Der neue Ikeakatalog 2017

Für Menschen, nicht für Verbraucher! aus der Reihe: Hirnstromprotokolle

Früher haben mich immer zwei literarische Neuerscheinungen im Jahr besonders gefesselt: Das neue Telefonbuch und der Ikea-Katalog. Das Telefonbuch hat sich erledigt, die Zeit ist darüber hinweggegangen. Aber auch wenn wir nicht mehr so oft in den Laden fahren, der Ikea-Katalog ist nach wie vor Kult.

Vorgestern lag er im Briefkasten, 328 Seiten stark, kleines Format, beschnittenes DIN A4, noch etwas kleiner als „Merian“. Das Fotokonzept würde ich mal mit „spätes Multikulti“ beschreiben.

Aber am faszinierendsten ist: Ich fing an zu lesen!
 Die machen jetzt Storytelling im Ikea-Katalog. Eine thematische Wundertüte: 13 Reportagen berichten über Köche, Kochen, Flüchtlingsheime, aber auch über Design und das Geheimnis der flachen Ikea-Pakete. Alles wunderbar zu lesen, aufgepeppt durch eine App, die noch mehr in 3D und Augmented Reality liefert. Die Botschaft dahinter könnte man mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ beschreiben: „It’s a collection of stories that shows a side of IKEA that most people don’t know about.“ Das Konzept lautet auf englisch (der amerikanische Katalog erschien 14 Tage früher): “Designed for people, not consumers”, auf Deutsch etwas schwächer: „Entworfen für dich, nicht für irgendwen.“

Die einzelnen Möbel scheinen mir in diesem Katalog gar nicht mehr so wichtig zu sein. Geniale Neuheiten habe ich nicht gefunden, bis auf die Wasserkaraffe mit Stöpsel. Der Ikea-Katalog 2017 legt seinen Schwerpunkt auf das Badezimmer und die Küche („essen muss man nicht nur am Tisch“, dafür haben sie einen besonders standfesten Teller entwickelt). Räume, in denen der Tag beginnt und endet. Es geht um Lebensstile, nicht um Einzelmöbel, man kombiniert alles, anything goes. Selbst „Billy“ hat keine eigene Seite mehr, was ich allerdings empörend finde. Beim Durchblättern und lesen kam ich leicht ins Grübeln.

“Was mich an dem neuen Katalog erschreckt ist die Dominanz von Grau, Anthrazit und Schwarz. Die dargestellte Farb- und Lichtstimmung ist ziemlich identisch mit der düsterer schwedischer Krimiserien.” 
Andreas M., Designer

Damals war alles anders

Anfang der 70er Jahre hielten meine Eltern Scampi noch für eine Beleidigung und Prosecco für ein Motorenöl. Damals warb plötzlich ein sogenanntes „skandinavisches Möbelhaus“, das seine Verkaufspavillons ausschließlich auf den grünen Wiesen Suburbias baute, mit einem lustigen Elch für seine Konfektion von Regalen aus unbehandeltem Fichtenholz, Möbeln aus Kiefer und Sitzgelegenheiten mit naturbeigem Leinenbezug. Das Marketingkonzept damals war gut, traf es doch auf eine Zeit, in der das internationale Design in schöpferischer Agonie lag. Man hatte die kleinbürgerliche Massenproduktkultur überwinden wollen und war darüber ins bloße Akademisieren verfallen.

Einrichtungen aus dem flachen Pappkarton

Erinnern wir uns. — Es war die Zeit nach der 68er Generation, die wir heute noch aus Legenden kennen. Eine Zeit, in der wir Philosophen nach Buchtiteln zitierten, in autonomen Seminaren saßen, nach Moschus rochen und strickten. Die ersten eignen vier Wände mussten eingerichtet werden, und es gab keine Vorbilder. „Irgendwie“ anders als daheim bei den Eltern sollte es aussehen. Gegen die altdeutsche Schrankwand von Neckermann setzten wir das Fichtenregal. Statt traditioneller Sitzgruppe (zwei Sessel, Dreiersofa, Bezug: Jagdmotiv) fand sich im konfektionierten Wohnzimmer der 70er eine Art modifizierter Liegestuhl, Kiefer mit Leinenbezug. Wir jungen Leute von damals luden massenweise flache, braune Pakete in unsere VW-Golfs –ebenfalls damals gerade als Pendant zum Einkaufswagen erfunden. Daheim wurde aus den flachen Paketen ein Regal, eine Kommode oder eine ganze Einrichtung. Zusammengebaut mit einem einzigen Schraubenschlüssel, und der war dabei. Niemand störte es, dass nach einem Jahr die Schubladen klemmten, die Kieferntische mit Dellen übersät waren (das weiche Holz eignet sich einfach nicht für strapazierte Oberflächen) und die Sessel durchhingen (Schaumstoff kann eben Sprungfedern nicht ersetzen). Es ging aber damals nicht um Qualität, sondern um Quantität. Diese Möbel gaben eine gewisse Verhaltenssicherheit, appellierten an das damalige alternative „wir-Gefühl“. Aber ein bisschen langweilig war das schon.

Domestizierte Avantgarde

Anfang der 80er war Schluss mit der Langeweile. Ettore Sottsass und seine Designer kreierten den „Memphis“-Stil. Radikaler Materialmix und grelle Farbigkeit waren sein Markenzeichen. Schluss mit der Holzgemütlichkeit!
 In den 80ern hatten wir Freunde, deren ganze Wohnung war von Ikea eingerichtet. Das war dann doch etwas befremdlich. Ikea zog nach, drei Jahre nach Memphis gab es die ersten farbigen Dreieckstische, Lack genannt. Statt Naturholz gab es lackierte Oberflächen, Stahlrohr kam ins Sortiment und die Stoff-Dessins wurden bunter.

“Für mich ist Ikea immer noch Bällebad, Billy, Teelichter und festgesaugte Kontaktlinsen, denn die Luft in diesen Einrichtungshäusern ist offenbar besonders trocken.”
Meike Z., Sehende

Möblierte Re-Aktion

Aber der Katalog von 1991 war dann ein Schock. Große Ohrensessel, Kleingeblümtes und als Ausgeburt an Scheußlichkeit eine Kristallleuchtenserie mit dem Namen „Empire“. Es begann die Zeit des „Cocoonings“.
 Ende der 90er verschwanden immer mehr Ikea-Möbel aus unseren Haushalten und wurden durch Erbstücke und wertvollere Einzelstücke ersetzt. Was blieb war Billy, für die Bücher. Und Lack, der Tisch.

Zu Ikea gingen wir in den 2000ern zum Lustwandeln, Kötbullar mampfen, Kerzen kaufen, zum Abschied noch ein Hotdog. Das erste Kinderzimmer wurde noch mit Ikea eingerichtet, und das unvermeidliche Kletterbett. Anfang der 2010er kam dann nochmal ein neues Möbelstück: Das Tagesbett fürs Gästezimmer. Ob das aber wirklich von Ikea erfunden wurde?

Komisch, was einem so alles einfällt, wenn man in so einem Möbelhauskatalog blättert.
“Ich habe den gerade noch einmal aus dem Altpapierkübel gezogen: Der Katalog ist wirklich gemäss allen modernen Erkenntnissen des Marketings aufgebaut (kein ZDF (Zahlen Daten Fakten), sondern Geschichten) . Böse gesagt kommt der schon fast sektiererisch daher … beängstigend.”
Bernd G., Leser

Ich wollte es ja nicht glauben, aber es gibt ihn, den Ikea-Effekt.

Auch hier spielt Ikea eine Rolle: Sind wir die letzte Generation Billy?

Von Büchern und Borden