Der Weg zur Empathie
Wie wir unsere Arroganz überwinden
Die Rechte an obigem Bild liegen bei Bastian Stein, der sie freundlicherweise unter einer Creative Commons License auf Flickr bereitstellte.
Sie verfolgen mich überall: Junggesellenabschiede in der Mönckebergstraße oder der U-Bahn, laute Sportwagenfahrer in der 30er-Zone, Nachwuchsgangster, Buzzword-Businesskasper, unfreundliche Snobs, … Die Liste könnte ich endlos fortführen. Die traurige Wahrheit: Die Welt ist vollgestellt mit Idioten.
Was macht diese Menschen zu Idioten? Und wieso merken sie nicht, dass sie Idioten sind? Meine Definition-in-progress ist: Sie weisen Verhaltensmuster auf, für die ich mich schämen würde. Was ihnen sinnvoll erscheint, ist für mich unsinnig – und ich kann es begründen. (Kann ich die Unsinnigkeit nicht begründen, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit Kunst.)
Mein Werte, deine Werte
Ich habe mein ganzes Leben lang bewusst und unterbewusst Werte getestet und sondiert. Höflichkeit habe ich getestet und in mein Werte-Repertoire aufgenommen. Männlichkeit habe ich auch getestet und abgelehnt. Alles, was ich tue, kann ich in mein Werte-Repertoire einordnen und im Nachhinein bewerten. Häufig ärgere ich mich zum Beispiel, dass ich schüchtern war. »Offenheit« ist nämlich noch relativ neu in meinem Repertoire. Daran arbeite ich noch. (Und wie du merkst, bemühe ich mich hierum bewusst.)
Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Werte-Repertoires einzufühlen und sie vorurteilsfrei auf verschiedene Situationen anzuwenden. Werte haben immer einen Grund – sie resultieren aus Bedürfnissen. Ziehen wir das Beispiel der Männlichkeit heran, könnte das ausschlaggebende Bedürfnis die Akzeptanz sein: Wer seine Männlichkeit betont, möchte akzeptiert werden. Das kann natürlich nur in einer Umwelt funktionieren, die Männlichkeit in ihrem Wertekanon akzentuiert. Ist Männlichkeit in der Umwelt als Wert völlig irrelevant, bedarf es anderer Wege, um sich Akzeptanz zu erarbeiten.
Hieraus kann man ableiten, dass das, was in meiner Umwelt sinnvoll ist, in der Umwelt des Sportwagenfahrers womöglich völlige Idiotie ist. ÖPNV etwa. Und hier setzt die Empathie an: Ist er fähig und willens, sich in meine Situation einzufühlen? Kann er verstehen, wieso ich lieber monatlich knapp 100 Euro in die allumfassende Hamburger ÖPNV-Flatrate investiere, anstatt mir einen geilen BMW zu leasen? Und andersherum: Bin ich bereit, mir zu überlegen, wieso die geleaste Karre für ihn sinnvoll ist? Oder will ich bloß den Kopf schütteln in meiner Pseudo-Öko-Arroganz? (Pseudo as in: Ich habe mir im Sommer ein Fahrrad gekauft und es seither zweimal genutzt.)
Die eigene Meinung überwinden
Es ist leicht, Verhaltensweisen von Menschen abzulehnen, die völlig anders funktionieren als man selbst. Und das Traurige ist: Das fällt allen leicht. Vollprolls und Akademiker neigen gleichermaßen dazu, ihre Wertesysteme allgemein anzuwenden. Dahinter steckt das Bedürfnis der Abgrenzung: Wir erkennen uns selbst in dem, was wir sind – und vor allem in dem, was wir nicht sind. Das ist Schulhofdenken auf globaler Ebene.
Seit einigen Monaten erwische ich mich regelmäßig dabei, dass ich Menschen für ein Verhalten verurteile, das nicht mit meinen Werten vereinbar ist. Sobald ich mich ertappt habe, beginne ich aktiv damit zu verstehen, was den Menschen dazu getrieben hat, auf diese oder jene Weise zu handeln. Das war ein ziemlicher Schock: Alles ist erklärbar. Alles ist nachvollziehbar. Nichts ist einfach doof.
Der viel größere Schock ist aber: Fuck – was war ich doch für ein arrogantes Arschloch! Wieso habe ich jahrelang bewertet? Ich finde es wichtig, sich eine Meinung zu bilden – aber sie aus einer Meta-Ebene zu betrachten, finde ich ebenso wichtig: Sie ist nicht der Weisheit berühmter letzter Schluss. Sie ist ein Scheinwerfer in einem Sammelsurium von mehr oder minder hellen Leuchten auf die Bühne der Realität.
Lösungen kommen von innen
Die Empathie ist ein mächtiges Werkzeug. Neben der Einsicht in die Lebensrealitäten der Menschen, die mir fremd scheinen, erlaubt sie mir, Einfluss zu nehmen. Während Ratschläge, die sich exklusiv aus meinem Werte-Repertoire entfalten, natürlich beim Gegenüber auf Ablehnung stoßen (müssen!), kann ein Gedanke, der in beiden Repertoires Sinn ergibt, fruchten. Und so bewahre ich meine Integrität – anstatt einfach alles »irgendwie okay« zu finden, weil es für mich nachvollziehbar ist.
Es bleibt die Frage: Wie kann ich mich in einen anderen Menschen einfühlen? Ich habe hierfür drei Werkzeuge gefunden:
- Vorurteile. Sie sind zwar unzulässige Verallgemeinerungen, haben aber eine nicht ganz unerhebliche Trefferquote. Das genügt nicht, ist aber mitunter ein Anfang. (Man sollte sich möglichst neutraler Vorurteile bedienen. Und man sollte die Schubladen nicht schließen – die weiteren Werkzeuge werden deine Einordnung anhand der Vorurteile präzisieren und korrigieren.)
- Verhaltensweisen. Was kannst du aus den Verhaltensweisen deines Gegenübers schließen? Jedes Verhalten lässt zig Schlüsse zu, so dass du immer noch flexibel sein solltest. Dass sich jemand frontal vor die U-Bahn-Tür stellt, ehe sie sich öffnet, kann bedeuten, dass derjenige wirklich ungeduldig ist – vielleicht hat derjenige aber auch einfach keine Erfahrung mit U-Bahnen und nicht weiter darüber nachgedacht.
- Gespräche. Ich habe eine Lieblingsfrage. Sie ist ganz simpel: »Und sonst so?« Sie klingt wie ein beliebiger Gesprächsfüller, aber sie fördert Ehrliches zutage. Schon aus der Themenwahl für die Antwort kannst du ableiten, welche Themen dein Gegenüber gerade bewegen. Hinter jeder Stirn ist unentwegt etwas los und genau darüber wird der/die Gefragte sprechen.
Ich glaube, ich konnte deutlich machen, dass Empathie nicht nur bedeutet, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, für den man ohnehin schon Sympathien hegt. Dies hilft gewiss, um der jeweiligen Person Trost zu spenden oder ihr ein guter Gesprächspartner zu sein. Aber die Empathie, mit der du Menschen begegnest, die du am liebsten schütteln möchtest, kann dazu beitragen, dass wir unser leidiges Schulhofdenken überwinden. Du fängst an, deine Schlüsse zu hinterfragen, und möchtest Lösungen finden, die für alle funktionieren.
So. Genug Pathos. Trink doch jetzt lieber ein Bier.