Horrormärchen über Afrika

Auf SPIEGEL-ONLINE ist heute ein Kommentar von Hans-Jürgen Schlamp erschienen, der den Nutzen der bisherigen Form der Entwicklungszusammenarbeit infrage stellt. Das zu machen, ist vollkommen legitim, kann man drüber reden, keine Frage.

Nicht mehr legitim ist es dagegen, mit falschen Zahlen zu operieren. Und das macht der Autor des Artikels in diesem Absatz:

1970 — vor dem Geldregen aus Europa und Amerika — mussten etwa zehn Prozent der Afrikaner mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben; zur Jahrtausendwende waren es etwa dreißig Prozent, inzwischen sind es bis zu zwei Drittel.

Das Problem: In den letzten Jahrzehnten ist die Armut in Afrika gesunken, nicht gestiegen. Afrikaner verdienen nicht nur durchschnittlich (!) mehr Geld als vor der Jahrtausendwende (oder gar 1970), die extreme Armut ist ebenfalls gesunken.

Die ökonomischen Kennzahlen aus Afrika sind nicht so exakt, wie man es sich wünschen würde, weshalb es häufig Differenzen zwischen einzelnen Studien bzw. Statistiken gibt. Der Trend — der Anteil der Armen wird in Afrika geringer — findet sich jedoch übergreifend in allen Studien, wie diese Grafik aus dem Weltbank-Bericht “While Poverty in Africa Has Declined, Number of Poor Has Increased” wunderbar zeigt:

Extreme Armut wird mittlerweile nicht mehr “mit weniger als einem Dollar pro Tag” gemessen, auch wenn es sich schön griffig anhört, stattdessen wird die Grenze bei 1,90 Dollar pro Tag gezogen. Wie sich diese auf der Welt entwickelt hat, zeigt folgende Grafik aus “Our World in Data”:

Die blaue Linie gibt an, wie hoch der Anteil der Leute ist, die mit weniger als einem Dollar und 90 Cent am Tag in Subsahara-Afrika (das ist der ärmste Teil Afrikas) auskommen müssen, die türkisblaue in Nordafrika und im Mittleren Osten.

Woher die Zahlen aus dem SPIEGEL-ONLINE-Kommentar (“1970 […] mussten etwa zehn Prozent der Afrikaner mit weniger als einem Dollar pro Tag überleben; zur Jahrtausendwende waren es etwa dreißig Prozent, inzwischen sind es bis zu zwei Drittel”) stammen, kann ich nicht sagen, sie sind aber mit Sicherheit falsch, da sie hinten und vorne nicht stimmen können. Der Trend geht schließlich genau in die andere Richtung. Allein der Umkehrschluss, dass 90 Prozent der Afrikaner 1970 mehr als einen Dollar pro Tag zur Verfügung gehabt hätten, ist schon absurd genug.

SPIEGEL-ONLINE ist noch immer eine der reichweitenstärksten Nachrichtenseiten Deutschlands, damit geht eigentlich eine gewisse Verantwortung (“Comment is free, but facts are sacred”) einher. Mit falschen Zahlen Horrormärchen über Afrika zu verbreiten, gehört sicher nicht dazu.

Nachtrag, 26. Juni: Mittlerweile hat SPIEGEL-ONLINE den Fehler eingesehen und den Absatz folgendermaßen geändert:

Die Not in Afrika ist derweil immer noch groß. Zwar ist der durchschnittliche Anteil der Menschen, die mit 1,25 Dollar am Tag auskommen müssen, von mehr als 50 Prozent Anfang der achtziger Jahre auf knapp über 41 Prozent im Jahr 2015 gesunken. Doch bewegt sich die absolute Zahl der Armen in Afrika seit Mitte der 1990er Jahre auf konstant hohem Niveau.