Horrormärchen über die Armutsentwicklung

In der neuen Kolumne von Georg Diez auf SPIEGEL-ONLINE finden sich folgende zwei Absätze, in denen Diez sich auf den World Inequality Report beruft:

Wie das funktioniert, sehen wir heute. Vor Kurzem ist der "World Inequality Report" erschienen, und er ist so faszinierend wie deprimierend. Der Report liest sich wie das Porträt einer Welt ohne Maß und Mitte, verloren vor den Kräften des Kapitalismus, der seit 1980 ein System für Starke und Egoistische ist und keine tragfähige Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft.
Das Fazit des Reports ist nicht überraschend: Die oberen ein Prozent werden und reicher, die unteren 50 Prozent, die Hälfte der Gesellschaft, wird ärmer und ärmer, nicht nur in den USA, nicht nur in Europa, weltweit werden die Extreme immer größer, was Einkommens- und vor allem Besitzverteilung angeht.

Das Problem: Die Aussage, dass die unteren 50 Prozent ärmer und ärmer werden, ist nicht nur falsch, sondern widerspricht auch den Ergebnissen des World Inequality Report, auf den sich der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist beruft. Und das fast schon diametral, denn in dem Report werden explizit Einkommenszuwächse bei den Armen benannt (EXSUM auf Deutsch, S. 7): “Dank des hohen Wachstums in Asien (insbe­sondere in China und Indien) sind die Einkom­men der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung deutlich gestiegen.”

Die Hintergründe hierfür lassen sich relativ kurz erläutern, in den letzten Jahrzehnten ist die Wirtschaftskraft auf allen Kontinenten erheblich gestiegen. Der sprichwörtliche Kuchen, der unter allen Menschen verteilt werden kann, hat also erheblich an Größe zugelegt. Was der World Inequality Report hierbei jedoch moniert, ist, dass sich die Reichsten einen weit überdurchschnittlichen Anteil der Wohlstandszuwächse sichern konnten, während die Mittelschicht sich nur geringfügig verbessern konnte, die Armen hingegen — die die Wohlstandszuwächse am dringendsten nötig haben — konnten ihre materielle Lage dank des Wachstums mäßig verbessern.

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen, die materielle Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar für alle Einkommens- und Vermögensgruppen verbessert, die mit Abstand fettesten Zugewinne konnten aber ausgerechnet diejenigen Menschen einfahren, die so schon am meisten Geld haben. Und das je nach Region in einem unterschiedlichen Maße, in den USA erging es den Reichen nochmals besser als den Reichen in Europa, obwohl auch auf unserem Kontinent die Reichen schon weitaus stärker als die Gering- und Mittelverdiener zulegen konnten.

Aber was bedeutet diese wachsende Ungleichheit für die Armen? Der World Inequality Report benennt für die ärmsten 50 Prozent folgende Einkommensentwicklung, wobei die zukünftige Entwicklung nach Ansicht der Autoren entscheidend davon abhängen wird, wie groß das Kuchenstück noch wird, das sich die Reichsten vom Wohlstandskuchen sichern können:

Quelle: EXSUM World Inequality Report, S. 17

In der Vergangenheit konnten die Armen Einkommenszuwächse erzielen, in allen drei Zukunftsszenarien ebenfalls — nur halt in einem unterschiedlichen Umfang. Wenn es gelingt, das Wachstum der Ungleichheit auf dem Niveau Europas zu beschränken, verdienen die unteren 50 Prozent im Jahr 2050 im Durchschnitt 9.100 Euro, bei dem der USA 4.500 Euro. Zum Vergleich: 1980 waren es 1.600 Euro, also noch nicht einmal fünf Euro pro Tag.

Wie man es dreht und wendet, ist der Satz aus dem SPIEGEL-ONLINE-Text, dass die unteren 50 Prozent ärmer und ärmer werden, also falsch. Und das ist aus mindestens drei Punkten problematisch:

  1. Der World Inequality Report wurde nicht aus Spaß oder Langeweile von mehr als 100 Wissenschaftlern zusammengetragen, sondern mit mehreren konkreten Zielen. In der deutschsprachigen EXSUM wird etwa als allererstes folgende Zielsetzung benannt: “Der Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018 soll zu einer besser informierten, weltweiten demokratischen Debatte zur ökonomischen Ungleichheit beitragen, indem neueste und umfassende Daten für die öffentliche Diskus­sion bereitgestellt werden.” Beim Lesen der Zeilen auf SPIEGEL-ONLINE dürften die Autoren vom “World Inequality Report” daher vermutlich verzweifelt mit dem Kopf auf den Schreibtisch schlagen, so verdreht werden ihre Ergebnisse.
  2. Auch wenn der amtierende amerikanische Präsident ein entspanntes Verhältnis zu Fakten an den Tag legt, heißt das noch lange nicht, dass er in dieser Hinsicht als Vorbild taugt. Ganz im Gegenteil, wenn kontrafaktische Aussagen en vogue sind, ist es umso wichtiger, bei den Tatsachenbehauptungen pedantisch zu sein. Falsche Statistiken oder Falschzitate haben in der Debatte nichts verloren, Qualitätsmedien wie SPIEGEL-ONLINE sollten sich solchen Schrott schon gar nicht zu eigen machen, auch nicht in einer Kolumne.
  3. Das letzte “A” in Donald Trumps “MAGA” ist nicht redundant, sondern essenziell; impliziert das “Make America Great Again” doch, dass es mit Amerika bergab gegangen ist, dass es früher einmal besser war. Und diesen Gesang vom Niedergang stimmen alle autoritären Rechtsbewegungen an, von PEGIDA (“Gute Nacht, Deutschland!”) über die wahren Finnen der Perussuomalaiset bis hin zum französischen Front National. Dadurch, dass SPIEGEL-ONLINE jetzt entgegen der überprüfbaren Fakten die vermeintliche Tatsache in die Welt setzt, dass die Armen immer ärmer werden, dürfte das unselige reaktionäre Denken vom allgemeinen Niedergang nur weiter gestärkt werden — auch wenn der SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist vermutlich ganz andere Intentionen hatte.