Die wilden 70er oder auch: früher war alles besser

Ich kann es ja nicht mehr hören: „Früher war alles besser“ hört man ständig und allerorten. Und sie reden auch gerne mal über die sogenannten 68-er. Die meisten wissen allerdings gar nicht, worüber sie reden. Angela „Frisur“ Merkel könnte vom Alter zwar hinkommen, lebte aber als Pastorentochter in der DDR. Trittin war auch kein 68er, der war 14. Ich auch nicht, ich war 10 Jahre alt. Was wir aber alle wissen ist, dass von dieser Zeit ein demokratischer Aufbruch durch die Republik zog. Immerhin 59 Prozent der Deutschen denken, zumindest laut dem Orakel von Allensbach, so.

Schauen wir doch mal, was wirklich los war in den späten 60ern und den frühen 70ern, ich habe da auch noch einige Erinnerungen beizusteuern.

Mein Vater sprach von „jungen Leuten“ (er war Mitte Zwanzig) als Hippies, Gammler und Rocker, mein Opa erzählte von „Negermusik“. Begriffe wie „Haschisch“ und „Kommune“ fielen voller Ekel. Im Fernsehen sah man den steinalten Adenauer mit Hut. Oder Leute, die Kiesinger oder Ehrhardt hießen.

Frauen durften damals (übrigens noch bis ’77) nur mit Zustimmung des Mannes berufstätig sein. Ich erinnere mich an den Streit zwischen meinen Eltern. Mein Vater, der zwar zu wenig Geld nach Hause brachte, sich aber dagegen wehrte, meine Mutter wieder als Krankenschwester arbeiten zu lassen. Auf die Ausbildung junger Frauen wurde kein Wert gelegt, bei meiner Schwester reichte selbstverständig die Mittelschule (die heiratet ja doch!). Frauen gingen in Kleid und Rock. Wer Hosen trug war Kommunistin oder wenigstens (linke) Studentin. Mädchen trugen Lackschuhe und weiße Kniestrümpfe (ich habe Beweisfotos von meiner Schwester). In meinen Schulfibeln waren Hans und Suse die Protagonisten. Hans war pfiffig, Suse so brav, dass neben ihr Pippi Langstrumpf fast als Terroristin gelten dürfte (tatsächlich hatte ich dann aber erst Mitte der 70-er Jahre ein Astrid Lindgren Buch in der Hand).

Uneheliche Kinder hießen „Bastard“. Es gab sie übrigens, auch in meinem Umkreis. Sie seien ein schlechter Umgang, meinten meine Großeltern aus Burgdorf. Mitte 1998 wurden eheliche und uneheliche Kinder vor dem Gesetz gleichgestellt!

Scheidung? Gab es. Aber selten. Das alte Scheidungsgesetz machte es Frauen quasi unmöglich, aus einer Ehe auszubrechen. Heute gibt es ein Scheidungsgesetz, das auch nicht viel gerechter ist, aber das ist ein anderes Thema.

Gewalt? Die war tief im Alltagsleben verwurzelt. Schüler und Lehrlinge durften geohrfeigt werden. Die Tracht Prügel waren anerkanntes Erziehungsmittel. Als ich 1970 mit dem ersten schlechten Zeugnis nach Hause kam, bekam ich es mit einem Teppichklopfer. Männer schlugen ihre Frauen ganz selbstverständlich. Ich habe selber daheim unschöne Szenen erlebt.

Männer trugen kurzes Haar. Ohrringe? Pfff! Mit 15 hatte ich schulterlange Haare. Meine Mutter schickte mir vor den Osterferien einen Brief, dem ein Foto von mir mit (relativ) kurzen Haaren beilag. Ich solle mir die Haare auf diese Länge kürzen, bevor ich in den Ferien heimkäme. Ich teilte ihr mit, dass meine Haare so blieben. Wenn es ihr nicht passe, führe ich in den Ferien zu einem Freund, es sei bereits alles geregelt. — Sie gab auf.

Sex vor der Ehe? Gab es nicht (zumindest sagte man das). Nach der Pensionierung übrigens auch nicht. Homosexualität war strafbar.

Das waren die 68-er und die Zeit davor (und auch noch eine Weile danach).

Irgendwas mit Medien.

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