Hirnstromprotokolle: Loblied des Wartens

Endlich gibt es eine Ausstellung zu einem meiner Lieblingsthemen. Nein, nicht Glück. Sondern “Warten”. In Hamburg. Alle hin! 
Zu diesem Thema habe ich mir schon viele Gedanken gemacht.

Warten lassen ist ein Ritual der Macht. Ich warte vor allem immer auf Frau und Tochter. Es ist grundsätzlich so, dass wenn ich fertig zum Gehen bin ich noch einmal warten muss, bis meine Angebetete die Restaurationsarbeiten vollendet hat.

Aber wer sich darüber ärgert, hat schon verloren. Übel gelaunt, wird auch der Abend misslingen, denn die schlechte Stimmung springt auf andere über. Also mache ich das einzige, was ich mal zwölf Semester gelernt habe:

Philosophieren:
Einfach nur so zu warten, kann nämlich schrecklich langweilig sein. Warten kann dann zu „Hilflosigkeitswarten“ (Gräff) werden. Typisches Hilflosigkeitswarten findet oft in Warteschlangen statt. Viele werden in Warteschlangen unglücklich, weil sie merken, dass sie gar keine Lust haben, in das eigene Innenleben einzusteigen. Vielleicht haben sie das unbestimmte Gefühl, dass da nichts ist? Und dann kommt unweigerlich der Ärger über die eigene geistige Unfruchtbarkeit. In Warteschlangen ist man von anderen Reizen abgeschnitten, man kann weder in einer Zeitung blättern, kein Smartphonesklave sein und nur in Süddeutschland geht Warteschlangensmalltalk.

Man muss deshalb darauf achten, dass das Warten hoffnungsvoll bleibt. Hoffnungsvolles Warten ist geschenkte Zeit. Warten ist die Chance, den Kopf zu sortieren, sich noch einmal vorzubereiten auf alle Fragen, die man stellen möchte. „Der Geduldige ist weise, steht in der Bibel“ (Sprüche Salomons 14,29). Und die Autorin Friederike Gräff ergänzt:“Warten zu können gehört zum Erziehungskanon der Mittelschicht. Als Form und Ausdruck der Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren. Er bedeutet, auf die Sofortbefriedigung zu verzichten.“ Oder so.

Wir warten zu wenig, wir sind immer ungeduldig. Alles soll subito erledigt werden, überall wird gedrängelt und geschubst. Dabei liegt doch in der Ruhe die Kraft. Um die Glühbirne zum Glühen zu bringen, brauchte es rund 1.500 Fehlversuche. Aber “der Ärger ruht im Herzen der Toren”, um noch einmal den Prediger Salomon zu bemühen (7, 8–9).

Achwas: Shice Philosophie. Kann sie nicht endlich mal zu Potte kommen!

Ein anderes Lieblingsthema: GLÜCK

Like what you read? Give Thorsten Windus-Dörr a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.