Horrormärchen über die Entwicklung der Sklaverei

Unter der Überschrift “Es gibt heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels” hat die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit der deutschen Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann wiedergegeben, in dem Hartmann die Gelegenheit erhält, ihren neuen Dokumentarfilm “Die Grüne Lüge” vorzustellen, der derzeit in den Kinos läuft.

Die leicht reißerisch anmutende Überschrift stammt aus einem Absatz, in dem Hartmann die weltweiten Produktionsbedingungen mitsamt den Folgen für Mensch und Umwelt mit folgenden Worten anprangert:

Wir sind Teil einer Gesellschaft, die systematisch auf Kosten anderer lebt. Es gibt heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels, auch in Relation zur Gesamtbevölkerung. Palmöl ist das billigste Fett der Welt. Warum? Weil Palmölkonzerne in Indonesien indigenen Völker das Land wegnehmen und illegal Wald niederbrennen können. Also haben die Menschen, die sich nirgends mehr selbst versorgen können, gar keine andere Wahl mehr, als zu miserablen Bedingungen in den Plantagen zu arbeiten.

Der entscheidende Satz, “Es gibt heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels, auch in Relation zur Gesamtbevölkerung”, führt dem Leser das Elend auf unserer Welt auf drastische Art und Weise vor Augen. Nur, ist er überhaupt wahr? Stimmt es, was Hartmann zur Promotion ihres Filmes “Die Grüne Lüge” behauptet?

Es ist alles etwas kompliziert, aber dafür muss erst einmal nachgezeichnet werden, wie es überhaupt zu einer solchen Behauptung kommen kann. Und dafür muss man sich die derzeit gebräuchliche Definition zur Sklaverei anschauen, da diese von dem abweicht, was zur Zeit des Sklavenhandels als Sklaverei aufgefasst wurde.

Internationale Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen verwenden bei der sogenannten contemporary slavery bzw. modern slavery eine Definition von Sklaverei, die im Kern auf drastischer Unfreiheit und Ausbeutung basiert. Nicht mehr nur Menschen, die sich im Eigentum einer anderen Person befinden, gelten als Opfer von Sklaverei, sondern auch alle Opfer von Zwangsarbeit, worunter häufig auch insbesondere Zwangsprostituierte fallen. Hinzu kommen die Opfer von Zwangsehen, von Kinderarbeit, von Zwangsmigration und von den noch erhaltenen Formen traditioneller Sklaverei, beispielsweise Trokosi. Damit handelt es sich um eine Definition, die deutlich breiter als der klassische Begriff der Sklaverei gefasst ist. Und das aus gutem Grund, schließlich werden den Betroffenen auch noch die elementarsten Rechte vorenthalten; sie leben in Verhältnissen, deren Ausbeutungscharakter so brutal ist, dass modern slavery die miserable Lage treffend beschreibt.

Über die Anzahl der weltweit Betroffenen von modern slavery gibt es Schätzungen, etwa den jährlich erscheinende Global Slavery Index, dessen Ergebnisse zwischen 35.8 Millionen (2014), 45,8 Millionen (2015) und 40,3 Millionen (2016) schwanken. Eine Schwankung, die sich vor allem aus der unsicheren Datenlage erklären lässt. Die wiederum daraus resultiert, dass modern slavery illegal ist, weshalb die Erfassung alles andere als einfach ist — schließlich meldet kein Zuhälter die Anzahl seiner Zwangsprostituierten an die Behörden. Zudem tritt modern slavery vor allem in den ärmsten Ländern auf, in denen die Datenerhebung generell schwierig ist — für das reiche Deutschland, in dem es für so ziemlich alles eine Statistik gibt, wird die Zahl der Opfer vom Global Slavery Index auf rund 14.500 geschätzt, eine Zahl, die man allerdings ebenfalls mit Vorsicht genießen sollte.

Dass die Zahlen trotz der vorhersehbaren Ungenauigkeiten erhoben werden, hat zwei (Haupt-)Gründe. Erstens geht es darum, für die Wissenschaft und für andere staatliche, überstaatliche und nichtstaatliche Organisationen einen Erkenntnisgewinn zu erzielen, indem wenigstens das ungefähre Ausmaß und die ungefähre regionale Verbreitung von modern slavery bestimmt wird. Zweitens geht es darum, den NGOs Informationen an die Hand zu geben, mit denen sie Bewusstsein für modern slavery schaffen können. Mit den Zahlen ist es schließlich erheblich leichter, in die Presse zu kommen, wodurch die NGOs dann Aufmerksamkeit für ihre Anliegen — Bekämpfung des Menschenhandels, der Kinderarbeit, der Zwangsehen etc. — schaffen können. Von daher verwundert es auch nicht, dass der Global Slavery Index von der Internationalen Arbeitsorganisation der UN und der Walk Free Foundation erhoben wird, einer NGO, die sich die Bekämpfung der modernen Formen der Sklaverei zum Ziel gesetzt hat.

Um das zweite Ziel der Datenerhebung — also der Generierung von Aufmerksamkeit — zu erzielen, veröffentlichen die NGOs nicht nur die Zahlen, sondern sie arbeiten auch recht gerne mit Vergleichen, um die ansonsten doch recht abstrakten Zahlen fassbar zu machen. Und dort werden Vergleiche gewählt, die das Ausmaß der Verbreitung von modern slavery möglich drastisch vor Augen führen, womit wir uns langsam wieder Kathrin Hartmann und ihrer Dokumentation “Die Grüne Lüge” annähern. Und zwar wird das Ausmaß der modern slavery regelmäßig mit dem Ausmaß der klassischen Sklaverei verglichen. Gibt man “more people in slavery today than” (in Anführungszeichen!) bei Google ein, erhält man “ungefähr 47.600 Ergebnisse”, die fast alle mit “at any time in human history” oder mit ähnlichen Formulierungen enden. Auf Deutsch: Mit der modern slavery gibt es so viele Sklaven wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Eine Aussage, die fast schon gesetzt ist, sobald neue Zahlen über das Ausmaß der modern slavery vorgestellt werden sollen.

Alternativ wird die modern slavery häufig in Relation zur Sklaverei zur Zeit des Sklavenhandels gesetzt. So wurden vom 16. bis ins 19. Jahrhundert nach heutigen Schätzungen insgesamt (!) 30 Millionen Sklaven verkauft, davon rund 12 Millionen nach Nord- und Südamerika. Zudem wirkt die Zahl von gegenwärtig 40 Millionen Opfern von modern slavery erheblich drastischer, wenn man sich vor Augen führt, dass es in den Vereinigten Staaten von Amerika zum Zeitpunkt der Abschaffung der Sklaverei rund 4,5 Millionen Sklaven gab.

Diese Vergleiche kann man anstellen, sie sind noch irgendwie legitim (zumindest außerhalb der Wissenschaft), aber schon grenzwertig. Grenzwertig, da unterschiedliche Definitionen von Sklaverei verwendet werden, modern slavery ist schließlich deutlich breiter definiert als der klassische Begriff der Sklaverei. Um es konkret zu verdeutlichen: Leibeigenschaft — die damals weit verbreitet war — wurde zur Zeit des Sklavenhandels nicht unter dem Begriff der Sklaverei subsumiert, würde man jedoch die Definition von modern slavery heranziehen, fiele Leibeigenschaft jedoch darunter. Gleiches gilt natürlich auch für Kinderarbeit und Zwangsehen, zwei Phänomene, die zur Zeit des Sklavenhandels auch weit verbreitet waren, aber ausschließlich bei der heutigen modern slavery berücksichtigt werden. Wie gesagt, diese Vergleiche der unterschiedlichen Formen von Sklaverei sind noch irgendwie legitim, man sollte sich dabei immer nur bewusst machen, dass aufgrund der unterschiedlichen Definitionen Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Noch folgenschwerer — und das kann sich eigentlich jeder selbst denken — macht sich jedoch das enorme weltweite Bevölkerungswachstum bemerkbar. Um 1800 gab es noch weniger als eine Milliarde Menschen auf der Welt, mittlerweile sind es mehr als siebeneinhalb Milliarden.

Bevölkerungsentwicklung in den Vereinigten Staaten von 1700 bis heute. Quelle: Our World in Data

Als die Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika 1865 abgeschafft wurde, hatte das Land geschätzt 4,5 Millionen Sklaven bei einer Gesamteinwohnerzahl von gerade einmal 36 Millionen, was auf 12,5 Prozent Sklaven hinausläuft. Bei der heutigen Bevölkerungszahl von 320 Millionen wären das rund 40 Millionen Sklaven; die Vereinigten Staaten von Amerika hätten also allein (!) schon so viele Sklaven, wie es heute weltweit (!) Menschen gibt, die unter modern slavery leiden. Es ist das alte Spiel mit relativen und absoluten Zahlen, gegenüber der Zeit des Sklavenhandels ist (wenn man schon die unterschiedlichen Sklaverei-Definitionen gelten lässt) die absolute Zahl der unter Sklaverei lebenden Menschen gestiegen, die relative jedoch gesunken.

Entsprechend wählen NGOs wie die International Justice Mission auch folgende Vergleiche, die zwar mit dem fragwürdigen Äpfel-Birnen-Vergleich der unterschiedlichen Sklaverei-Definitionen arbeiten, dabei jedoch wenigstens noch das globale Bevölkerungswachstum berücksichtigen:

There are actually more people in slavery today than in any other time in human history. It’s estimated that there are about 35 million people held in slavery in the world today. The Global Slavery Index just came out last month, which is the annual authoritative estimate on slavery, and their estimate is 35 million. That’s more people than were extracted from Africa during 400 years of the transatlantic slave trade. So it’s true that a smaller proportion of people are in slavery than ever, so that’s good news. A smaller portion of the world’s economy operates on slavery, that’s good news. But in absolute numbers there are more people in slavery today than any other time.

Die Behauptung von Kathrin Hartmann, “Es gibt heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels, auch in Relation zur Gesamtbevölkerung”, entspricht also nicht der Wahrheit. Ganz im Gegenteil, in Relation zur Gesamtbevölkerung gibt es weniger Menschen, die unter der Sklaverei bzw. der modern slavery leiden — und eben nicht “mehr”.

Dabei muss es noch nicht einmal Bösartigkeit sein, was Hartmann zu der Falschaussage treibt, sondern vermutlich eher der eigentlich gute Wille, das Unrecht auf der Welt nicht hinzunehmen. Um Aufmerksamkeit fürs Unrecht dieser Welt (und ihren Film “Die Grüne Lüge”) zu erzeugen, wird so lange dramatisiert, bis die Fakten über Bord gehen. Und wenn dabei im Umkehrschluss das Ausmaß der Sklaverei zur Zeit des Sklavenhandels verharmlost wird: Kollateralschaden im Dienste der guten Sache.

Dummerweise kommt bei diesem von keiner Selbstkritik getrübten “Wir sind die Guten”-Syndrom jedoch auch noch die unselige Bereitschaft von einigen Redaktionen hinzu, Behauptungen von Menschen leichtfertig zu vertrauen, wenn diese nur hehre Motive haben. Statt bei der vollkommen krassen Aussage — auch relativ mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels, wtf?! — aufzuhorchen und kritisch nachzuhaken, finden sich Teile der Aussage als Aufhänger in der Überschrift wieder.

Es sind halt nicht nur Menschen wie Donald Trump oder Pegida-Bachmann, die faktenbefreite Horrormärchen in die Welt setzen, sondern auch sendungsbewusste Menschen mit eigentlich guten Absichten. Und statt der eigenen Gatekeeper-Funktion nachzukommen, sorgen die Redaktionen auch noch dafür, dass sich die Horrormärchen weiterverbreiten. Es gibt schließlich Leser der SZ, die das glauben, was in der SZ steht. Soll tatsächlich vorkommen.

Und das Verbreiten von Horrormärchen ist eben kein folgenloser Spaß, egal, ob es um die vermeintliche Verschlechterung der Luftqualität in den Städten, der vermehrten Vergewaltigungen und Morde, der Zunahme der weltweiten Armut, der extremen Armut oder der relativen Armut in Afrika geht. Jedes Horrormärchen verstärkt die reaktionäre Vorstellung davon, dass das Früher besser als das Heute war, womit letztlich AfD und Konsorten gestärkt werden. Ganz gleich, wie gut eigentlich die ursprünglichen Intentionen waren.


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