Zeitlose Ziellosigkeit
Reality Bites (1994) und Frances Ha (2012)
Wenn es einen Zustand von jungen Menschen nach dem Schulabschluss und in den Zwanzigern gibt, der sich in jeder Generation wiederfindet dann ist es wohl die Ziellosigkeit. Jeder kennt sie und der größere Teil einer Generation hat es. Eine Lücke zwischen dem Aufwachsen und dem was danach kommen soll. Es ist die erste große Veränderung eines Lebens und dadurch von imenser Wichtigkeit. Vermutlich ist es diese ausladende Bedeutung, die die tatsächliche Entscheidung erschwert. Was soll nun passieren? Welche berufliche Richtung schlage ich ein? Wo möchte ich wohnen oder studieren und vor allem was denn überhaupt? Erkenne ich die Chancen die mir Mitmenschen bieten oder bemerke ich sie vielleicht gar nicht? Öffnet sich nun die Schere zwischen meinen Träumen und deren Realität? Was wird meine Realität sein? Fragen über Fragen, die Generationen beschäftigen seit die ersten Jungen im alten Rom nicht dem Beruf ihrer Väter folgen wollten.
Vor beinahe 20 Jahren erschien der Film “Reality Bites” (1994, Regie: Ben Stiller) und vor kurzem erleuchtete “Frances Ha” (2012, Regie: Noah Baumbach) die Kinos. Beide Filme ergänzen sich bei ihrer Betrachtung des oben beschriebenen Themas und auch wenn es nicht die einzigen Filme sind die sich mit dem Thema auseinandersetzen, so haben sie doch gemeinsam das Beide sehr gelungen sind.
Reality Bites startet da, wo bei vielen auch die Ziellosigkeit beginnt, nämlich direkt nach dem Schulabschluss. Vier Freunde (u.a. gespielt von Ethan Hawke und Winona Ryder) machen eben diesen und feiern zusammen auf einem Dach in der Stadt Huston. Während Troy (Hawke) sich als philosophierenden Musiker inszeniert, filmt Lelaina (Ryder) die Gruppe von Freunden für ihren ersten Dokumentarfilm. Schon in dieser ersten Szene entsteht eine interessante Metaebene. So erzählt “Reality Bites” seine Geschichte eigentlich zweimal. Einmal durch den erzählenden Film und ein weiteres Mal durch den Film im Film, gedreht von Lelaina. Das besondere an dieser Struktur ist, dass es ein sehr menschliches Phänomen berührt. Für uns interessante Themen möchten wir nicht nur im wirklichen Leben erfahren, sondern in anderen Medien weiter verarbeiten. Die Filmemacher zeichnen sich hier also selbst, indem sie einen Charakter erschaffen, der ihren realen Job übernimmt. Winona Ryder spielt dabei jemanden, der eigentlich nur halb ins Thema zu passen scheint. Während Troy aus vollster Überzeugung ein Leben ohne besonderes Ziel lebt, tut sie dies nicht. Vordergründig gesehen gibt es bei ihr sogar keine Ziellosigkeit, denn sie hat einen Job beim Fernsehen und dreht nebenbei das persönliche Herzensprojekt über ihre Generation. Doch auch sie muss einsehen, dass in ihr andere Verlangen schlummern, die sie zunächst nicht kennt. Genau wie sie, ist auch Troy ein archetypischer Charakter. Er ist derjenige, der aus vermeintlicher Überzeugung handelt, aber den die Realität schnell einholt. Reality Bites gibt leider nur eine genretypische Antwort auf die oben stehenden Fragen, doch vielleicht existiert diese Antwort auch gar nicht.
Schon im Titel legt uns dieser Film nahe sich mit der Realität auseinander zu setzen. “Reality Bites” steht nicht nur dafür, dass es hier Ausschnitte aus der realen Welt zu sehen gibt oder für den Titel der beinhalteten Dokumentation, sondern anders übersetzt für die Tatsache, dass die Realität beißen kann. In diesem Film werden die beiden Hauptcharaktere von ihren Realitäten eingeholt und somit gebissen oder wachgerüttelt. Hierzu passt auch eine der stärksten Szenen des Films, in welcher Lelaina Troy konfrontiert. Realität beißt wirklich und so sehr man sich der Ziellosigkeit auch hingeben mag, irgendwann wird sich das Leben entwickeln.
“Frances Ha” wählt einen gänzlich anderen Ansatz. Im Gegenteil zu “Reality Bites” betrachten wir hier die junge Dame Frances (Greta Gerwig), die in New York lebt (-wohnen kann man auf Grund einer fehlenden Wohnung nicht behaupten-) und sich ihrer Realität beinahe verschließt. Frances hat den Traum Tänzerin zu werden und zieht nachdem sich ihre beste Freundin aus ihrer WG verabschiedet hat mehr schlecht als recht durch New York. Sie wechselt ihren Wohnort mehrmals und landet in diesem Rahmen auch nocheinmal zu Hause bei ihren Eltern in Sacramento. Frances ist dabei die personifizierte Ahnungslosigkeit, oder etwa nicht? Man kann diesen Charackter auf verschiedene Arten interpretieren. Auf der einen Seite könnte sie wirklich jemand sein, der sich nur treiben lässt. Jemand, der gar nicht merkt wie um ihn herum alles zu Bruch geht. Frances ist unbekümmert und leichtsinnig, sie ist frei und stark und somit für den Zuschauer wie ein Magnet. Vielleicht hat sie aber auch ein endloses Vertrauen in ihre positive Energie und weiß so, dass ihre Reise ein gutes Ende nehmen muss. So oder so, ob unwissend oder nicht ist sie so liebevoll froh, dass man ihr stellenweise zurufen möchte: “Jetzt wein doch mal!” Doch das wird sie nicht und so repräsentiert sie genau das was unsere heutige Zeit braucht. Positivität!
Jede Generation von jungen Menschen hat die gleichen Probleme. Sei es in den 90ern oder 2012. Wenn man es genau nimmt, dann wurde das gleiche Thema auch schon 1967 in “The Graduate” (Regie: Mike Nichols) verhandelt und vermutlich auch schon davor in irgendeinem Theaterstück. Aus diesem Grund möchte auch jede Generation in ihren eigenen Filmen erzählen wie sie sich mit ihrere Ziellosigkeit auseinander setzen. Hier werden die großen Themen des Lebens verhandelt. Ob nun daraus eine große Geheimformel abzulesen ist, die uns und denen die nach uns kommen das Leben erleichtern kann ist nicht auszumachen. Auszumachen ist nur die Universalität dieses Problems. Es ist nicht an Orte gebunden und nicht an Zeiten und schon gar nicht an bestimmte Menschen, denn jeder von uns macht seine Erfahrungen und entwickelt seine eigene Geschichte.
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