HMI 2019: Zwischen IT-Karrieretreff und Industrie 4.0

Ein Kommentar zur Hannover Messe 2019

Nach dem Wegfall der CeBIT ist mittlerweile immer deutlicher zu merken, dass nun die neue Alternative rund um die IT-Karriere “HMI” heißt. Die Messe ist ganz nebenbei zu einem großen Umschlagsplatz für Recruiting und IT-Profis geworden. Natürlich sind darüberhinaus auch wieder viele andere dem Schlüsselwort Digitalisierung in die Pforten Hannovers gefolgt. Dabei geht es nicht nur um das Zusammenwachsen von anderen Fachabteilungen und IT, sondern insbesondere um IT und Produktion. Ganz im Rahmen der Industrie 4.0 können dabei die verschiedensten Use Cases begutachten werden.

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Anfang April öffnete die HMI wieder für Besucher aus aller Welt. Und die kamen auch. Abseits der großen Riesen, wie Siemens, Bosch oder Microsoft, fand man insbesondere auch viele uns eher unbekannte Anbieter aus Fernost. Asien hat längst seinen Platz am runden Tisch gefunden und die Präsenz ist überall spürbar. Gegenüber dem Erschließen von neuen Personalien oder der Präsentation des Unternehmens, geht es bei den Unternehmen aus Fernost gefühlt eher um Verträge und Geschäftsbeziehungen. Das ließen zumindest die teils versteckten Hintertürchen der Stände vermuten, in denen häufig Unterschriften gesammelt wurden. Kein Wunder also, dass ich als naiver Messebesucher nicht unbedingt ins Beuteschema gehörte und daher auch Schwierigkeiten hatte Gespräche aufzubauen. Das trifft natürlich auch nicht auf jeden zu. Trotz der großen Marktposition, nahm sich beispielsweise Huawei die Zeit mir detailliert ihre technischen Neuerungen zu zeigen. Dass es dabei am Stand besonders viele Überwachungskamera gab, ließ dann leider doch ein bisschen Unbehagen zurück.

Fernab davon haben sich die Stände längst auch auf das Zweitgeschäft auf der Messe eingestellt. Nicht nur Repräsentanten, sondern auch viele Recruiter zieren die Bühnen und Stände der großen und mittelständischen Unternehmen. Hinter der ersten Reihe von Plakaten, Projektdarstellungen und Marketing-Slogans findet man recht schnell auch Aushänge für Stellungsausschreibungen oder Visitenkarten von Recruitern. Als unabhängiger ITler wurde ich zudem auf jedem Stand für Jobangebote oder offene Stellen beworben. Wenig überraschend ist dabei nicht, dass die Gespräche besonders bei größeren Unternehmen häufig äußerst oberflächlich und unpersönlich waren.
Es scheint jedenfalls offensichtlich zu sein, dass Klein und Groß Hände ringend um neue IT-Fachkräfte suchen. Auch die Messetage haben sich dem weiter ausgerichtet: Fokus auf Karrierepfade für IT und Produktion, Frauen im IT-Umfeld, spezifische Vorträge für IT-Fanatiker oder z.b. auch AWS Vorträge, die speziell an Entwickler ausgelegt sind, sollen das Interesse ITler und die, die es werden wollen, weiter stärken.
Auch abends klingen die Stände dabei immer häufiger mit Meet&Greets für IT-Fachkräfte aus.

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AWS Vorträge für Interessierte und Entwickler

Doch leider ist Themenvielfalt im Zeichen der Industrie 4.0 recht begrenzt. Außerhalb von IoT, Cloud Solutions oder auch Augmented Reality (besonders bei kleineren Unternehmen) sucht man vergeblich nach Abwechslung. Hinzu kommt leider auch, dass es so wirkt als würden viele mittelständischen Unternehmen nur auf die Themen IoT und Cloud aufspringen, um ein Teil davon zu sein. Wenig Projekte oder Ideen zeugen für mich als ITler wirklich von Innovation oder Abgrenzung zur Konkurrenz. Häufig stellt sich die Frage, ob der Weg der Cloud oder das Monitoring einiger IoT Geräte für einige Anwendungsfälle überhaupt nötig gewesen wäre. Daher wirken die meisten Projekte leider eher als “mitmachen” als vielmehr ein “voranschreiten”. Einmal über oberflächliche Fragen von Cloud oder IoT Solutions hinaus gefragt und schon waren die Unternehmen schnell in der Defensive, sprachlos oder überfordert. Ein, wie ich finde, trauriger Verlauf und vermutlich nicht der Letzte.

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IBM’s Stand mit SpliceX als Vorführprojekt

Eine erfrischende Abwechslung bot hingegen SpliceX — als IBM Plattform für die Digitalisierung der Produktion. Je nach Kundenbedürfnis lässt sich Plattform anpassen und erweitern. Obwohl Produkte und Fertigungsprozesse meist hoch individuell sind, schafft SpliceX die größten Herausforderungen anzugehen und als Ready-To-Use Plattform direkt bei verschiedenen Kunden eingesetzt zu werden. Über einen Marktplatz lassen sich die verschiedenen Services (Microservices) beliebig in den eigenen Anwendungsfall einbinden. SpliceX kann dabei als Cloud oder Nicht-Cloud basierte Plattform agieren und profiliert sich zudem auch mit Docker und Kubernetes in der Infrastruktur.
Kunden können darüberhinaus auch ihre eigenen Services einbinden, ohne auf Abstriche in der Sicherheit verzichten zu müssen. So ist auch die Abhängigkeit einzelner Anbieter ausgehebelt.

Fassen wir abschließend noch einmal zusammen. Trotz vieler Kontakte und visuell ansprechenden Präsentationen, fehlt es manchen Projekten leider an Tiefe und teils auch Existenzberechtigung. Wer außerhalb von IoT, Cloud und AR noch andere Themen hören möchte, muss sich nach meiner Meinung aktuell leider anderweitig umschauen. Die HMI hat natürlich trotzdem ihren eigenen Charme für Berufskontakte und HandsOns in verschiedenen Industriezweigen. Und auch ich werde weiterhin hingehen — vor allem weil mich die weitere Entwicklung interessiert und auch um Kunden persönlich anzutreffen.

Mehr interessante Themen und Projekte findet ihr auf meiner Seite: timo-schwan.de

Written by

Design Thinker, SCRUM-Master, Fullstack-Developer

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