Die Stones kommen 2017 nach Deutschland: Warum ich wohl nicht hingehe…

Die Stones kommen für drei Konzerte nach Deutschland. Immer wenn ich sowas höre, oder wenn eine neue CD von den Jungs rauskommt, dann bin ich wieder am Grübeln.

Ich bin seit über vierzig Jahren Stones-Fan, also keiner der ersten Stunde. Schon um 1970 herum versuchte Gert-Dieter mich mit der „Hot Rocks“-Compilation zum Fan zu machen, was misslang. Gert Dieter war ein Underdog aus Hannover-Langenhagen, der als Sitzenbleiber die siebte Klasse wiederholte und deshalb vom Internat im niedersächsischen Esens nach Bad Harzburg wechseln musste. Gert-Dieter war auch der einzige, der Pornohefte mit in die Schule brachte und während des Unterrichtes durchblätterte, er hockte immer in der letzten Reihe. Dann blieb er nochmal sitzen und musste die Schule schließlich verlassen. Auf Hot Rocks waren die Hits der Sechziger: Midnight Rambler, Mother’s little helper und natürlich Satisfaction. Das turnte mich noch nicht so an, vielleicht war ich da noch nicht alt genug für die Stones. Damals war es übrigens ein Glaubensbekenntnis, entweder Stones oder Beatles Fan zu sein. Die Beatles waren mir zu seicht. Ausnahmen waren ihr weißes Album und Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band.

Wild Horses

Richtig rumgekriegt hat mich Mick Jagger erst mit „Wild Horses“, der Song ist purer Sex. Ich glaube, es war das „Sticky Fingers“ Album mit dem Andy Warhol Cover und dem Reißverschluss. Mein damaliger Freund Anders hatte es. Wir trafen uns nachmittags bei ihm, er ließ die Rollos runter und legte Sticky Fingers auf, die Seite mit Brown Sugar. Und bei Wild Horses waren Quarktaschen-Susi und ich bereits heftig dabei. Anders damalige Freundin war nicht so zu begeistern, hörte lieber Stevie Wonder. Sie verließ ihn bald darauf wegen eines drei Jahre älteren Hippies, der Hasch mitbrachte und Keith Jarrets „Köln Concert“ auf Cassette. Das war wohl ein Trauma, heute steht Anders nur noch auf Männer.

Tumbling Dice

Richtig wie ein Hammer aber traf mich zwei Jahre später „Tumbling Dice“ von „Exile on Mainstreet“. Der Song ist seitdem mein Wegbereiter, immer im ersten Drittel meiner persönlichen Top-100-Playlist. Immer wenn es mir schlecht geht helfen mir „Better Days“ von Bruce oder eben „Tumbling Dice“.

Seit damals jedenfalls war ich Fan und jede Stones LP, sie erschienen damals so etwa im zwei-Jahres-Rhythmus, wurde mein. Die Stones hielten mich immer auf dem richtigen Weg. Mit „Miss You“ und „Start me up“ retteten sie mich vor der Disco Ära, „Beast of Burdon“ bewahrte mich davor, in Yes-Wolken zu entschweben und mit meinem Doktorvater verband mich die Zuneigung zu den Stones und die Diskussion, ob „Her Satanic Requests“ oder „Sgt. Pepper“ das künstlerisch wertvollere Album waren. Wir haben das nie klären können.

Like a Rolling Stone

1980 war ich auf meinem ersten Stones Konzert, es war das erste Konzert überhaupt, das im hannoverschen Niedersachsenstadion (so hieß es damals noch, ich glaube AWD existierte da noch gar nicht) stattfand. Ich hatte die Karte für fünf Mark von einem Schwarzhändler erworben, der völlig davon überrascht wurde, dass die Stones kurzfristig noch ein zweites Konzert anberaumten, so dass er auf seinen 6o-Mark-Tickets sitzen blieb. Es folgten noch zwei Konzerte in den Achtzigern. 1994 war ich dann bei der Voodoo Lounge-Tour dabei. Ein sagenhaftes Konzert vor der Kulisse des VW-Werkes, da wo heute die Autostadt steht — egal, dass es in der zweiten Hälfte in Strömen regnete. Sie spielten zum ersten Mal das ironische „Like a Rolling Stone“ von Dylan. Ich war dort mit U., unsere kurze, unleidige Affäre endete bald danach mit dem legendären Satz „das wars du Arsch“ ihrerseits. Das Tour-T-Shirt von damals habe ich erst vor kurzem zum Putzlappen gemacht.

Und dann 1998 die „Bridges to Babylon“ Tour. Die Karten hatte ich von meiner Frau Bettina zum Geburtstag geschenkt bekommen. Und das größte Opfer war, dass sie mitkam. Das Konzert war eine Frechheit, 90.000 Fans auf dem ehemaligen Expo-Gelände, was damals einfach nur eine Baustelle war. Der Sound versoff schon auf den ersten hundert Metern. Für Bettina eine Qual, sie ist doch eigentlich eher Beatles-Fan.

Opel und die Stones?

Dann kam nach der Jahrtausendwende die „Forty Licks“ Tour. Das war die Opel-Tour! Ich habe immer noch Albträume von Leuten, die bei „You can’t always get what you wanted“ ihre Feuerzeuge rausholen und bei Jumpin‘ Jack Flash ein Foto von Mick machen, mit ihrem Vodaphone-Handy, zur Erinnerung. Dann stelle ich mir ein paar Fußballstadien voll mit Fans vor, die das T-Shirt der Tour trugen und sich am Merchandising-Stand mit dem neuen eindecken. Und nach dem Konzert stiegen sie in ihren Vectra und diskutierten auf dem Heimweg, ob sie sich lieber einen Jahreswagen kaufen oder den neuen Signum leasen sollen. — Opel und Stones, das ging irgendwie ästhetisch nicht.

Zur gleichen Zeit übrigens kaufte ich meinen ersten iPod und damit war die Zeit der CDs für mich so gut wie vorbei. Und auch die Beziehung zu den Stones wandelte sich. Von den neuen Stones-Veröffentlichungen lud ich mir nur noch die Lieblingsstücke runter, und das waren meist die Keith-Richard-Songs. Auch wenn sie immer so klangen wie auf der vorangegangenen CD. Ein „Tumbling Dice“ allerdings war nie mehr dabei. Ich wollte nicht mehr mitgehen, die Stones konnten mich vor nichts mehr bewahren. Aber sie mussten es auch gar nicht mehr.

Klar, der shice mit Opel ist heute vorbei und Mick tanzt auch mit 70 noch immer wie ein junger Gott über die Bühne. „Doom And Gloom“ ist ein cooler Song, die Nummer swingt, die Riffs sitzen. Keith Richards ist sowieso der coolste Hund auf diesem Planeten, sein Buch hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Und ich könnte eigentlich ein neues T-Shirt mit Zunge gebrauchen. Aber ich will die Jungs so in Erinnerung behalten, wie ich sie vor gut zehn Jahren noch gesehen habe, da gab es Tumbling Dice als Zugabe, mit Bläsern.

Die Sache ist also entschieden: Ich werde mir morgen nochmal das geniale Konzert auf Kuba anschauen. Und keine Tickets bestellen. Dabei blättere ich in Keith‘ Buch und nehme dazu einen Jägermeister auf Eis: „Time Is On My Side“.