aus diesem Grund hatte ich meine Wanderung am Waldrand kurz pausiert und von dort begonnen mich nur noch langsam schleichend weiterzubewegen. Die Minuten zogen sich bereits dahin udn ich konnte nicht feststellen, ob ich der Schlucht näher kam, als ich mit einem Mal eine Lichtung zwischen den Bäumen erkannte. Sofort beschloss ich diese Waldesöffnung vorsichtig zu umkreisen, da sich an solchen Plätzen oftmals Überraschungen verbargen. Die Bäume und Büsche standen zu dieser Zeit des Jahres noch dicht zusammen und boten mir so einen idealen Schutz gegen die grelle Öffnung der Lichtung. Auf allen Vieren krabbelte ich entlang der vor mir liegenden, linken Seite des Lichtkegels und hielt alle paar Schritte inne um angestrengt in den Wald zu horchen. Ich hatte gerade einen dieser picksigen Stachelbeerenbüsche erreicht als ich Stimmen vernahm, die sich meinem Standort zu nähern schienen. Tatsächlich erschienen nur Sekunden später zwei Einheimische dieser blühenden Gegend in meinem Blickfeld und drängten mich durch ihr Auftauchen weiter in die Stachelbeeren. Sie waren prächtig ausgestattet und während der Jüngere der beiden eine große, rote Feder an sich trug, schien der deutlich Ältere allerlei Beutelchen unbekannten Inhaltes an seinem breiten Ledergürtel zu tragen. Ich hatte Pech, denn die Lichtung schien ihnen gerade recht, um sich eine Weile niederzulassen. Rasch wägte ich meine spärlichen Optionen ab und beschloss nach kurzem Nachdenken ebenfalls an Ort und Stelle zu verweilen. Vielleicht, so dachte ich mir, könnte ich hinter meinem Busch getarnt ihre Worte hören und ihr Gespräch belauschen.

„Mein großes Pferd, du solltest echt damit aufhören!“

„Rote Feder versteht den Rauchschamanen nicht?“

„Na da mit, was soll das denn? In was für einer rauchlosen Zeit leben unser jungen Krieger denn?“

„Rote Feder versteht nicht was der Rauchschamane meint. Der junge Krieger bittet den weisen Mann um eine ausführlichere Erläuterung.“

„Ich sollte wirklich mit deinem Vater reden. Warum in der Welt sollte er solche Strukturen lehren. Warum bin ich nur dein Onkel?“

„Rote Feder kann die gemeinten Strukturen nicht finden. Ich bin Krieger Onkel, die einzige Struktur die ich kenne ist die Schneide meines Beils und die Flugkurve meiner Pfeile. Howgh!“

„Du hast also gesprochen? Ich fühle mich amüsiert, denn Sprache ist es von der ich rede.“

„Rote Feder versteht nicht.“

„Sprache mein junger Freund. Das gesprochene Wort. Die Laute die dir deine Vorfahren in den Mund gelegt haben. Du weißt das ich schon bald einer deiner Ahnen sein werde, aber es scheint mir ich werde der erste in diesem Kreise sein, der Sprache entwickeln konnte.“

„Der Rauchschamane wird noch lange in unserer Mitte weilen, auch nach seinem Ableben.“

„Uff, das glaubst du? Ich werde ein Haufen Staub sein und es wirst ganz allein du sein der mich am Leben hält. Aber ich werde nicht mehr existieren. Dein Gedächtnis wird meinen Körper formen und die Kräuter die ich euch gab. Hoffentlich wird es nicht meine Sprache formen.“

„Die Worte des Schamanen in allen Ehren, aber die Schriften der Ahnen lehrten rote Feder zu wissen, dass wir auch im nächsten Leben handelnd existieren.“

„So höre mir doch zu mein Pate. Ich sagte zwar nicht, dass ich nicht an einem anderen Ort leben würde. Genau genommen habe ich es aber angedeutet denke ich, denn ich sagte das ich hier nicht mehr existieren würde. Dort, an diesem neuen Ort werde ich, wie du es auszudrücken vermagst, handelnd existieren.“

„Rote Feder weiß, dass der Rauchschamane auch bei ihm existieren wird. Auf seinen gefährlichen Reisen konnte rote Feder stets auf die Weisheit seines Onkels vertrauen, da er bei ihm war.“

„Aber war ich wirklich bei dir? Konntest du mich fühlen?“

„Der Rauchschamane war ein Schatten des Geistes, der dem stärksten unserer Krieger stets ein Hüter war!“

„Na jetzt hör aber auf solchen Honig zu schlabbern.“

„Rote Feder fragt sich ob der Rauchschamane sich bequem auf den Grund gesetzt hat.“

„Ja habe ich und jetzt Schluss damit. War es deine schöne Mutter — meine Schwester oder dein Vater der dich die Sprache gelernt hat. Wir wollen beim Thema bleiben.“

„Thema só?“

„Dein Gebrauch unserer Worte! Genauer deine grammatikalischen Satzstrukturen. Die sind doch nicht mehr angebracht oder fühlst du dich stets als wärest du eine dritte Person?“

„Rote Feder ist mein Name und der gehört zu mir. Es war mein Vater der mich lehrte ihn auf diese Weise zu benutzen.“

„Dann mein Lieber ist es an der Zeit etwas neues auszuprobieren. Auf meine alten Tage wird es mir zunehmend lästig die Floskeln unserer Sprache aufrecht zu erhalten und mit dieser Mühe habe ich erkannt, dass dies auch gar nicht nötig ist.“

„Wie meint der Rauchschamane?“

„Weißt du. Ich bin der Älteste meiner Familie und meine Familie ist unser Stamm in der tiefen Schlucht. Vielleicht habe ich heute mit dir zum letzten Mal diese Höhe erklommen. Mein Rauch und die Visionen unserer Kultur haben mir gezeigt, dass wir uns klar werden müssen.“

„Die Vision der Verteidigung unseres Landes?“

„Zum Geier, nein! Mein Pate, höre doch bitte einfach auf von dir in der dritten Person zu sprechen. Für mich ist es nur noch anstrengend.“

„Rot-“

„Nein! ‚Ich‘!“

„I-Ich verstehe, ich werde versuchen deiner Bitte Folge zu leisten.“

„Danke.“

„Sollten wir unsere Pfeifenköpfe darauf erheben?“

„Nein — Nein. Lass deine Pfeife nur verborgen. Die Zeit des Rauches ist noch nicht gekommen.“

„Aber du sollst doch deine Beutelchen nicht vergebens hergebracht haben.“

„Der Inhalt meiner Taschen geht dich gar nichts an, Junge. Das würdest du sowieso nicht verkraften können.“

„Rote Feder soll nicht jedem Rauch gewachsen sein? Pah!“

„Hochmut! Sollte ich dies deiner bald angetrauten Frau erzählen? Oder gar deinem Vater?“

„Das größte Ereignis des Mondes. Meine Ehelichung mit Min Ko, nie kann ich mein Pferd umsatteln ohne das mich irgendein Niemand darauf anspricht. Du also auch Onkel?“

„Aber, aber das ist doch eine wunderbare Sache. Die Leute reden doch nur aus Freude, nicht um deinen Geist zu belagern.“

„Das mag schon sein.“

„Das ist ganz sicher so. Ich rede doch selbst nun nur davon um zu erfahren wie es dir geht.“

„Das ist ganz fantastisch, ganz wunderbar. Die Kriege unseres Stammes sind nur der Anfang meines Lebens gewesen. Unser Stamm liebt mich nun, doch meine Liebe ist verschwommen.“

„Deine Worte lassen mich nicht verstehen?“

„Kannst du nicht endlich einen deiner Beutel für mich opfern?“

„Du weißt, dass es meine Aufgabe ist Opfer für den ganzen Stamm zu bringen und niemals habe ich dies auf Anfrage gemacht.“

„So meinte rote Feder seine Worte auch nicht. Ich dachte weil wir eine Familie sind und in der atemberaubenden Natur auf unseren Lebensinha-.“

„Was dachtest du?“

„Ich heirate schließlich in vier Tagen und vier-.“

„Was dachtest du?“

„Der Schamane will wissen was ich dachte? Ich dachte ich könnte zusammen mit meinem Onkel ein wenig entspannen!“

„Du meinst du wolltest mit mir rauchen?“

„Ja.“

„Was für eine wunderbare Welt!“

„Wie meinst du das denn nun? Es herrscht Frieden. Ich habe eigenhändig dafür gesorgt die anderen Stämme zum Schweigen zu bringen.“

„Na du. Ich bin so stolz auf dich!“

„Du scherzt.“

„Nein, das würde ich doch niemals mit der großen roten Feder machen. Friede ist mehr als nur anderen Stämmen Skalpe abzunehmen. Es muss nicht unbedingt Krieg gegeben haben um eine Umwendung zum Frieden zu erleben.“

„Krieg ist mein Handwerk. Ihr habt es mir selbst in die Hände gegeben und deswegen verfolge ich es.“

„Glaube mir, ich habe schon viele Dinge in meinem Leben bereut. Aber so wahr ich hier sitze, lange werde ich den ewigen Jagdgründen nicht mehr widerstehen.“

„Und wenn doch?“

„Dann werde ich einen Weg finden meine Fehler zu korrigieren.“

„Du meinst ich wäre ein Fehler?“

„Nein, du bist kein Fehler, aber durch die Kämpfe haben wir dich zerstört.“

„Sehe ich so aus als wäre ich zerstört? Onkel, vielleicht solltest du aufhören deine Rauchopfer zu bringen!“

„Du wirst in vier Tagen heiraten. Die Kriege haben dich gezeichnet, wovon lebst du denn mittlerweile?“

„Wie meinst du das?“

„Denkst du nicht, dass ich euch nicht beobachte? Ich suche schon seit langer Zeit meinen Nachfolger, aber die alten Werte gibt es nicht mehr. Ich sehe deine Generation und ich sehe die Verantwortung, die unsere Zukunft bringen wird. Keiner von euch wird ihr gewachsen sein. Keiner von euch kann unsere Kultur weiterbringen.“

„Rote Feder wird es können, denn er ist der Bewacher des Guten.“

„Auch du nicht! Du und deine Freunde, ihr wisst doch gar nicht was gut für euch ist. Eure vernebelten Köpfe missbrauchen unsere Traditionen. Nie zuvor musste ich mit ansehen wie sich rote Männer auf solche Art und Weise selbst vernichtet haben.“

„Ist das die Meinung der Alten oder nur die Deine?“

„Die Alten sehen nicht das Bild, welches ich sehe. Sie meiden euch doch schon seit einiger Zeit. Legen Distanz zwischen sich und eure rauchenden Schlünde und sabbernden Mäuler. Der Krieg hat euch zerstört. Er hat euch das Verlangen gegeben eure Sinne zu vergessen und ich produziere eure Droge.“

„Ich brauche etwas zu trinken.“

„Verstehst du nicht? Das ist das Problem! Ich spreche die Wahrheit zu dir und du willst dich weiter betrinken?“

„Die Wahrheit? Sehe ich so aus, als hätte ich mein Leben nicht unter Kontrolle?“

„Natürlich! Du bist doch der große Krieger. Du wirst bald heiraten. Was dann? Vielleicht noch Kinder in unsere Welt setzen?“

„Min Ko und rote Feder werden viele stolze Stammesmitglieder hervorbringen.“

„Es wird wahrlich immer besser. Stolze Stammesmitglieder mit hinkenden Beinen und mit von eurer Betäubung zerstäubten Geistern, die denen einer Ziege gleichen. Die Werte meines Vaters und seines Vaters existieren nur noch in den Schriften, die ihr durch unser Lager tretet. Die Ehre unserer Familien liegt mit euch in den dunklen Schatten der Gebüsche durch die ihr taumelt.“

„Meine Ehre liegt bei meinen toten Freunden auf unseren Schlachtfeldern.“

„Deine Ehre ist eine Beschämung für das Wort Ehre. Deine Ehre? Deine Ehre ist schon lange nicht mehr in deinem Handeln aufgetaucht. Meine Ehre ist es auch nicht, doch ich weiß das meine endgültige Handlung hinter jedem Baum lauert. Meine Ehre verschwand zusammen mit meiner Hoffnung und meine Hoffnung verschwand mit deiner Entwicklung und der deiner Generation. Die Generation, die in der Geschichtsschreibung unseren Untergang eingeleitet hat. Voll mit Blendung, doch ohne wahres Wissen. Getränkt mit dem unendlichen Drang nach mehr. Nach mehr Blut. Nach mehr Rausch. Nach mehr Leben. Doch das ist kein Leben. Das ist ein Verdrängen des Lebens. Ein Verdrängen unseres Lebens und insbesondere meines-“

Dies waren die letzten Worte die ich hören konnte, denn so wie das Schicksal es wollte hatten sich die beiden während ihres Gesprächs erhoben um die Lichtung zu verlassen. Mit ihnen waren auch ihre Stimmen leiser geworden, bis mein Vernehmen ihrer Gedanken schließlich mitten in einem Satz unterbrochen wurde. Ich kauerte noch eine Weile hinter meinem Stachelbeerbusch und hatte völlig vergessen wie weh die Stacheln tun konnten als ich mich beherzt an ihm festhielt. Die eiförmige Freifläche hatte sich wieder in Ruhe gebettet und ließ mich über meine nächsten Schritte grübeln. Mir war klar, dass ich nicht mehr bis an die tiefe Schlucht gehen könnte, denn der Jüngere der Beiden hatte eindeutig wie ein äußerst fähiger Krieger geklungen. Auf keinen Fall wollte ich meine Sicherheit in Gefahr bringen oder ihnen in die Hände fallen. Nach einer Weile entschied ich mich aus diesem Grund noch ein wenig in meinem Versteck zu warten und dann vorsichtig zurück zu unserem Lager zu schleichen.

Der Wald umschloss mich und sein schmeichelnder Schutz gab mir die Möglichkeit das Belauschte nocheinmal in meinem Kopf zu hören. Ich hatte nicht alle Worte verstanden, da ich der Sprache der Wilden nicht vollends mächtig war. Vielleicht ist es aus diesem Grund auch anmaßend, dass ich sie als Wilde bezeichne. Ich war es doch, der sie aus den Büschen herraus belauscht hatte. Es war ein heftiges Gespräch gewesen, soviel war klar und auch wenn ich nicht wusste wie die Diskussion ausgegangen war, so waren mir die Identitäten der Sprecher nicht unbekannt. Nie zuvor hatte ich einen derart einzigartigen Einblick in die Kultur unseres Feindes erhalten. Vermutlich wird mir diese Einsicht auch erst wieder vergönnt sein, wenn wir ihn besiegt haben. Unser Sieg steht außer Frage, aber manchmal zweifle ich an dem was wir dafür tun müssen. Irgendjemand hat mir einmal gesagt, dass wir immer auch gegen uns selbst kämpfen wenn wir uns einen Feind erschaffen. Ich beginne zu glauben, dass dies die Wahrheit ist.

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