Was ich lese, während die zukünftigen Klassiker schreiben

oder auch: Lob des Trivialen

In der „Zeit“ gibt es eine Kolumne, in der Redakteure verraten, was sie wirklich sehen, hören und tun, während andere vielleicht die literarischen Klassiker von morgen schreiben, das Universalkunstwerk schaffen oder das Rätsel der Existenz entschlüsseln. Mich wird die Zeit nicht fragen, deshalb schreibe ich das jetzt mal hier auf.

Das Komma in der Erdnussbutter

Ich unterhalte mich gerne unter meinem Niveau: Heidi Klum ist fies, die gucke ich nicht. Aber ich gucke das Dschungelcamp. Eingestiegen bin ich erst bei der dritten Staffel, aber seitdem bin ich dabei. Es befriedigt meine niedersten Bedürfnisse: Uneingestandener Voyeurismus und Schadenfreude beispielsweise. Und ich schäme mich so gerne fremd. Ich habe natürlich alle klugen Artikel in allen klugen Zeitungen gelesen, in denen das Dschungelcamp klug runtergemacht wird. Und sie haben sicher alle recht, aber ich arbeite ja selber in einer klugen Firma und mache kluge Sachen, deshalb ist mir das egal. Das Dschungelcamp gliedert mein Jahr, damit geht es im Januar los, dann folgt im März „Let’s Dance“, im Sommer „Promi Big Brother“ und im Spätherbst bis Weihnachten dann endlich „Das Supertalent“.

Der Kummer der Herbergsmutter

Dazwischen schaue ich gerne Serien: Tatort, Navy CIS, Navy CIS New Orleans, Bettys Diagnose. Und leidenschaftlich gerne schaue ich Wiederholungen vom „Traumschiff“ und „Traumhotel“ mit dem sagenhaften Herrn Winter. Dabei könnte ich doch die Zeit viel besser bei einem dieser Problemfilme verbringen, die meine Frau immer guckt und die ich Strychninfilme nenne. Darin geht es immer um Weltuntergangsdinge: Kinder mit Krebs, überfischte Meere oder amoklaufende Hausfrauen. Ich kann mir aber solche Filme nicht anschauen, weil ich danach das Gefühl habe, ich müsste eine Kapsel Strychnin nehmen.
 Oder ich könnte intelligente Dokus auf Arte gucken. Oder wenigstens eine von diesen anspruchsvollen amerikanischen Serien, von denen man in den Bildungsfeuilletons liest. Nein.

Beim Bügeln könnte ich so schöne Wortsendungen im Radio hören, die mich geistig voranbrächten, auf Deutschlandfunk, NDR Kultur oder so. Stattdessen höre ich Klassikradio und denke an Adornos „Regression des Hörens“ und Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“
 Überhaupt Musik. Als Junge war mein Lieblingssong „It never rains in Southern California“ von Albert Hammond. Diese Kraft, diese Sonne, dieses Klavier! Wenn es mir schlecht geht, lege ich das Lied auf. Heute weiß ich, dass es keine anspruchsvolle Musik ist. Aber das ist mir egal, es ist mein Lied.

Das Picknick der Frisöre

Endlich Abend, endlich auf der Couch, endlich Zeit für ein gutes Buch, die aktuelle „Zeit“ oder die neue brand eins. Aber nein, was mache ich? Lese die Frauenzeitschriften meiner Frau, irgendeinen belanglosen Geschichtsschinken a la „Die Tochter des Gerbers“ oder den 23. Band von Diana Gabaldons „Highlander-Saga“.
 Das ist für mich wie meditieren, dann bin ich in meiner Welt, die ich ganz alleine für mich habe.