Liz und Richie, sie stritten aber sie schlugen sich nicht

Aus der Reihe: Dämonen der Vergangenheit

Gestern Morgen winkt mir an der Grenze zwischen Rotlichtviertel und Altstadt jemand freundlich zu. Erst fuhr ich vorbei, dann hielt ich an und fuhr zurück. Er stand am Straßenrand und winkte. „Hilf mir mal!“, sagte er fragend. Uns beiden war klar, dass wir uns kennen, es fiel uns aber nicht ein woher. Ich war schließlich schneller:“Nachbarn… du bist der Detektiv… hannoversche Südstadt.“ „Richtig“, bestätigte er, „ihr habt unter mir gewohnt und später über mir, mit dem Baby.“ Ich erzählte ihm, wie groß das „Baby“ mittlerweile sei.

Komisch, früher hatten wir uns nicht so spontan geduzt. Er erkundigte sich ausgiebig nach unserem Befinden und freute sich offensichtlich. Er erzählte, dass er einen Klienten hier im Rotlichtviertel habe, der ihm wirklich Kummer bereite, er habe jetzt die ganze Nacht in Bars, auf dem Polizeirevier und im Gefängnis verbracht. In der Calenberger Neustadt wohne er auch nicht mehr und die Freundin von früher sei auch futsch. Wir verabschiedeten uns freundlich voneinander.

… man begegnet sich immer zweimal im Leben…

Abends erzählte ich meiner Frau Bettina davon. Sie erinnerte sich sofort:“Mit denen hatten wir viel Spaß“, meinte sie. „ Weißt du noch, wir hatten den beiden damals Spitznamen gegeben: Liz und Richie. Nach dem berühmten Schauspielerehepaar Liz Taylor und Richard Burton, die ihre Ehestreitigkeiten sogar zum Thema mehrerer ihrer Filme gemacht haben.“ Damit waren wir auch schon bei unserem Thema, auch Liz und Richie stritten sich nämlich ständig.

Richie ist Detektiv und auf bestimmte Fälle spezialisiert, seine Kanzlei lief zumindest damals wohl ganz gut. Zu seinem Fuhrpark gehörten ein Mercedes der S-Klasse, ein Honda Roadster, ein Motorrad und ein mundgeblasenes Mountainbike. Richies Outfit war gepflegt, aber für meinen Geschmack immer etwas zu offensichtlich teuer. Man kann eben einen Hintern schmücken, soviel man will, es wird doch nie ein Gesicht draus. Was wir durch rein zufälligen Treppenhausblick erhaschen konnten, entsprach die Möblierung der beiden dem „frühen Macho“, wahrscheinlich trug sogar die Klobrille Schulterpolster. Liz war übrigens Osteuropäerin mit hervorragendem Deutsch und rollendem R („erst frrrraggen, dann nämmen“). Sie war damals in dem schwierigen Alter zwischen endender Mädchenschaft und beginnender Schnalligkeit, auf mich machte sie den Eindruck, als ob sie ganz gut schwierige Situationen kreieren könnte. Wir wohnten damals bereits zwei Jahre dort, als Liz und Richie über uns einzogen. Schon bald wurde es in unserem ansonsten eher anheimelnden Gründerzeitmietshaus nachts lebendig: Liz und Richie stritten sich vorzugsweise nach 23 Uhr und dann wieder am nächsten Morgen nach 9 Uhr. Die Auseinandersetzungen waren lautstark brüllend seinerseits und näselnd weinerlich ihrerseits.

… es gibt ganz unterschiedliche Gründe für Menschen, die sie zusammen halten. Das muss keineswegs immer Liebe sein…

Meine Frau war damals entsetzt. Ich kannte so etwas aber schon. Ich habe da ja so eine Stubenfliegentheorie darüber: Profunde Lebenserfahrung sagt mir mittlerweile, dass es ganz unterschiedliche Gründe für Menschen gibt, die sie zusammen halten. Das muss keineswegs immer Liebe sein. Auch Angst vor Einsamkeit oder Hass sind ein guter Beziehungszusammenhalt. Vor Jahren lebte ich einmal in einer Wohnung am hannoverschen De Haen Platz. Neben uns wohnte ein Ehepaar um die Endfünfzig. Jeden Abend gegen 18 Uhr ging er zum Kiosk und kaufte die nötige Ration an Bier und Korn für den Abend ein, im Laufe der Jahre wurde die Tüte immer schwerer. Regelmäßig gegen 23 Uhr hatten dann beide den nötigen Pegel erreicht und fingen an, sich lautstark zu beschimpfen, durch die Wand unseres Wohnzimmers konnte man sie leider recht gut verstehen, „Arschgeige“ war noch das vornehmste Schimpfwort, dass die beiden für sich gebrauchten. Die Sache ging immer eine knappe Stunde, entweder waren sie dann müde oder volltrunken. Am nächsten Morgen sah man jedenfalls beide wieder brav zur Arbeit gehen.

Aber zurück zu Liz und Richie. Nach einem halben Jahr nächtlicher Streiterei zog Liz aus. Mit seiner porentiefen Nettigkeit entschuldigte sich Richie irgendwann bei mir für die Belästigungen, obwohl ich mich ja eigentlich gar nicht beschwert hatte. Heute vermute ich, dass er einen Beschwerdebrief unseres Hausverwalters Pflaume bekommen hatte (eigentlich hieß er Feige, aber ich soll ja nicht immer die wirklichen Namen gebrauchen) und mich wieder als Denunziant im Verdacht hatte. Irgendwie muss ich damals unsympathisch rübergekommen sein.

Richie ließ dann im folgenden Frühjahr in seiner Wohnung die „Trittschalldämmung“ verbessern. Ich vermutete damals, er hatte auch bei folgenden Partnerinnen vor, sein Schreien beizubehalten. Es gab dann ein paar Frauen, die da oben ein- und ausgingen, aber irgendwann war plötzlich Liz in völlig neuem Outfit wieder da.

Mittlerweile waren wir zwei Stockwerke höher gezogen und wohnten jetzt über Richie. Liz ging jetzt wieder öfter ein und aus und auch die Streitereien stellten sich bald wieder ein; leider konnten wir nie heraushören, worum es eigentlich ging. Obwohl wir es mit Glas und Holzhörrohr am Boden versucht hatten. Zu gute Trittschalldämmung eben.

Der Ablauf war in etwa immer der gleiche und erinnerte mich an meine Zeit am de Haen Platz: Etwa gegen 23 Uhr begannen die beiden zu streiten, er schrie immer lauter, sie jammerte immer weinerlicher. Ich hatte den Verdacht, dass sie sich zu dem Zeitpunkt einen gewissen Alkoholpegel angetrunken hatten, der ihnen die Zungen lockert.

„Weißt du noch“, meinte Bettina „irgendwann polterte es dann immer schwer und wir begannen zu grübeln, ob er sie jetzt umbringt oder so. Da wir dann aber meistens wenig später unter unserem Esszimmer orgiastische Versöhnungsgeräusche vernahmen, war dem wohl nicht so.“ Wir diskutierten damals eingehend, ob es sich bei den Streitereien wohl um so eine Art Vorspiel handele, kamen da aber in unseren Überlegungen nicht wirklich weiter.

Auch die Tatsache, dass ich Liz ja meist am nächsten Tag im Treppenhaus traf und sie nie eine Verletzung hatte, beruhigten mich. Übrigens: Am nächsten Morgen ab 9 Uhr lebten dann die Streitigkeiten wahrscheinlich als Folge des unausweichlichen Katers wieder auf und kulminieren wiederum in den oben besagen Geräuschen unterhalb unseres Esszimmers!

Irgendwann zogen wir dann in das hannoversche Neubaugebiet Lister Blick, wo wir ähnliche Erlebnisse mit Püppi und Schatz hatten. Dinge wiederholen sich eben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe noch weitere Dämonen:

https://medium.com/@thorstenwindusdrr/mein-bademeister-97f2187ef4bb#.mvha89ma6

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