Auf eine Art ist es gut, dass bei “Spring Breakers” von Harmony Korine nicht zu Anfang ein großer Warnhinweis aufleuchtet. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht jede Berechtigung dazu gäbe. Gerade bei dem heutigen Kinopublikum. Doch diesen Feststellungen zum Trotz wurde bei “Spring Breakers” auf jede Warnung verzichtet und sogar das Gegenteil gemacht und ein vollkommen anderer Film beworben. Sei es nun ein genialer Marketingschachzug oder ein Fehler gewesen. Fakt bleibt, dass “Spring Breakers” sich allem bekannten und logischen entzieht und erst dadurch wirklich greifbar wird. Korine und sein Film fordern. So bleibt gar keine Wahl, als über die verschiedenen Ebenen und Aspekte zu reflektieren. Man muss sich zu diesem weitreichenden Werk positionieren. Ein einfaches anderthalbstündiges Anschauen wäre vollkommene Verschwendung. Bei “Spring Breakers” geht es jedoch nicht darum eine Handlung zu analysieren. Hier geht es auch nicht mehr um richtig oder falsch oder realistisch und unlogisch. Die Rahmenhandlung befindet sich irgendwo zwischen Fantasy und fluoreszierendem Fiebertraum und gerade das Motiv des Traums, auf das ich später noch zurück kommen werde, beschreibt diesen Film wohl passend. “Spring Breakers”, das ist mehr ein Realitätskommentar, der sich im Subtext versteckt. Es ist eine Idee, die sich erst im Kopf des Zuschauers bilden kann und deshalb seine Aufmerksamkeit verdient. Harmony Korines’ “Spring Breakers” ist ebenfalls ein Experiment, ein großartig gewagtes Experiment.
Leere
Nachdem die letzte Bierdose sich auf einen nackten Körper ergossen hat, die letzten Kugeln geflogen sind und das letzte Geräusch einer nachladenden Waffe, welches Korine bei Schnitten benutzt, ertönt ist bleibt allen Beteiligten dieser eindringlichen Erfahrungen etwas sehr Eigentümliches. Etwas, das nichts ist. Am Ende dieses Werks bleibt den Charakteren, dem Film selbst, dem Kino als solches und auch dem Zuschauer nur noch Leere. Es ist schlichtweg nichts mehr übrig geblieben von Erwartungen, Hoffnungen und Träumen. Korine entzieht allem den vermeintlichen Sinn und lässt ein klaffendes Loch zurück. Auf der Handlungsebene verabschieden sich nach und nach auf verschiedenste Arten Charaktere aus dem Film. Manchmal aus freien Stücken, wie die gläubige Faith, aber manchmal auch aus Zwang, wie der Drogendealer und Gangster Alien. Korine widmet diesen Ausstiegen Momente der Ratlosigkeit und der Leere, da für diese Person immer etwas zu Ende geht. All ihre Bemühungen etwas zu erreichen sind im Sande verlaufen und das Zugeständnis, dass ihre Absichten und Realitäten hohl waren muss angenommen werden.
In “Spring Breakers” treffen vier junge Studentinnen, auf der Suche nach ihren Träumen auf den wahren Träumer Alien, der sie in eine surreale Welt aus Drogen, Spaß, Waffen, Zärtlichkeit und Kriminalität mitnimmt. Doch all das Begehren nach der endlosen Ausgelassenheit, welches die frustrierten Studentinnen zu Beginn des Films aufgebaut haben verläuft ins Nichts. Das verlangen nach Freiheit endet somit passenderweise in einer großen Leere und Schwerelosigkeit. Es ist nichts mehr übrig und auch der große Traum von Alien entpuppt sich als leer und einsam. Die strahlende Medaille die in den Köpfen steckte wendet sich also um in ein schwarzes Loch.
Einhergehend mit diesen Bildern verabschiedet sich auch der Zuschauer von allem Bekannten und taucht in den Sog des Films ein. “Spring Breakers” zeigt zuhauf Askpekte des heutigen Lebens und entwirft ein Bild dieses Lebens und auch seiner Gesellschaft, welches sich nur in Leere auflösen kann. Dieses Bild wird später noch genauer skizziert werden, doch für den Moment ist die entscheidende Frage: Wodurch kommt es zu dieser Leere?
Traum
Wo immer es Menschen gibt, dort gibt es auch Sehnsüchte und Träume. Doch was passiert wenn diese Träume vorbelastet sind, wenn diese Träume vielleicht nicht wirklich existieren, sondern nur vorgetäuscht werden? In dem Moment indem ein solcher Traum platzt bleibt nur noch Leere, denn alle Hoffnungen die mit ihm entstanden waren zerbersten.
In und um “Spring Breakers” zerplatzen eine Menge Träume, sowohl auf der Leinwand, als auch davor. Zwei der Mädchen erfahren dies noch vor unseren Augen. Durch plötzliche, enschneidende Erlebnisse wird ihnen der Spiegel vorgehalten und sie erkennen die Sinnlosigkeit ihres Verlangens. Korine inszeniert ihre Heimreisen sehr ausführlich und metaphorisch fahren die beiden über eine große Brücke zurück ins Land der Realität. Am Ende des Films fahren auch die anderen beiden Mädchen über diese Brücke. Im Gegensatz zu den beiden Ersten haben sie aber noch nicht erfahren, wie es um ihre Träume steht. Hier liegt die Tragik für den Zuschauer, will man sich doch retten und ihnen etwas zurufen, aber kann das nicht. Diese Handlungsunfähigkeit unterstützt weiterhin auch das Gefühl der Leere im Zuschauer.
Das brutalste Aufwachen erfährt aber der interessanteste Charakter des Films, Alien. Bis zur Unkenntlichkeit versteckt, befindet sich James Franco in dieser Rolle in Hochform. Sein Traum, er nennt es sogar “American Dream”, ist um einiges größer, als der der Mädchen. Aus diesem Grund muss auch sein Aufwachen explosiver sein, endgültiger. Hinter all dem Verlangen nach Geld und Waffen steckt die Angst eines kleinen Jungen. Hier ist jemand, der seinen Traum lebt, aber schon langsam merkt wie dieser sich auflöst und was dahinter liegt. Immer wieder wird er gegen Ende des Films gefragt ob er sich fürchte und auch wenn er dies sarkastisch verneint, so spricht Francos differenzierte Mimik Bände. Als er dann schließlich vollends wach gerüttelt wird, ist es auch auf vielerlei Hinsicht eine Erlösung für ihn.
Auf formeller Ebene erfindet Korine das Kino neu und erzählt, wie der Autor dieses Textes es noch nie gesehen hat. Man kann diese Erzählstruktur wohl am ehesten, als fließende Erzählung oder elliptisches Erzählen bezeichnen. Mitten in einer Szene beginnt Korine Momente der Nächsten einzustreuen. So greift jede Szene in die Nächste über. Dialoge aus der letzten Szene liegen über Bildern aus der Nächsten und Harmony Korine hält diesen Erzählstil bis zum Ende durch. Dieses Erzählen ist es, was fesselt und in den Bann zieht. Dieses Erzählen erlaubt es auch mitträumen zu können und am Ende mit zu zerplatzen. Auch der Zuschauer hatte seine Erwartungen und Hoffnungen, seinen Traum. “Spring Breakers” ist nun anders als dieser Traum und entlarvt auch das größere Bild einer veräußerlichten Gesellschaft als hohl und leer. Um diesen Realitätsbezug darzustellen bedarf es noch einer letzten Frage und Antwort: Wie entstehen diese leeren Träume?
Oberfläche
Es gibt den schönen Wortlaut, dass man den Menschen nur vor das Gesicht schaut. Impliziert wird dabei, dass man nicht sehen kann, was dahinter liegt. “Spring Breakers” wendet dieses Anschauen von Oberflächen konsequent an und weitet es auf mehr, als die Charaktere aus.
Für die Mädchen gibt es die strahlende, hochglänzende Oberfläche namens Spring Break, nach der sie sich sehnen. Es gibt für sie auch die eintönige langweilige Oberfläche ihres Studiums, die sie hinter sich lassen wollen. Aus dem reinen Bestaunen dieser Spring Break Oberfläche entwickelt sich der Traum teilnehmen zu können. Die Mädchen selbst sind in diesen Momenten auch für den Zuschauer Oberflächen, auf die Gefühle projiziert werden. Diese Projektion von eigenem Denken erlaubt es dem Zuschaer weiter in den Film involviert zu sein.
Dieses Motiv eine Oberfläche, aber nicht darunter sehen zu können prägt auch Alien. Gerade bei ihm können wir sehen wie die Oberfläche langsam Risse bekommt und anfängt zu bröckeln. Immer wieder erlaubt es uns Franco einen Blick in sein verletztes und fast schon hilfloses Inneres zu werfen. Schließlich erstrahlt die Szene, die alles offen legt. Die Szene, die schlichtweg genial ist und nicht nur im Rahmen dieses Films ein Höhepunkt des Kinos darstellt. In jener Szene spielt und singt Alien, an einem großen, weißen Flügel sitzend, der an seinem Pool steht vor untergehender Sonne die Ballade “Everytime” von Britney Spears. Maskiert tanzen die Mädchen mit Waffen in dieser Szenerie umher und Korine schneidet immer wieder gewalttätige Szenen zwischen diesen ruhigen Moment, während die Musik weiterspielt. Hier sieht man in Aliens Gesicht, wie er beinahe weint und wie ihn sein Leben innerlich zerreißt. Seine Oberfläche bricht und so bricht auch die des Filmes, obwohl Korine gerade mit dem Einsatz des Liedes eine Neue erschafft. Es wird entgültig entlarvt was darunter liegt und ab diesem Moment ist jedem klar, dass es kein zurück mehr gibt. Franco veredelt seinen komplexen Charakter in dieser Szene und stellt den zentralen Moment des Films dar.
Schließlich kommt man nicht mehr umhin sich zu fragen wie man die Täuschung durch Oberflächen vermeiden kann. In dieser, unserer schnelllebigen Welt, die aus jeder Ecke in Neonfarben auf uns leuchtet, wird alles zur Oberfläche, wenn man es zulässt. Doch ist es Vergeudung dies geschehen zu lassen. Nicht nur Vergeudung von dem was dahinter steckt, sondern auch von uns. Ein Leben welches sich nicht mehr mit Menschen und Dingen auseinander setzt und sich nur noch treiben lässt endet unter dem Strich in Leere. Aus diesem Grund wollen wir Menschen wirklich kennen lernen oder den Weltraum verstehen. Wollen wissen, welche Gefühle in Anderen schlummern und wie die Natur funktioniert. Wollen die Wahrheit in unseren Mitmenschen finden und schätzen. “Spring Breakers” macht darauf aufmerksam, dass sich heutzutage überall Täuschungen befinden die uns verblenden und falsch träumen lassen. Deshalb ist dies ein wichtiger Film. Ein wichtiger Film, der mit subtiler Kraft strotzt und hinter dessen Oberfläche tiefe Gedanken lauern. Eines Warnhinweises bedarf es hier wirklich nicht, sondern eher einer direkten Shuttleverbindung zum nächsten Kino.
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