Definition von linker und rechter Identitätspolitik

Will man es sich einfach machen, definiert man Identitätspolitik entlang des Rechts-Links-Schemas und dem Gegensatz von Mehrheiten und Minderheiten. Rechte Identitätspolitik zielt darauf ab, die kulturelle Dominanz der Mehrheitgesellschaft zu erhalten, linke Identitätspolitik zielt darauf ab, Marginalisierten eine Stimme zu geben. Erstere wollen, plakativ gesprochen, die Verschwulung des Vaterlandes verhindern, während Letztere sexuelle Minderheiten in einer heteronormativen Welt empowern wollen. Eine knackig-handliche Definition, die nur den Nachteil hat, dass sie übersimpflifizierend ist, die Problematik nur unzureichend erfasst.

Rechte Identitätspolitik

Am ehesten trifft diese simplifizierende Darstellung noch auf die rechte Identitätspolitik zu, zumindest, wenn man die kulturelle Ebene noch um politische und ökonomische Aspekte erweitert. Wer rechte Identitätspolitik betreibt, sieht unsere Art zu leben unter Druck, sei es in der Schule, in der Familie, auf der Arbeit, im Schlafzimmer, wo auch immer. Schuld daran sind wahlweise Globalisierung, Einwanderung, Amerikanisierung, Political Correctnes oder Genderwahn. Da man sich jedoch als Repräsentant der über Jahrhunderte gewachsenen Mehrheitskultur sieht, soll die eigene Kultur zur verbindlichen Norm erhoben werden, um die noch dominante, aber bereits bröckelnde Stellung aufrechtzuerhalten.

Die Klaviatur rechter Identitätspolitik ist recht breit, besonders hingebungsvoll wird auf ihr gespielt, wenn es um Symbolpolitik geht. Etwa bei der Frage, ob das Stadtmarketing die Bezeichnung “Wintermarkt” oder “Weihnachtsmarkt” wählt. Oder ob der lokale Kindergarten einen “Laternenumzug” oder einen “Sankt-Martins-Umzug” veranstaltet, obwohl den Betroffenen — also den Kindern — das vermutlich herzlich egal ist. Überhaupt spielt Sprache eine (über-)große Rolle, weil es mal normal war, will man auch weiterhin Bezeichnungen wie “Zigeunerschnitzel” oder “Negerkuss” verwenden. Selbst vor Ernährungsfragen macht die rechte Identitätspolitik nicht halt, analog zu Künasts Veggie-Day-Forderung wird Schweinefleisch in den Kantinen eingefordert, um die Islamisierung des Speiseplans zu verhindern.

Rechte Identitätspolitik auf Twitter.

Politiker unterschiedlicher Couleur spielen mehr oder minder erfolgreich auf der Klaviatur der rechten Identitätspolitik. So zum Beispiel Gregor Gysi von der Linkspartei, wenn er im Bundestagswahlkampf die ostdeutsche Seele streichelt, indem er ein Loblied auf die bedroht gewähnte FKK-Kultur singt. Oder Alexander Dobrindt von der Laptop-und-Lederhosen-Partei, wenn er öffentlichkeitswirksam in der DIE WELT nach Kruzifixen für die Klassenzimmer verlangt, obwohl selbst Bayern mittlerweile religiös deutlich diverser als in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts ist. Und Donald Trump gibt es ja auch noch, der als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika demonstrativ ein “Merry Christmas” wünscht, um damit unter dem Jubel seiner Anhänger dem angeblichen “War on Christmas” den Krieg zu erklären.

Besinnlich dürfte kaum einem bei den Weihnachtsgrüßen von Donald Trump werden, aber um Spiritualität oder die Vermittlung von theologischen Inhalten geht es dem US-Präsidenten ebenso wenig wie den Pegida-Gängern, die zwar demonstrativ Stille Nacht, heilige Nacht anstimmen, dabei den Text jedoch aufgrund ihres religiösen Analphabetentums vom Liedzettel ablesen müssen. Religion fungiert in der rechten Identitätspolitik vor allem als Aufhänger, der deshalb so gut zieht, weil die oberflächlichen Aspekte des Christentums als bedrohter Teil der eigenen Identität wahrgenommen werden. Entsprechend zielt rechte Identitätspolitik auch nicht auf die Errichtung einer Theokratie, sondern auf die Etablierung einer von allen zu akzeptierenden Leitkultur ab, die sich an der als bedroht wahrgenommenen Mehrheitskultur auszurichten hat — und eben nicht am Grundgesetz oder an universellen Werten.

Rechte Identitätspolitik auf Twitter

Ein Ansinnen, das angesichts der sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft ähnlich erfolgsversprechend wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen anmutet, jedoch mit dem unzweifelhaften Vorteil einhergeht, dass rechte Identitätspolitik als Vehikel zur Mobilisierung nur zu gut funktioniert. Schließlich lassen sich damit sogar Wahlen gewinnen, wie Kaczyńskis Polen, Victor Orbáns Ungarn und Trumps Amerika nur zu eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Linke Identitätspolitik

Erheblich schwieriger lässt sich linke Identitätspolitik bestimmen, was daran liegt, dass der Begriff Identitätspolitik aus Amerika übernommen wurde — und es ursprünglich auch kein rechtes Pendant gab. Sprich, mit identity politics war anfangs nur die linke Identitätspolitik gemeint; die Erkenntnis, dass sich der Begriff ja auch wunderbar eignet, um bestimmte Umtriebe auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu erfassen, kam erst später. Ein Umstand, der bis heute noch nachwirkt, wenn in Amerika von identity politics ohne Zusatz (wie etwa: from the right) die Rede ist, dann ist in der Regel linke Identitätspolitik gemeint. Gleiches gilt auch für Deutschland, “Identitätspolitik” bezieht sich fast immer auf linke Identitätspolitik, das rechte Pendant fristet zumindest in der öffentlichen Debatte ein Nischendasein. (“Liberale Identitätspolitik” ist hingegen eine contradictio in adiecto, die sich nur aufgrund eines Übersetzungsfehlers in Deutschland eingeschlichen hat — und deshalb besser ignoriert werden sollte.)

Worthäufigkeit von “identity politics” von 1950 bis 2008 in englischsprachigen Büchern.

Wann genau der Begriff “identity politics” in Amerika entstanden ist, darüber streiten sich die Gemüter, auch gibt es keine bestimmbare Autorenschaft. Was sich hingegen recht eindeutig bestimmen lässt, ist die schrittweise Etablierung des Begriffes in den Achtzigern, in den Neunzigern trat der Begriff dann seinen Siegeszug an — von 1990 bis 2000 wurde das Wort immer häufiger in den englischsprachigen Büchern verwendet; bei den deutschsprachigen sieht es mit “Identitätspolitik” ähnlich aus, jedoch mit einer leichten zeitlichen Verzögerung von zwei bis drei Jahren. Was aber auch durchaus normal ist, wenn Ideen von Amerika nach Deutschland schwappen.

Worthäufigkeit von “Identitätspolitik” 1950 bis 2008 in deutschsprachigen Büchern.

Dass sich der Begriff in den Achtzigern und Neunzigern durchgesetzt hat, dürfte kaum dem Zufall, sondern dem Wandel der politischen Landschaft geschuldet sein. Genauer, dem Wandel der politischen Organisationsformen von diskriminierten Gruppen — und ihrem jeweiligen Selbstverständnis. Wurden die Fünfziger und Sechziger in Amerika noch vom Kampf der afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung um gleiche Rechte dominiert, wurde ab den Siebzigern ein Kaleidoskop an Bewegungen sichtbar, die sich jeweils entlang ihrer (Gruppen-)Identität ausrichteten, vom second-wave feminism über die Black Muslims und die LGBT social movements bis hin zum Combahee River Collective, bei dem sich lesbische schwarze Feministinnen organisierten (und damit der Intersektionalität, also dem Zusammenwirken mehrer Diskriminierungsformen, ein Gesicht gaben).

Gleichzeitig — oder, besser: in Wechselwirkung — begann sich die ursprünglich marxistisch geprägte Linke immer stärker als Sprachrohr der entlang von gender, race, religion und/oder sexuality marginalisierten Gruppen zu verstehen, was Joan Didion bereits 1972 zu einem doch eher spöttischen “And then, at that exact dispirited moment when there seemed no one at all willing to play the proletariat, along came the women’s movement” verleitete. Diese Verschiebung des Fokus linker Politik — weg von der ökonomisch bestimmbaren Arbeiterklasse, hin zu Gruppen, die sich anhand ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion und/oder ihrer Sexualität bestimmen lassen — schlug unweigerlich auf die linke Theoriebildung durch, bei der Identitätsfragen fortan einen immer größeren Raum einnahmen; zudem wurden Theorieelemente aus dem Kaleidoskop an Bewegungen in die linke Theorie integriert , die feministischen Philosophie lässt grüßen.

Babel

Eine ungefähre, leicht schwammige Vorstellung von dem, was man unter linker Identitätspolitik versteht, dürfte jetzt jeder haben. Ein nicht unerhebliches Problem besteht jedoch darin, dass es in Amerika, also dort, wo die Begriffsbildung vollzogen wurde, ebenfalls nicht besser aussieht. Während man es dort etwa noch schafft, auch in öffentlichen Debatten sauber zwischen Sexismus und sexuellen Übergriffen zu differenzieren, fehlt bei der linken Identitätspolitik eine klare Begriffsgrundlage; die Diskussionen werden auf Basis einer schwammigen Vorstellung davon geführt, was identity politics eigentlich meint.

Sucht man im Internet nach einer halbwegs sinnvollen Definition des englischsprachigen Begriffs, finden sich eine Vielzahl an Definitionen, die wenig miteinander gemein haben; offenbar wird vor allem das in identity politics hineinprojiziert, was man gerade gerne sehen möchte. Bei Merriam-Webster findet sich etwa eine Definition, die sehr nah an dem ist, was in Deutschland recht schnöde als “Interessenpolitik” bezeichnet wird:

Definition of identity politics: politics in which groups of people having a particular racial, religious, ethnic, social, or cultural identity tend to promote their own specific interests or concerns without regard to the interests or concerns of any larger political group.

Auf Tate Online, der Website der vier britischen Tate-Galerien, wird identity politics hingegen so definiert, als ob es sich um eine antiautoritäre Bewegung handeln würde:

Identity politics is the term used to describe an anti-authoritarian political and cultural movement that gained prominence in the USA and Europe in the mid-1980s, asking questions about identity, repression, inequality and injustice and often focusing on the experience of marginalised groups.

Und die Stanford Encyclopedia of Philosophy liefert schließlich eine Definition ab, die erschreckend nah bei dem einer Selbstfindungsgruppe ist:

The laden phrase “identity politics” has come to signify a wide range of political activity and theorizing founded in the shared experiences of injustice of members of certain social groups. Rather than organizing solely around belief systems, programmatic manifestos, or party affiliation, identity political formations typically aim to secure the political freedom of a specific constituency marginalized within its larger context. Members of that constituency assert or reclaim ways of understanding their distinctiveness that challenge dominant oppressive characterizations, with the goal of greater self-determination.

Der Eine meint dies, der Andere versteht das, entsprechend dem ausgeprägten Pluralismus bei den Definitionen werden dann auch die Diskussionen geführt. Und das leider nicht nur im Facebook-Kommentarbereich, wo “Identitätspolitik” mittlerweile Buzzword-Status hat, sondern auch in der akademischen Debatte. Statt Argumente abzuwägen, wird lieber aneinander vorbeigeredet; eine gemeinsame Basis, was unter identity politics eigentlich zu verstehen ist, ist häufig schon bei elementaren Fragen nicht vorhanden. Etwa, ob der Begriff der linken Identitätspolitik auch rückwirkend angewandt werden kann, ob darunter beispielsweise auch die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung der Fünfziger und Sechziger fällt.

Kritiker

Francis Fukuyama, in Deutschland vornehmlich durch sein Buch Das Ende der Geschichte von 1992 bekannt, spricht im NZZ-Interview davon, dass sich die Identitätspolitik in den Siebzigern unter linken Intellektuellen zu etablieren begann, durchgesetzt hat sich “das linke identitätspolitische Narrativ” (Fukuyama) dann in den Achtzigern und Neunzigern. So weit, so orthodox, als Vorläufer macht der Amerikaner Fukuyama jedoch — jedenfalls für Europas Linke — den Multikulturalismus aus; eine etwas kuriose Herleitung.

Vom Multikulturalismus ist es dann bei Fukuyama nicht mehr weit bis zum Kulturrelativismus, also dem Akzeptieren des Verletzens von universellen Werten — wie etwa den Menschenrechten — bei nicht-westlichen Kulturen, da dies nun einmal deren Art zu leben sei. Oder, in Fukuyamas Worten: “Diese Art des Kulturrelativismus führt zu sehr seltsamen Positionen. Sie finden heute nicht nur in Europa, sondern auch in den USA sich aufgeklärt und progressiv nennende Leute, die die Unterdrückung der Frau oder die Verfolgung von Homosexuellen in muslimischen Gesellschaften verteidigen, nach dem Motto: andere Kulturen, andere Sitten.”

Überhaupt lässt Fukuyama kein gutes Haar an der linken Identitätspolitik, neben dem allseits beliebten Vorwurf, dass linke Identitätspolitik (ungewollt) als Wegbereiter für die rechte Identitätspolitik fungieren würde, hält er den Linken vor, das Individuum auf die jeweilige Gruppenzugehörigkeit festzunageln: “Aber noch problematischer scheint mir, dass die Vertreter der Identitätspolitik stets entlang von fixen Charaktereigenschaften argumentieren: Rasse, Ethnie, Gender, Religion. Statt die Leute aus ihren Gemeinschaften zu befreien, führt diese Politik dazu, sie auf ihre Zugehörigkeiten festzulegen. Das ist das Gegenteil von Selbstbestimmung.”

Ähnlich schlecht kommt linke Identitätspolitik bei Steven Pinker weg; der linksliberale Denker hadert — und hält es für bezeichnend — damit, dass Vertreter dieser politischen Richtung nicht mehr in der Lage sind, brauchbare Sätze zu formulieren. Genauer, er stört sich daran, dass Identitätslinke Sätze ständig mit “Ich als” bzw. “Als ein/e” (schwarze Frau, heterosexueller Mann, Trans-Frau etc. pp.) beginnen würden, weil sich ihr ganzes Denken nur noch um ihre eigene Identität dreht. Hat ein melancholischer Sven Regener noch “Wo deine Füße stehen / Ist der Mittelpunkt der Welt” über eine Verflossene gesungen, sind es die eigenen Füße, die der Identitätslinke zum Mittelpunkt des Universums erhebt.

Eine Sichtweise, die sich bei Pinker im Interview mit dem Weekly Standard so anhört:

“Identity politics is the syndrome in which people’s beliefs and interests are assumed to be determined by their membership in groups, particularly their sex, race, sexual orientation, and disability status. Its signature is the tic of preceding a statement with “As a,” as if that bore on the cogency of what was to follow. Identity politics originated with the fact that members of certain groups really were disadvantaged by their group membership, which forged them into a coalition with common interests: Jews really did have a reason to form the Anti-Defamation League. But when it spreads beyond the target of combatting discrimination and oppression, it is an enemy of reason and Enlightenment values, including, ironically, the pursuit of justice for oppressed groups. For one thing, reason depends on there being an objective reality and universal standards of logic. As Chekhov said, there is no national multiplication table, and there is no racial or LGBT one either.

Enemy of reason and Enlightenment values” ist sicherlich ein harter Vorwurf, vielleicht einer der härtesten Vorwürfe, wenn man sich wie Pinker primär als Vertreter der Aufklärung sieht. Pinker ist jedoch nicht der einzige Denker, der vom “Als ein/e” genervt ist, Mark Lilla ergeht es ebenso. Vermutlich war es sogar Lilla selbst, der Pinker erst auf den Baum gejagt hat, schließlich dominiert der amerikanische Ideengeschichtler die öffentliche Debatte um linke Identitätspolitik.

Wie oft bei Google in den letzten fünf Jahren nach “identity politics” gesucht wurde. Die beiden Höhepunkte liegen im November 2016 und im August 2017.

Lilla hat als Reaktion auf Trumps Wahlsieg zwei Texte veröffentlicht, zunächst im November 2016 den Essay The End of Identity Liberalism, dann im August 2017 das Buch The Once and Future Liberal – After Identity Politics, mit denen er die Auseinandersetzung um linke Identitätspolitik in die breite Öffentlichkeit getragen hat. Als Reaktion auf Trumps Wahlsieg, weil sich die Linke laut Lilla nur noch mit „Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität“ beschäftigt, wodurch „eine Generation hervorgebracht [wurde], die in narzisstischer Blindheit gegenüber den Lebensrealitäten außerhalb ihrer eigenen Gruppe“ verharrt — und damit durchs Gefangensein in der eigenen Blase das Desaster vom Wahltag erst ermöglicht hat.

Überhaupt gehört “narcissistic” bzw. “narcissism” zu Lillas Lieblingsvokabular, wenn er, der an der Linken verzweifelnde Linke, linke Identitätspolitik kritisiert. Das ewige Drehen um die eigene Identität ist es, was Lilla um den Schlaf bringt, etwa bei den ominösen “Als ein/e”-Sätzen: “So classroom conversations that once might have begun, ‘I think A, and here is my argument’, now take the form, ‘Speaking as an X, I am offended that you claim B’. This makes perfect sense if you believe that identity determines everything. It means that there is no impartial space for dialogue. White men have one ‘epistemology’, black women have another. So what remains to be said?”

Linke Identitätspolitik auf Twitter.

Das ewige “Als ein/e”, über das sich Pinker und Lilla echauffieren, ist nicht der sprachlichen Unfähigkeit oder dem Unvermögen, abstrakte Ideen zu formulieren, geschuldet, sondern Absicht, lässt es sich doch — ebenso wie das noch anstrengendere “Als weiß positionierte Person” der kritischen Weißseinsforschung — aus feministischen und postkolonialen Theorien ableiten. Es ist, zugespitzt, als wollten die Vertreter der linken Identitätspolitik das “not” aus Martin Luther Kings “I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin“ streichen, als wollten sie, dass ein “where they will be judged by the color of their skin” zur Richtschnur darüber erhoben wird, ob etwas wahr oder falsch ist, Geltung beanspruchen kann oder nicht. Was vermutlich auch dazu beiträgt, dass Mark Lilla die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung der Fünfziger und Sechziger so sehr schätzt — und in The Once and Future Liberal den Begriff der linken Identitätspolitik explizit in Abgrenzung zu Martin Luther King & Co. verwendet.

Universelle Werte

Die deutsche Frauenrechterlin Hedwig Dohm hat ihr Buch Der Frauen Natur und Recht, in dem sie das Frauenwahlrecht eingefordert, mit einem bemerkenswerten Satz beendet: “Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.” Der Satz ist nicht nur schnörkellos und eingängig — Punchline! —, er ist vor allem zeitlos; auch fast anderthalb Jahrhunderte später (erschienen ist das Buch 1876) hat er nichts von seiner Gültigkeit verloren, noch heute könnte er problemlos als Demo-Slogan verwendet werden — und das auch in anderen Kulturen; etwa, wenn in Saudi-Arabien das Recht auf Mobilität eingefordert wird.

Dass der Satz so gut fliegt, hat einen simplen Grund, er folgt der Logik der Aufklärung. Ausgangspunkt des Satzes sind universelle Werte — die unteilbaren Menschenrechte —, die dann aufs Konkrete — das Geschlecht — heruntergebrochen werden. Er ist damit objektiv wahr; außer, man erkennt die universelle Gültigkeit der Menschenrechte nicht an. Sinngemäß lautet er also: Wer auch immer an die Gültigkeit der Menschenrechte glaubt, kann Frauen keine Rechte vorenthalten. Klassisches Denken, das auch mal für die Linke bestimmend war.

Von dieser klassischen Herangehensweise, also dem Herunterbrechen aus universellen Werten ins Konkrete, ist jedoch bei den Vertretern linker Identitätspolitik nicht mehr viel zu spüren, stattdessen wird aus dem Konkreten heraus eine Theorie entwickelt; Identität wird zum Dreh- und Angelpunkt des politischen Denkens. Oder, wie Mark Lilla es über den notorischen Hang zu den “Als ein/e”-Sätzen geschrieben hat: “This makes perfect sense if you believe that identity determines everything.”

Wie auch immer man linke Identitätspolitik nun auch konkret definieren will — darüber können sich gerne Enzyklopädisten oder Meisterdenker den Kopf zerbrechen —, diese neue Qualität linken Denkens muss sich in der Definition widerspiegeln. Die Verwendung des Begriffs “linke Identitätspolitik” ist nur dann sinnvoll, wenn man ihn nicht nur in Abgrenzung zur klassischen Linken benutzt, sondern auch in Abgrenzung zu politischen Bewegungen, die sich bloß (im Sinne von: ausschließlich) gegen Diskriminierung, Marginalisierung und Ausgrenzung wenden. Schließlich heißt es “Identitätspolitik”, ein Begriff, der auch auf der sprachlichen Ebene nur Sinn ergibt, wenn “Identität” tatsächlich auch zentral ist.


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