Wie viele andere Menschen im Filmgeschäft hat auch Ben Stiller mehrere Gesichter. Auf der einen Seite gibt es Stiller als Schauspieler, dann als Regisseur und schließlich auch Stiller, den Autor. Besonders interessant und sehenswert werden seine Projekte, wenn er Regie führt und auf dieser Basis weitere Funktionen übernimmt. In „Reality Bites“ (1994) hat er so eine Generation definiert, mit „Zoolander“ (2001) eine rabenschwarze Komödie verfasst und in „Tropic Thunder“ (2007) intelligent die Filmindustrie parodiert. All diese Projekte haben gemeinsam, dass sie einen gewissen Grat an Risiko besitzen. Sein neuestes Werk „The Secret Life of Walter Mitty“ (2013) macht sich diese Risikobereitschaft zu einem zentralen Thema. In dieser Hinsicht erscheint es selbstverständlich, dass Stiller selbst die Hauptrolle spielt und sich in ihr dirigiert.
„Walter Mitty“ besitzt einen klassischen Ausgangspunkt für eine Handlung, die so alt ist wie Geschichten alt sind. Der titelgebende Charakter arbeitet in dem Fotolabor des Life-Magazins, welches im Begriff ist sich gänzlich dem digitalen Zeitalter anzupassen. Die letzte gedruckte Ausgabe soll erscheinen und der berühmte Fotograf Sean O’Connell (Sean Penn) hat ein besonderes Foto eingesendet, welches für die Titelseite benutzt werden soll. Walter, der verantwortlich für dieses Foto ist kann es nicht finden und sieht sich mit seiner Entlassung konfrontiert. Durch das Fehlen des Negativs ist jedoch nicht nur Walters Stelle gefährdet, sondern auch die seiner angebeteten Kollegin Cheryl Melhoff (Kristen Wiig). Diese motiviert Walter seine Tagträume mehr und mehr Realität werden zu lassen und sich auf die abenteuerliche Suche nach Sean zu machen.
Ben Stiller beginnt seinen Film sehr ruhig. Die ersten Szenen sind dabei fast vollständig in Stille getaucht und nur vereinzelt reißen Geräusche das Leben von Walter auf. Zunächst wirken die Tagträume Walters beinahe unplaziert in der ruhigen Erzählung, doch gerade diese leichte Rhytmusstörung macht sich später bezahlt. „Walter Mitty“ weist in dieser Beziehung einen gekonnt balancierten Erzählbogen auf, der es schafft alle Noten perfekt zu treffen. So ziehen sich viele Elemente, unter anderem das Motto des Life-Magazins, wie ein roter Faden durch den Film und werden vollständig auserzählt und abgerundet. In diesen Elementen liegen mehrere Wahrheiten von Stillers Können. Zum Einen wird deutlich, dass es diese kleinen Details sind auf die es ankommt. Denn es sind die Details die einen Film wie aus einem Guss erscheinen lassen. Zum Anderen ist es die Blendung verschiedener Genremotive, die Stiller außerordentlich gut gelingt. „Walter Mitty“ lässt sich nie vollständig in ein Genre einordnen und dies macht der Film zu einer seiner großen Stärken. Die Vielfalt der Motive gleicht der Vielfalt der Emotionen und in letzter Konsequenz so auch dem Leben.
„The Secret Life of Walter Mitty“ besticht durch viele kleine kreative und innovative Ideen, die einen zusammenhängenden Kosmos bilden. Oftmals werden Nachrichten oder Tagebucheinträge dem Zuschauer visuell auf der Leinwand gezeigt. In Bezug auf Walters Tagebuch baut die Visualisierung eine stärkere Verbindung zwischen dem Zuschauer und dem Helden des Films auf. Weiterhin findet Stiller eine Flughafenszene, die es auf diese Art wohl noch nie in einem Film gegeben hat. Zunächst irritierend entpuppt sie sich als denkwürdig und durchleuchtet die Person Walter Mitty nicht nur sprichwörtlich. Ohne auf die finanzielle Seite Hollywoods und seiner hoch budgetierten Großproduktionen einzugehen, ist es schön einen Film zu sehen der sein fast noch moderates 90 Million Dollar Budget positiv ausschöpft. In „Walter Mitty“ ist das Abenteuer real und die Schauplätze die Walter besucht sind es auch. Dies spiegelt sich auf der Leinwand wieder und verstärkt so die gefühlvollen Auswirkungen des Filmes. Filmemachen ist hier kein computergesteuertes Animieren, sondern ein visuell begeisterndes Erlebnis. Schließlich sind es die Schauspieler, die ihre Charaktere zum Leben erwecken. Souverän versinkt Ben Stiller in seinem eigenen Charakter und lässt den Zuschauer wirklich Walter Mitty sehen und nicht den Schauspieler Ben Stiller. Dieses Verschwinden gelingt auch den anderen Schauspielern perfekt. Hervorzuheben ist Sean Penn, der seine enigmatische Leinwandpräsenz in der Rolle des eigenwilligen Fotografen großartig ausspielen kann.
Wenn am Ende des Filmes die letzte Ausgabe des Magazins gedruckt ist, dann wird schnell klar, dass sich das Risiko gelohnt hat. Die Mühen waren es wert und Walter, der gewagt hat wird belohnt. Dieser Kern ist nicht neu, aber „The Secret Life of Walter Mitty“ ist eine zugängliche Erinnerung, dass ein Wagnis nie vergebens ist. Walter lernt immer mehr, dass seine Tagträume zwar eine Flucht darstellen, aber diese Flucht kein Ziel hat. Erst als er beginnt seine Träume wahr werden zu lassen, ermöglicht ihm sein Handeln ein erfülltes Leben. Auf diese Weise erkennt Walter Mitty die große Schönheit, denn er entdeckt sie in den wahrgewordenen Träumen seines Lebens. In seiner Quintessenz findet Walter so zu sich selbst und der Film zu dem was das Kino im Allgemeinen ausmacht. All dies ist Film. Es ist Leben. Es ist Ben Stiller. Es sind wir. Es ist nicht lokal, sondern global. Es ist Traum und es ist Realität. Es ist lustig und es ist traurig. Es ist ein Abenteuer. Es ist Kino.
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