Horrormärchen über die extreme Armut

Nachhaltigkeit statt Wirtschaftswachstum, für das viermal im Jahr erscheinende Magazin taz FUTURZWEI hat die Generalsekretärin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Dr. Maja Göpel, unter dem Titel “Das Öko-Update” eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eingefordert. Dr. Maja Göpel, die auch Mitglied des Club of Rome ist und der Degrowth- bzw Postwachstums-Bewegung nahesteht, zeichnet in dem Text ein verheerendes Bild unserer gegenwärtigen Wirtschaftsweise, um anschließend die drei wichtigsten Aspekte der von ihr geforderten neuen “Utopie und Ökonomie für das 21. Jahrhundert” zu skizzieren.

Unter anderem findet sich in dem Text auch diese beiden Absätze:

Lebensqualität ist eben genau das, was das Wort ausdrückt: eine Qualität und nicht eine Quantität, abhängig von Faktoren wie Gesundheit, Sicherheit, gelingenden Beziehungen, gesellschaftlicher Teilhabe und relativen wie verlässlichen Einkommen. Sie wird deshalb auch auf Skalen von null bis zehn gemessen und als fluktuierend angenommen. Endlos steigen kann und soll nur das BIP. Das hat es auch getan. Von weltweit 25 Billionen US-Dollar im Jahr 1992 auf 75 Billionen Dollar im Jahr 2016.
Selbst bei dem starken Bevölkerungswachstum der letzten Jahrzehnte wären das heute gut zehntausend Dollar pro Kopf verglichen mit knapp fünftausend im Jahr 1992. Dennoch leben weiter anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut und die reichsten acht Männer besitzen so viel wie dreieinhalb Milliarden Menschen zusammen.

Abgesehen davon, dass es sich bei dem doch sehr beliebten Satz von den acht Männern, die angeblich so viel wie dreieinhalb Milliarden Menschen besitzen, um ein umstrittenes Produkt der Öffentlichkeitsarbeit der Hilfsorganisation Oxfam handelt, ist das “Dennoch leben weiter anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut” bezeichnend. Bezeichnend, weil die Behauptung schlichtweg nicht stimmt. Die Erhebung der weltweit in extremer Armut lebenden Menschen obliegt der Weltbank, die in ihrer letzten Berechnung auf 783 Millionen Menschen kam — und das für 2013, die Zahlen für 2015 werden vermutlich im Oktober 2018 veröffentlicht (Datenerhebungen auf globaler Ebene brauchen einfach Zeit).

Es sind — zum Glück! — also nur halb so viele Menschen, die in extremer Armut leben. Aber es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der “anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut” lebten, das müsste zwischen den beiden Erhebungsjahren 2005 (1,36 Milliarden in extremer Armut) und 2002 (1,65 Milliarden in extremer Armut) gewesen sein, also entweder 2003 oder 2004. Und 1992 — ein Jahr, auf das Dr. Maja Göpel sich bezieht — dürften es gut 1,9 Milliarden Menschen gewesen sein. Schließlich geht die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen seit Jahren deutlich zurück. Und das trotz des starken Bevölkerungswachstums, wie diese Grafik von Our World in Data anschaulich zeigt:

Anzahl der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben. Quelle: Our World in Data

Von der Mondlandung gibt es wunderbare Fotos, aber wenn man sich mal fragt, was die größten Erfolge der Menschheit in den letzten hundert Jahren waren, dann fallen einem Sachen ein, von denen es in der Regel keine spektakulären oder gar ikonographischen Fotos gibt. Dass es deutlich mehr demokratische Staaten gibt, die zudem die Menschenrechte achten, dass das Frauenwahlrecht global durchgesetzt wurde, dass es erheblich weniger Kriege, Bürgerkriege und Gewalttote auf der Welt gibt, dass die Grüne Revolution Abermillionen Menschen vor dem Hungertod bewahrt hat, dass es gelungen ist, die Pocken auszurotten. Und eben die Reduktion der extremen Armut trotz enormen Bevölkerungswachstums, wodurch Milliarden Menschen ein Leben unter den erbärmlichsten Verhältnissen erspart wurde — im Durchschnitt sind es sogar alle 1,2 Sekunden, in denen ein Mensch der extremen Armut entkommt. Dummerweise gibt es davon aber keine Fotos (und auch keine Sondersendungen im Fernsehen), weshalb das “Dennoch leben weiter anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut” von Dr. Maja Göpel vermutlich von den meisten Lesern auf Anhieb geglaubt wird.

Es lassen sich unzählige Faktoren anführen, die zum Rückgang der extremen Armut beigetragen haben, zum Teil spielen sogar die anderen großen Menschheitserfolge hinein. Krankheiten etwa töten nicht nur Menschen, sondern sind auch Wohlstandsvernichter; die Dividende aus der Pocken-Ausrottung kassieren wir noch heute. AfD-Anhänger und Islamisten jeglicher Couleur dürften es nicht gerne hören, aber die Gleichberechtigung von Mann und Frau wirkt sich postiv auf die Wirtschaft und das Bildungsniveau nachfolgender Generationen aus — und ohne den globalen Siegeszug des Frauenwahlrechts wären Frauen (noch) schlechter gestellt. Drecksregime treten nicht nur die Menschenrechte mit Füßen, sondern gefährden die wirtschaftliche Entwicklung; dass es deutlich mehr demokratische Staaten gibt, dürfte erheblich zu den Wohlstandsgewinnen der letzten Jahrzehnte beigetragen haben. Dass Kriege, Bürgerkriege und Hunger zudem Wohlstandskiller sind, dürfte sich auch auf Anhieb erschließen.

Weltweites Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Quelle: Weltbank

Es sind unzählige Faktoren, die dazu beigetragen haben, aber am Ende ist die Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten erheblich schneller als die Weltbevölkerung gewachsen; der globale Wohlstand ist in den letzten Jahrzehnten so stark angestiegen, dass das Bevölkerungswachstum überkompensiert werden konnte. Und das vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die in den letzten Jahren ein erheblich höheres Wirtschaftswachstum als die entwickelten Volkswirtschaften erzielen konnten.

Wirtschaftswachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern, in den entwickelten Volkswirtschaften und auf der Welt. Quelle: IMF

Das drastischste Beispiel ist sicherlich China, 1980 betrug das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt gerade mal 191 Milliarden Dollar, heute sind es mehr als 11 Billionen Dollar, während die Bevölkerung von einer Milliarde Menschen auf rund 1,4 Milliarden Menschen anwuchs. Damit sind die Chinesen nach deutschen Maßstäben zwar noch immer arm — das Bruttoinlandsprodukt beläuft sich gerade mal auf 8.100 Dollar pro Kopf — aber gemessen daran, dass das Land mal das Armenhaus der Welt war, ist der Wohlstand dramatisch gewachsen. Und das schlägt sich auf die extreme Armut durch, und zwar ähnlich drastisch:

Der blaue Graph gibt den Anteil der Chinesen, die in extremer Armut leben, wieder; der rote den Anteil der in extremer Armut lebendenden Menschen an der Weltbevölkerung und der grüne den Anteil der in extremer Armut lebendenden Menschen an der Weltbevölkerung, wenn man China herausrechnen würde. Quelle:Our World in Data

Lebten 1980 noch mehr als 80 Prozent der Chinesen in extremer Armut, sind es heute weniger als zwei Prozent, eine Erfolgsgeschichte, die ohne das hohe Wirtschaftswachstum gar nicht denkbar wäre. China ist zwar das drastischste Beispiel, aber auf allen Erdteilen ist der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben müssen, dank der steigenden Wirtschaftskraft gesunken. Einzig bei Subsahara-Afrika sinkt die extreme Armut nur in relativen Zahlen, alle anderen Weltregionen können sogar eine Armutsreduktion in relativen und absoluten Zahlen vorweisen.

Dass Dr. Maja Göpel dennoch sehr salopp mit den Fakten umgeht und mit ihrem “Dennoch leben weiter anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut und die reichsten acht Männer besitzen so viel wie dreieinhalb Milliarden Menschen zusammen” stattdessen auf die Reichsten der Reichsten verweist, ergibt natürlich Sinn, wenn man Dr. Maja Göpel nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Degrowth-Aktivistin versteht. “Dank des Wirtschaftswachstums ist es zwar gelungen, Milliarden Menschen aus der extremen Armut zu befreien, jedoch … “ wäre dagegen zwar deutlich redlicher, aber alles andere als hilfreich, wenn man die Degrowth-Positionen unter die Leute bringen will. Und niemand schießt sich schon gerne ins eigene Knie.

Dummerweise ist Dr. Maja Göpel nicht die einzige Person, die ein entspanntes Verhältnis zu den Fakten an den Tag legt, wenn es der guten Sache hilft. Die eine Person will — vollkommen zu Recht! —skandalöse Arbeits- und Ausbeutungsbedingungen thematisieren, erzählt dann aber Horrormärchen über die Entwicklung der Sklaverei, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Eine andere Person will die noch immer gesundheitsbelastende Luftbelastung skandalisieren, greift dafür aber auf faktenbefreite Horrormärchen über die Luftverschmutzung zurück. Wieder eine andere Person will die globale Ungleichheit kritisieren, erfindet dafür aber Horrormärchen über die weltweite Armutsentwicklung. Und wieder eine andere Person will auf den spärlichen Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit hinweisen, erzählt dabei dann aber Horrormärchen über Afrika, die nichts mehr mit den tatsächlichen Lebensbedingungen auf dem Kontinent zu tun haben.

Die Intentionen mögen ja allesamt gut sein, das Ergebnis ist jedoch wenig hilfreich, schließlich könnte es ja Menschen geben, die die Horrormärchen glauben. Die dann irgendwann zu dem naheliegenden Umkehrschluss gelangen, dass es früher einmal besser war. Und wenn erst einmal das unselige “Früher war alles besser” in den Köpfen ist, dann ist es auch nicht mehr weit bis zum Kreuz bei den reaktionären Parteien, womit der wahre Horror seinen Lauf nimmt.

Nachtrag, 18.10.2018: Dank Twitter habe ich mittlerweile herausbekommen, wie die Generalsekretärin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Dr. Maja Göpel, auf die 1,5 Milliarden Menschen kommt, die angeblich in extremer Armut leben würden.

Und zwar liegt hier eine Verwechselung vor, Dr. Maja Göpel verwechselt den Multidimensional Poverty Index (MPI) mit extremer Armut. Der MPI gibt jedoch mehrdimensionale Armut wieder (da fließen Bildung, Gesundheit und Lebensstandart ein), während die extreme Armut die absolute Armut wiedergibt (Dollar pro Kopf). Da die mehrdimensionale Armut jedoch erheblich ausgeprägter als die extreme Armut ist, kommt sie durch diese Verwechselung der Begriffe dann auf den nicht zutreffenden Satz, dass “weiter anderthalb Milliarden Menschen in extremer Armut” leben würden.


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