Die sind das Volk.

Doch: Die sind das Volk. Das ist ja gerade das Gruselige daran.

Natürlich ist es widerlich, dass die Rassisten und Nazis von Clausnitz (Und ja, das waren Nazis. An ihren Handlungen sollt ihr sie erkennen.) sich ausgerechnet mit “Wir sind das Volk” schmücken. Mit dem Motto einer Revolution also, die für Freiheit und Offenheit stand, nicht dagegen. Und natürlich ist es auch falsch, wenn der Mob damit suggeriert, für irgendeine Form von schweigender Mehrheit zu sprechen.

Eins lässt sich den Arschlöchern aber leider nicht verwehren: Dass sie tatsächlich das Volk sind. Der Abwehrreflex, der hinter Antworten wie “Nein, seid ihr nicht” steht, ist nachvollziehbar und verständlich. Er führt aber in die Irre. Er ist zu bequem und zu feige. Denn wer so tut, als seien rechte Gewalttäter nicht Teil und Kind der Gesellschaft, übersieht das wahre Problem.

Nazis sind keine “Auswärtigen”, wie man sich in Clausnitz nun herausredet, und wie man das vor allem im Osten schon seit Jahren tut. Sie sind keine Aliens mit Glatzköpfen, Nietenjacken und Springerstiefeln, die sich aus dem All herunterbeamen, “Heil Hitler” grölen und dann weiterfliegen. Sie sind unsere Nachbarn und Verwandten, sie besuchen die gleichen Fußballstadien wie wir und kaufen im gleichen Supermarkt ein. In den gleichen Sneakern und Funktionsjacken.

Was also tun? Wegducken? Das Gespräch suchen? Sorgen ernst nehmen? Nein. Wer sich so weit aus dem Konsens der Gesellschaft entfernt, dass er aus der Sicherheit eines Mobs Kinder in einem Bus bedroht, brennende Häuser beklatscht, solche Taten auf Facebook relativiert (“Aber der Junge hat provozierende Gesten gemacht!”) oder diese Relativierung auch nur liked, muss es mit der wehrhaften Demokratie zu tun bekommen.

Nicht in Form von Gewalt, Beleidigungen, Verleumdungen oder Pöbelei. Denn das öffnet dem rechten Rand nur die Märtyrerrolle, nach der er sich so sehnt. Wer moderne Nazis bekämpfen will, muss mit dem Finger auf sie zeigen, sie ans Licht der Öffentlichkeit zerren, gegen sie demonstrieren, ihnen bei jeder Gelegenheit widersprechen, sich über sie lustig machen und sie auslachen und mit aller Härte der Staatsmacht gegen sie vorgehen.

Was passiert, wenn wir das nicht tun, ist gerade in Sachsen und anderswo im Osten zu beobachtachen. Denn so wie Nazis keine Aliens sind, sind Sachsen, Thüringen und Co. keine fremden Länder voller andersartiger Menschen, die mit Deutschland nichts zu tun haben. Es sind nur die Länder, in dem die bürgerlichen Parteien Nazis jahrelang besonders konsequent mit Relativierung, Wegsehen und gelegentlicher Pseudo-Rechts-Rhetorik im Stil der CSU “bekämpft” haben.

Das klappt aber nicht, weil am rechten Rand einer Gesellschaft vor allem Unkraut wächst. Und wer Unkraut ignoriert, hat irgendwann einen komplett zugewucherten Garten. Wer Nazis ignoriert, bekommt die Quittung in Form von Clausnitz und Bautzen. In Form unzähliger brennender Flüchtlingsheime. In Form einer AfD mit Umfrageergebnissen weit jenseits der 10 Prozent. In Form des ungestört mordenden NSU.

Und inzwischen wuchert das Unkraut nicht nur in Sachsen: Gute Ergebnisse für die AfD gibt es in ganz Deutschland. Flüchtlingsheime brennen auch in Nordrhein-Westfalen. Und der NSU hatte den Osten nur als Heimat und kuschlige Operationsbasis — Gemordet hat er überall.

Trotzdem werden Politiker nicht müde, die gescheiterte sächsische Strategie für den Kampf gegen Nazis als Blaupause für den Rest der Republik zu verwenden: Wenige Stunden vor den Ausschreitungen in Clausnitz durften CDU-Abgeordnete im Bundestag ungestraft behaupten, rechtsextreme Gewalttaten seien hierzulande noch kein Alltag. Und natürlich erklang dort auch der alte Schlager von der linksextremen Gewalt, die immer unbedingt mit der rechten aufzuwiegen sei.

Und auch jetzt weigern sich Politiker bei allem öffentlich bekundeten Entsetzen noch immer, das Kind beim Namen zu nennen. Die Eskalation von Clausnitz sei entsetzlich, scharf zu verurteilen, alles ganz furchtbar. Aber man dürfe sich auch nicht zu Pauschalurteilen hinreißen lasse. Man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen und die Ermittlungen der Polizei abwarten. Man dürfe kein ganzes Bundesland in die rechte Ecke stellen.

Die Zeit für solche Allgemeinplätze ist vorbei. Was wir brauchen, ist eine Politik, die das Kind beim Namen nennt. Die sich hinstellt und deutlich sagt, dass Sachsen und Deutschland ein Naziproblem haben. Wir brauchen eine Politik, die den Kampf gegen Rechts so ernst nimmt, wie es sich in diesem Land mit seiner speziellen Geschichte gehört. Wir brauchen eine Politik, die eine Auseinandersetzung mit der AfD nicht scheut, sondern gezielt sucht.

Die Zeit des Aussitzens, Relativierens und Vereinnahmens ist vorbei. Nach Clausnitz und Bautzen muss die Gesellschaft, müssen wir alle eine Linie in den Sand ziehen. Bis hierhin und nicht weiter — Und wer dann noch auf der anderen Seite steht oder nur mit ihr flirtet, bekommt es mit uns zu tun. Auch wenn er Horst Seehofer heißt.

“Wir sind das Volk”, schreien die Nazis von Clausnitz. Ja, seid ihr. Aber deshalb dürft ihr für eure rassistischen, menschenverachtenden Meinungen und euer uninformiertes, verschwörungstheoretisches Gestammel noch lange kein Mitleid erwarten. Deshalb dürfen wir euch Rassisten und Nazis nennen, uns über eure Rechtschreibung lustig machen, eure Videos verbreiten, eure Wahlprogramme auseinandernehmen, euch auf Facebook entfreunden und auf Twitter niederbrüllen.

“Wir sind das Volk”, ruft ihr. Ja, seid ihr.

Aber wir auch.