Zusammen Leben

Zulu (2013)


Eine gute Buchverfilmung adaptiert nicht die Geschichte der Vorlage. Der Wechsel von Medium zu Medium wird durch die grundverschiedenen Charakteristiken der beiden Welten stets erschwert. In dieser Hinsicht darf es nicht der Anspruch einer guten Buchverfilmung sein, die Gesamthandlung in allen Zügen wiederzugeben. Vielmehr ist eine gelungene Adaption ein neuartiges Werk. Dieses neue Werk löst sich von seiner Vorlage ab, aber bleibt stets dessen Essenz gewahr. „Zulu“ ist ein Roman des französischen Autors Caryl Ferey. Nun ist „Zulu“ unter gleichem Namen auch ein Film geworden und Regisseur und Drehbuchautor Jérôme Salle hat es geschafft nicht nur die Handlung des Romans zu transportieren, sondern vor allem den Kern der Erzählung.

„Zulu“ ist ein Kriminalthriller, der sich den beiden Ermittlern Ali Sokhela (Forest Whitaker) und Brian Epkeen (Orlando Bloom) widmet. Vor dem Hintergrund der gespaltenen Metropole Kapstadt in Südafrika untersuchen die beiden Polizisten einen Mord an einer jungen Frau. Ihre Suche nach dem Täter führt sie durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten eines Landes, welches brodelnd und fauchend versucht sein eigenes Trauma zu überwinden.

Es ist ein Segen, dass die reiche Charakterzeichnung des Buches auch im Film genauso konsequent angelegt wird. Wie Ferey es in seinem Roman tat, so schafft es Salle aus seinen beiden Hauptpersonen einen Spiegel zu machen. Geschickt verwendet er diesen Spiegel um eine Handlung zu erzählen, die über die reine Thrillerhandlung hinaus geht. Während Epkeen mit persönlichen Rückschlägen und seinem Alltag kämpft, ist es Sokhela der den weit größeren und außergewöhnlicheren Rahmen der Handlung bildet. Trotz, oder gerade deswegen soll an dieser Stelle zunächst ein Blick auf Brian Epkeen geworfen werden.

Epkeen ist dort, wo schon viele Ermittler und Charaktere waren. Er ist geschieden, ein Trinker und entfremdet von Familie und Welt. Die tragische Note dieser Person wird schnell offenbar. Er scheint schließlich genau zu wissen, dass er seine Lage selbst verschuldet hat. Dennoch liegt es nicht in seiner charakterlichen Stärke an Dieser etwas zu ändern. Ganz im Gegensatz dazu versteckt sich Epkeen vor seinen Problemen. Mit seiner Frau hat er gebrochen und längst hat sie eine Beziehung zu einem reichen Zahnarzt begonnen. Sein, aus der Ehe entstandener, Sohn möchte nichts mit ihm zu tun haben. Sein Alltag setzt sich einzig aus den Bausteinen Arbeit, Alkohol und wechselnden, weiblichen Bekanntschaften zusammen. All diese drei „Tätigkeiten“ erlauben ihm zu vergessen und zu verdrängen. Doch so sehr dies eingeschränkt klingt erlaubt es Salles dem Zuschauer mehr in Brian Epkeen zu sehen. In den Rocksongs seines Autoradios spiegelt sich effektiv seine Sehnsucht nach Freiheit. Freiheit von einem Leben, welches er nie so gewollt hat. Schon hier gleicht die Sehnsucht des Charakters der des afrikanischen Kontinents. Hand in Hand mit dieser Parallele zeigt die Person Epkeen auch, dass die Probleme in der erzählten Welt nicht beschränkt sind. Sie finden sich nicht nur in der schwarzen Bevölkerungsgruppe, sondern ebenbürtig auch in der Weißen. Brutal schafft die Handlung als Pendel zwischen zwei Welten in einer Welt kontrastive Bilder von Luxusanwesen und Armenvierteln. Gespielt wird dieser Epkeen von Orlando Bloom, der hier endlich einmal Schauspielern darf. Sein Gesicht ist zerrissen und auch wenn sein Spiel zunächst ein wenig zu gewollt daherkommt, ergibt es am Ende eine gute Leistung.

Ali Sokhela ist weit mehr als ein Charakter. Man könnte sogar sagen, dass Ali nicht einmal eine Person ist. Ali ist ein Thema und dieses Thema ist Südafrika. Das Schicksal eines ganzen Landes, sogar eines Kontinents, vereint sich in diesem Menschen. Seine Geschichte ist die Geschichte Afrikas. Sein Trauma ist das Trauma Afrikas. Der Film beginnt auf diese Weise in der Vergangenheit und zeigt eindringlich in welchem Moment das genannte Trauma gezeugt wurde. Menschen sind gefangen. Feuer brandet. Ein Junge rennt und rennt bis er stolpert. In einem filmisch, perfekt gelösten Übergang werden die laufenden Füße des jungen Ali zu den laufenden Füßen des erwachsenen Ali. Dieser läuft immernoch. Bezeichnenderweise läuft er jedoch auf einem Laufband und somit auf der Stelle. Wahrlich erstklassig findet Salle in dieser Szene ohne Worte den Kern des Charakters und ermöglicht dem Zuschauer so einen einfachen Zugang zur Handlung des Filmes. Ali läuft, doch er bewegt sich nicht. Auch Ali ist ein verdrängender Mensch. Seine Mechanismen des Verdrängens haben ihn zu einem schlaflosen Workaholic gemacht, der emotional vollkommen verschlossen ist. In seinem beruflichen Ehrgeiz verliert sich für ihn seine Vergangenheit und die tiefen Verletzungen, die er in seiner Jugend erleiden musste. Beziehungen zu anderen Menschen führt er kaum. Zu einer Frau hat er eine entfernt romantische Beziehung, doch diese Beziehung ist derart entrückt, dass dies betreffende Szenen in einem Film der einige Gewalt zeigt, zu den brutalsten Sequenzen gehören. An Brian bindet ihn so etwas wie Freundschaft, die im Kern dadurch zu Stande kommt, dass beide geschlagene Männer sind. Männer, die sich aus der Gesellschaft herausgenommen haben und außerhalb sozialer Konventionen existieren. Einzig zu seiner Mutter kann Ali eine annähernd emotionale Verbindung aufbauen. Dort scheint er fast gelöst, doch in mancher Hinsicht wirken Veränderungen zu einem Lächeln in seinem Gesicht wie eine monumentale Anstrengung, die nur unter tiefen Schmerzen vollzogen werden kann. Forest Whitaker spielt Ali ungemein subtil und tief und zeigt in „Zulu“ welch große Schauspielkunst in ihm steckt. Die Vergangenheit lastet auf Ali und Whitaker verändert dahingehend seine gesamte körperliche Haltung. Er tut dies nicht auf radikale Weise, sondern nuanciert und ausgeklügelt. Es sind Szenen, wie jene, die einen Grillabend zeigt, Ali sitzt dort und sein Gesicht zuckt, die dies unterstreichen. Whitaker lässt uns in diesem Zucken seiner Mimik den Schmerz der Last erahnen die auf seinem Charakter liegt. Er lässt uns die emotionale Tiefe sehen und spüren.

Schließlich wird das Motiv des Laufens in die Wüste transportiert und einmal mehr aufgenommen. Es scheint als kann die Handlung eines solchen Filmes nur in einer Wüste eine Befreiung erlangen. Im Moment des Betretens des Motives Wüste gibt es keine Geheimnisse mehr. Die Wüste ist ein Ort an dem es kein Versteck mehr gibt. Nicht für die Charaktere und auch nicht mehr für den Zuschauer. Hier muss jedes Sandkorn konfrontiert werden. Für Ali und Brian gibt es in der Wüste Namibias keinen Ausweg mehr. Sie müssen sich Ihren Gefühlen stellen. Alles muss irgendwann konfrontiert werden. Jedes Verdrängen oder Verstecken kann nicht ewig anhalten. Der Zuschauer hat nun keine Wahl mehr. Er muss sich die großen Fragen stellen. Erst dann kann es einen Moment des Trostes geben.

In „Zulu“ ist dieser Moment des Trostes ein Moment der Einsicht. Dieser Moment steht symbolisch am Ende des Filmes. Es wird nach dem Todeszeitpunkt eines Menschen gefragt, doch eigentlich meint die Frage mehr als diesen Menschen. Sie meint den Punkt an dem so Vieles passiert ist. Den Punkt an dem schreckliche Taten getan wurden. Der Film antwortet auf diese Frage: „Schon vor einiger Zeit. Ich hatte es eine lange Zeit vor mir aufgeschoben.“ Es ist dieser letztgenannte Satz, der die schmerzhafte Wahrheit Afrikas zeigt. Es ist die Konfrontation des Traumas, welche schon lange aufgeschoben wurde. Eine Konfrontation, die stattfinden muss, damit eine wahre Wendung möglich ist. Während die Handlungsebene auf diese Weise den Moment des Trostes findet, bleibt das tieferliegende Problem ungelöst. Das Enddatum für dieses Problem wird nicht offenbart. Jeder kann diese Thematik verstehen. Sie ist nicht an Afrika gebunden. Deutschland kennt sie genauso sehr. Menschen kennen sie. Du genauso wie Ich. Das Trauma ist verständlich, weil jeder es kennt. Jeder kennt Probleme, die schon lange nagen, aber aufgeschoben werden. Ob es Große oder Kleine sind ist zunächst nicht relevant, doch natürlich rücken die Großen unsere egoistischen Kleinen in eine bessere Perspektive. Auch das macht „Zulu“ deutlich. Wir können verstehen. Wenn wir auf den Klang der Worte hören und auf Alis Gesicht sehen, dann können wir verstehen. Dann ist klar, dass wir sogar verstehen müssen, denn „wir haben beschlossen, dass wir alle zusammen leben.“

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