Lehrer: Katzwinkle kommt
Obwohl er die siebte Klasse wiederholte, verbesserten sich die schulischen Leistungen des Jungen nicht.
Die Mutter hatte so große Hoffnungen in ihn gesetzt, der erste in der Familie, der zum Gymnasium ging. Konnte denn nicht einmal ein Mann die Hoffnungen erfüllen, die sie in ihn setzte? Auf den Rat eines Lehrers, der die Fähigkeiten des Jungen erkannt hatte, bekam der Junge ein Stipendium und ging in ein Internat.
Mathematik war und ist nie meine Stärke gewesen. Aber als ich das erste Mal meinem neuen Mathematiklehrer im Internat begegnete, da dachte ich, dass es immer noch schlimmer kommen konnte, aber ich sollte Unrecht haben.
Im Klassenraum hörten wir, dass sich jemand mit langsamen, schlurfigen Schritten näherte. Das allgemeine Geraune erstarb und ein Mädchen sagte leise: „Katzwinkle kommt.“ Er trat durch die Tür des Klassenzimmers, ging ein paar Schritte über die Schwelle, schloss die Tür hinter sich und blieb kurz stehen.
Katzwinkle, ich hatte zwar eine genaue Vorstellung von seiner Gestalt im Kopf, aber ich hatte seinen Namen vergessen und musste erst ein paar ehemalige Mitschüler fragen. Dabei hatte ich mir damals Gedanken über seinen Namen gemacht: Warum die englische Form „winkle“, und warum nicht „wrinkle“? Aber noch heute habe ich keinerlei Erinnerung an sein Gesicht.
Er war knapp über eins fünfzig groß und ging am Stock. Angeblich hatte er nur knapp eine Kinderlähmung überlebt. Der linke Arm hing wie tot an ihm herab, er leistete ihm keinerlei Dienste mehr. Ein Buckel reichte von der linken Schulter hoch zum Hals. Deswegen war sein Oberkörper wahrscheinlich immer etwas schief und man hatte immer das Gefühl, dass er mit dem Gleichgewicht kämpfte. Das rechte Bein war sichtlich dünner als das linke und er zog es hinterher. Katzwinkle stand kurz da, und schien seine Bügelfalte zu inspizieren . Dann riss er mit einem Ruck den Kopf hoch und rief klar und deutlich: „Morgn, setzn!“
„Windus, Konzentration! Wenn a gleich elf und b gleich neun, und x gleich a multipliziert mit b, welchen Wert hat dann x?“
Nach einer kurzen Inspektion der Vollzähligkeit mittels Klassenbuch mussten wir alle wieder aufstehen: Kopfrechnen. Katzwinkle gab uns Aufgaben, bei richtiger Lösung durfte man sich setzen. Wer falsch rechnete musste sich auf den Stuhl und beim zweiten Fehl auf den Tisch stellen.
„Windus, Konzentration! Wenn a gleich elf und b gleich neun, und x gleich a multipliziert mit b, welchen Wert hat dann x?“
Das Ergebnis war immer das gleiche, ich stand auf dem Tisch. Es war demütigend, aber ich war schlecht im Kopfrechnen und obendrein waren sie auf dem Internat in Mathe weiter als in der hannoverschen Knabenanstalt am Maschsee. Algebra hatte ich bis dahin für eine Wasserpflanze gehalten.
Katzwinkle war ein völlig unnahbarer Mensch, seine Gesichtszüge bewegten sich kaum. Nur zweimal sah ich eine Spur eines Lächelns bei ihm: Das erste Mal als ich nach etwa einem halben Jahr zum ersten Mal beim Kopfrechnen zum Sitzen kam. Das zweite Mal als er mir am Jahresende eine vier als Note geben konnte. Eine glatte vier, mehr war nicht drin.
Katzwinkle hatte sich vorgenommen, mir Mathematik beizubringen. Dazu befahl er Stephan Meier zu meinem Nachhilfelehrer. Stephan, genannt Pferd, Meier war der Klassenbeste in Mathe. Seinen Spitznamen hatte er wegen seiner großen Füße (Größe 48), seiner strohigen blonden Mähne und seinem galoppartigen Gang. Pferd Meier machte mit mir geduldig Mathenachhilfe und brachte mich auf die für mich akzeptable Note von vier. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar, denn diesen Schnitt konnte ich mir mühsam bis zum Abitur bewahren, selbst als wir JK zum Mathelehrer bekamen (aber das ist eine andere Geschichte).
Katzwinkle verließ uns bereits ein Jahr später ohne eine Erklärung. Wahrscheinlich hatte sich seine Krankheit verschlimmert, denn ein weiteres halbes Jahr später fanden wir seine Todesanzeige am schwarzen Brett. Ich war ziemlich traurig, denn mit Katzwinkle hatte für mich eine sieben Jahre dauernde, wunderbare, Schulzeit begonnen.
Ich hatte noch mehr Lehrer