Geschichten vom Älterwerden: 50plus

Neulich war ich mit einem Freund wandern, es war ein wunderschöner Dezember-sonntag. Dabei sprachen wir (wieder mal) über das Älterwerden. Sein Vater hatte einen zweiten Schlaganfall bekommen und beide waren wir uns plötzlich der Endlichkeit allen Seienden sehr bewusst. Und wir diskutierten darüber, ob wir genug Vorsorge für den Ernstfall treffen. Aber kann man das überhaupt? Und wie könnte das dann aussehen??

Keine Sorge, dieser Text ist nicht so ernst, wie er anfängt.

Im vorletzten Jahr starben zwei Freunde, beide waren Anfang 50 und damit sogar noch ein wenig jünger als ich. Beide hatten richtig schwere Krankheiten gegen die sie den Kampf letztendlich verloren. Ursachen? Rauchen? Nein. Stress? Vielleicht. Es gibt nicht immer einen Grund.

Mir war schon länger klar, dass der Körper, der mich bisher so gut durchs Leben getragen hat, vergänglich ist. Aber jetzt wurde es mir deutlich vor Augen geführt. Aus vielen Gesprächen weiß ich mittlerweile: Jeder ab 50 kennt im entfernten Bekanntenkreis jemanden , der an einer ernsten Krankheit leidet. Und seit es die beiden aus dem engeren Freundeskreis getroffen hat, fühle ich mich doch mehr bedroht. Und immer wenn ich mal wieder wegen irgendeines Zipperleins bei meiner russischen Ärztin bin und um Heilung bitte, meint sie so etwas wie „wir sind jetzt über 50, da gehören solche Dinge dazu, damit müssen Sie leben, ich kann nicht gegen alles etwas tun.“ Na danke!

Als ich letztes Jahr Schmerzen in der Brust spürte, dachte ich gleich an Herzinfarkt. Dabei war es eine Rippenknorpelprellung. Ich war beim Schneeschippen ausgerutscht und unglücklich auf den Zaun gefallen. Das kann jedem passieren, auch mit 20. Allerdings hat mich diese Verletzung und der langwierige Heilungsprozess etwas demütiger gemacht. Unfall, Krankheit, so etwas kann tatsächlich passieren. Jederzeit.

„Die Einschläge kommen immer näher“, sagt meine Frau, „erst kommen die Scheidungen, dann die Krankheiten“, pflegt meine Mutter zu sagen. Ich denke dann immer, ich müsste gleich in Deckung gehen.

Ich sprach neulich mit meiner Schwester, die zwei Jahre jünger ist als ich. Sie hat den Krebs vorerst besiegt:“Uns geht es gut, wenn alles so bleibt ist es gut, es darf nur nichts passieren.“ Ich spürte eine gewisse Bangigkeit aus ihren Sätzen heraus. Und ich konnte sie verstehen. Aber dann dachte ich mir: Schluss damit! Es kommt ohnehin nicht so sehr darauf an, was passiert, sondern wie man mit dem, was passiert, zurechtkommt. Ich kann doch nicht in der ständigen Angst leben, dass der nächste Tag eine schlechte Nachricht bringt?! Seitdem habe ich so eine Stubenfliegentheorie darüber, dass ja auch einiges auf der Habenseite steht.

Wir sind heute mit Mitte 50 so fit wie keine Generation vor uns. Wir ernähren uns gut (jedenfalls meistens), machen regelmäßig Urlaub und gönnen uns Auszeiten. Wenn der Magen kneift oder senile Bettflucht einsetzt, können wir das besser einordnen, weil wir sensibler auf unseren Körper hören. Früher habe ich gegessen bis mir schlecht wurde, heute belasse ich es bei drei statt vier Gängen und gehe dafür ohne Magendrücken ins Bett. Das hat nichts mit langweiliger Vernunft zu tun, das ist Weitsicht und das gute Gefühl, noch die Regie zu führen.

Biologisch sind wir oft zehn Jahre jünger.

Wir müssen uns nichts mehr beweisen. Beruflich haben wir den Zenit meist überschritten. Die meisten Fehler — falsche Frauen, falsche Freunde, falsche Geldanlage — haben wir hinter uns.

Wir können im Job einigermaßen die Weichen justieren und Freundschaften vertiefen, wenn wir das wollen.

Wir haben zwar weniger Energie, werden eher müde und brauchen längere Erholungsphasen. Dafür verfügen wir über einen größeren Erfahrungsschatz.

Britische Wissenschaftler sagen sogar, dass sich einige Fähigkeiten verbessern: Sprachkompetenz, emotionale Kontrolle und Entscheidungsfähigkeit beispielsweise. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber wenn die das sagen…

Wir können die Wahrscheinlichkeit zu erkranken wenigstens etwas beeinflussen, wir sollten uns allerdings nicht für unsterblich halten und die Katastrophe, sollte sie eintreten, nicht als bloßen Querschläger im Lebensplan ansehen. Es gibt keinen Optionsschein auf künftiges Glück, den man einlösen kann, wenn die Entwicklung einem gefällt. Entweder du riskierst etwas und fällst dabei notfalls auf die Nase oder du lässt die Finger davon. Dazwischen existiert wenig, auch wenn wir das gerne hätten.

Und Leben ist übrigens jeden Tag ein Risiko.

Sollte es passieren, müssen wir zusehen, wie wir damit umgehen.

Aber das machen wir dann.

Und nicht jetzt.

Als ich das schrieb musste ich an diesen älteren Artikel denken: