Horrormärchen über Vergewaltigung, Brutalität und Morde an Frauen und Homosexuellen

Auf SPIEGEL ONLINE, nach Eigenangabe Deutschlands führende Nachrichtenseite, finden sich unter der Überschrift “Krise der Männlichkeit” in einer Kolumne von Sibylle Berg folgende Absätze:

Der zweite Absatz (“Weltweit nehmen Vergewaltigung, Brutalität und Morde an Frauen und Homosexuellen zu.”) kommt mit ordentlich Wumms daher. Ein kurzer, schnörkelloser Satz, keinen Widerspruch duldend, der einen ganzen Absatz bildet. Stilistisch perfekt.

Das Problem: SPIEGEL ONLINE hat den Inhalt exklusiv.

Man kann das halbe Internet nach ähnlichen Erkenntnissen durchsuchen, man findet jedoch nichts, was eine weltweite Zunahme von “Vergewaltigung, Brutalität und Morde an Frauen und Homosexuellen” stützen würde. Das Elend fängt schon damit an, dass es nur wenige Studien gibt, die sich überhaupt an einer Quantifizierung des globalen Ausmaßes von sexueller Gewalt gegen Frauen versuchen. Einen zweiten Schritt — also zu sagen, wie sich das Ausmaß im zeitlichen Verlauf geändert hat — traut sich dann offenbar schon niemand mehr zu. Ähnliches gilt für Übergriffe gegen Homosexuelle, auch hier finden sich praktisch keine belastbaren Zahlen, geschweige denn Aussagen über die Entwicklung. Abgesehen von SPIEGEL ONLINE stochern alle im Nebel.

Pflegt ein entspanntes Verhältnis zu Fakten: US-Präsident Trump.

Auf Nachfrage, worauf sie ihre Behauptung stützt, dass Vergewaltigung, Brutalität und Morde an Frauen und Homosexuellen zunehmen, hat die Autorin von SPIEGEL ONLINE auf die Webseite “Gewalt gegen Frauen” verwiesen, womit höchstwahrscheinlich die vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe betriebene Webseite “Frauen gegen Gewalt” gemeint sein dürfte. Eine vom Bund geförderte Webseite, auf der neben Hilfs- und Kontaktadressen auch eine umfangreiche Sammlung an Broschüren und Materialien rund um Gewalt gegen Frauen angeboten wird. Doch das Problem ist auch hier dasselbe, auch auf Frauen gegen Gewalt findet sich nichts, was auf eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen deuten würde. Was vermutlich daran liegt, dass Frauen gegen Gewalt eine seriöse Webseite ist — und die dort dokumentierten Formen von Gewalt gegen Frauen so schon furchtbar genug sind, dass man es nicht nötig hat, zur Dramatisierung auf fragwürdige Behauptungen zurückzugreifen.

Und genau das macht SPIEGEL ONLINE. Statt zu schildern, wie furchtbar Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle ist, pimpt man den Text durch eine dramatische Tatsache auf. Eine Tatsache, die man jedoch komplett exklusiv hat — und daher vermutlich für eben diesen Zweck erfunden hat. Ein Phantasieprodukt, das als Wirklichkeit ausgegeben wird.

Stellt einen entspannten Umgang mit Fakten zur Debatte: SPIEGEL-Miteigentümer Jakob Augstein.

Es ist in Deutschland schwer angesagt, sich über den amerikanischen Fernsehsender Fox News und dem fragwürdigen Umgang von Fox News mit Fakten lustig zu machen. Und, keine Frage, Fox News ist ein Saustall, mit anständigem Journalismus hat der Agitprop-Laden nun echt nichts am Hut. Wenn jedoch “Deutschlands führende Nachrichtenseite” (Eigenbezeichnung) einen ähnlich entspannten Umgang mit Fakten an den Tag legt, nur weil’s den Texten mehr Wumms verleiht, dann sollte man sich vielleicht doch eher an die eigene Nase fassen und fragen, was in Deutschland eigentlich falsch läuft.

Wo gerne schwarz gemalt wird: SPIEGEL-Cover von dieser Woche.

Hass und Lügen, Michelle Obamas Antwort auf die rechten Scharfmacher, die einen allzu entspannten Umgang mit überprüfbaren Tatsachen pflegen, war ein schlichtes “When they go low, we go high”. Eigentlich auch ein gutes Motto für den deutschen Journalismus; allemal besser, als sich wie SPIEGEL ONLINE die Methoden von Fox News selbst anzueignen.

Siehe auch:


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