Die größte Chance, die eine Fernsehserie gegenüber einem Spielfilm besitzt ist, dass sie es dem Zuschauer erlaubt mit der Geschichte zu leben. Eine Geschichte entfaltet sich über Stunden und auch die kleinen Momente eines Lebens können gezeigt werden. Der Zuschauer hat in diesem Medium mehr Zeit eine Beziehung zu dem gezeigten Material aufzubauen. Für viele Zuschauer werden Serien auf diese Weise zu Begleitern des Alltags und sie selbst zu einem stummen Begleiter der Charaktere. Es ist diese Bandbreite des Mediums, welche es so spannend macht. Hier müssen Geschichten nicht gekürzt werden, sondern können sich ruhig entfalten und das über Jahre. „Rectify“ ist eine Fernsehserie, die diese Maßstäbe erfüllt. Sie zeigt Ausschnitte eines Lebens und bebildert dabei in jeder Folge einen Tag dieses Lebens.
Der zentrale Charakter der Serie ist Daniel Holden (Aden Young). 19 lange Jahre hat er in Georgia in einer Todeszelle gesessen, bis ein neuer DNA Beweis seine Schuld zu widerlegen scheint. „Rectify“ beginnt an dem Morgen, an dem Holden auf freien Fuß gesetzt wird. Seine Familie macht sich auf den Weg ihn abzuholen und er bereitet sich auf seine Freilassung vor. In den sechs Folgen der ersten Staffel beobachtet man ihn bei seinen vorsichtigen, ersten Schritten mit denen er sein neugewonnenes Leben beginnt. Stets schwanken seine Erlebnisse dabei zwischen melancholischen, surrealen, humorvollen oder traurigen Tönen.
Aufgrund der Ausgangssituation bringt „Rectify“ einen Hauptcharakter mit sich, der stets ein Fremdkörper ist. Es ist ein Wagnis dem Zuschauern eine Person mitzugeben, die in allen Momenten scheinbar fehl am Platz ist und sich in den Wenigsten wirklich zurecht finden kann. Doch dieser Kniff spricht für den Mut der Serienschöpfer und dafür werden sie belohnt. Die Odyssee des Daniel Holden ist emotional greifbar. Zurückzuführen ist dies auf die Ambition der Serie. So scheint sie zu keinem großen Statement oder einer Kritik an irgendwelchen Systemen kommen zu wollen. Vielmehr möchte sie nur bei ihren lebendigen Charakteren bleiben und diese in verschiedenen Situationen ausspielen. Das Szenario der Serie mutet wie ein Versuchslabor an, denn durchweg werden Menschen gezeigt, die in einer Umgebung funktionieren müssen. Das Gefägnis ist die erste dieser Umgebungen, denn hier liegt der Startpunkt der Geschichte. Immer wieder werden eindrucksvolle Rückblicke in Daniels Haft gezeigt. Logischerweise wird dieser Teil der Geschichte nur aus Daniels Perspektive erzählt, denn von allen handelnden Personen ist er der Einzige, der sie durchlebt hat. Merkwürdig kontrastiert „Rectify“ mit dieser Umgebung die Schritte Daniels in der freien Welt, welche die zweite Umgebung darstellt. Oftmals stehen sich die Unsicherheit des freien Daniels und die Gewissheit und der Humor des Gefägnis gegenüber. Doch so sehr hier Kontraste gezeigt werden, so entstehen auch Gemeinsamkeiten. Bewebungsabläufe der beiden Orte schmelzen genauso ineinander, wie die Beklommenheit, die Daniel spürt. Sogar die einfach gehaltenen Charaktere im Gefängnis (ein Freund, ein „Feind“) werden in manchen Familienangehörigen wieder geweckt.
Doch die freie Welt wird auch aus der Perspektive der Familienangehörigen erlebt. Grundverschiedene Charaktere nehmen Daniel auf unterschiedliche Weise in der Familie auf und besitzen dabei meist auch unterschiedliche Absichten. All diese Figuren haben ihre eigenen Blickwinkel und Beziehungen, die ihre gemeinsame Umgebung real werden lässt. Schließlich gibt es noch die Umgebung der Kleinstadt in der die Holdens leben. Scheinbar Unbeteiligte reagieren auf spezielle Art und Weise auf den heimkehrenden Daniel und schaffen in seiner Umgebung eine beinahe unberechenbare Atmosphäre. Jeder hat eine andere Beziehung zu Daniels Geschichte. Sie alle kreisen um ihn und es macht „Rectify“ sichtlich Freude, die verschiedenen Seiten auszuloten. Kleine Handlungsstränge machen dies in Form von Menschen aus der Politik oder Bekannten aus Daniels Vergangenheit. Die großen, familiären Stränge machen dies mit der Schwester/Bruder Beziehung, die in vielerlei Hinsicht eine Liebesgeschichte darstellt. Auch die Verbindungen zwischen Mutter und Sohn, den Stiefbrüdern oder dem Stiefvater und seinem Sohn wird thematisiert. Gemeinsam haben diese Fäden zwei Dinge. Auf der einen Seite den allgegenwärtigen Daniel und auf der anderen Seite eine bemerkenswerte Konkretisierung. Die Charaktere sind im Grunde Archetypen, doch hier finden die Schöpfer eine Realität in der diese Figuren verwurzelt sind. Diese Realität macht sie zu lebendigen Charakteren.
Schließlich liegt der Fokus der Serie auch nicht auf der Antwort zu der Schuldfrage Daniels. Nach der ersten Staffel könnte man sogar sagen, dass eine Antwort nichts wirklich ändern würde. Den großen Zusammenhang von „Rectify“ stellt der Umgang mit Menschen dar. Dieser Umgang wird durchweg reflektiert und durch die Reflektionen beginnt der Zuschauer zu denken. Nicht nur über Freiheit und Schuld. Vielmehr über das Gefühl im Alltag fremd zu sein. Im Leben und in unserer Mitte gibt es diese Fremdkörper auch. Manchmal stellen sich diese Gefühle bei uns selbst ein, doch meist schauen wir nur auf andere Menschen, die fremd erscheinen. Jeden Tag prallen diese verschiedenen Eigenschaften um uns herum aufeinander. „Rectify“ zeigt, dass ein Tag aus sehr vielen kleinen Momenten besteht, die alle ihre Wertigkeit besitzen. Wie wir uns innerhalb dieser verhalten sollten sagt uns die Serie nicht. Doch sie stellt ein Szenario dar, welches über verschiedenste Verhaltensweisen und Perspektiven nachdenkt. Wäre sie ein Anleitung für einen besseren zwischenmenschlichen Umgang, dann wäre das Nachdenken bestimmt kein falscher Ausgangspunkt.
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