Kleiner Nachtrag zum Engelschen Gesetz und der grünen Blase

Unschwer zu erkennen, handelt es sich bei “Das Engelsche Gesetz und die grüne Blase” bei den Salonkolumnisten um eine Polemik. Wie bei allen Polemiken, wird auch hier mit nicht ganz sauberen Verallgemeinerungen, Zuspitzungen und dem unseligen argumentum ad hominem gearbeitet. Leider wird dabei jedoch noch drei Meter übers Ziel hinausgeschossen. Der Ton ist teilweise echt daneben, das Fatshaming bei Michael Moore hätte man sich — in diesem besonders unangenehmen Fall: ich — auch sparen können.

Ein paar Tage nach dem Veröffentlichen der Polemik bin ich zufällig über die Studie “Fair. Von der Nische zum Mainstream” vom doch recht angegrünten Zukunftsinstitut gestolpert, die das Institut für die Westfalenhallen Dortmund GmbH zur Messe “Fair Trade & Friends” erstellt hat. Neben einem unfreiwillig komischen Buzzword-Feuerwerk mit Begriffen wie “Megatrend Neo-Ökologie”, “Glokalisierung” und “New-Local-Konsumenten” finden sich dort auch folgende Sätze:

Auch in den Emerging Markets wird sich Nachhaltigkeit zum Distinktionsmerkmal entwickeln: Denn ökosoziale Produkte sind teurer, besitzen die Aura des Exklusiven und Individuellen, die sich nur die Mittel- und Oberschicht leisten kann — und auch gern zur Schau stellt. Fair entwickelt sich weltweit zum neuen Bio: weg aus der Mitleidsecke der Entwicklungshilfe, hin zu einem Vorzeigestandard im Konsum, der Prestige und Mehrwert mit sich bringt.

Bei diesen Sätzen handelt es sich nicht um eine Polemik, auch ist es keine Satire oder eine Parodie auf die Mütter vom Kollwitzplatz, die meinen das wirklich ernst. Die hauen einen Satz wie “Denn ökosoziale Produkte sind teurer, besitzen die Aura des Exklusiven und Individuellen, die sich nur die Mittel- und Oberschicht leisten kann — und auch gern zur Schau stellt” nicht nur raus, ohne vor Scham im Boden zu versinken, nein, sie finden diese “Ich bin ein besserer Mensch als du, denn ich kann mir teurere Sachen leisten”-Attitüde auch noch voll okay. Und richtig.

Deshalb bin ich überzeugt, dass beim “Engelschen Gesetz und der grünen Blase” der Ton zugegebenermaßen daneben war, der Inhalt jedoch zutrifft.

Das grüne Milieu shoppt aus vollen Taschen moralische Überheblichkeit.

Zum Abschluss ein paar ungeordnete Gedanken:

  • Hört sich nerdig an, aber ökonomische Gesetze können Spaß bringen, wenn man sie auf unterschiedliche Ebenen runterbrechen kann.
  • Armut ist ein komplexes Thema, bei dem unzählige Faktoren hineinspielen. Auch wenn Essen für viele Deutsche nur noch eine Genuss- oder Lifestylefrage ist, ist der Lebensmittelpreis einer der Faktoren.
  • Dass das Essen für viele Deutsche nur noch eine Genuss- oder Lifestyle-Frage ist, ist eigentlich eine der größten Erfolgsgeschichten der letzten 150 Jahre. Eigentlich, denn ausgerechnet die größten Profiteure wollen davon nichts mehr wissen. Stattdessen tragen sie dann auch noch die Identitätspolitik in die Küche.
  • Eine vermeintliche Moral, die auf einem überdurchschnittlichen Einkommen basiert, ist eine Unmoral. Das hätten nicht einmal Calvinisten oder päpstliche Ablassverkäufer gewollt.
  • Marieluiese Beck ist eine großartige Politikerin. Damit, dass die Grünen sie nicht mehr zur Bundestagswahl aufgestellt haben, hat sich die Partei einen veritablen Knieschuss verpasst.
  • Wer mal in Hamburg ist, sollte bei Gelegenheit den Isemarkt besuchen, der ist wirklich schön. Und die U-Bahn über den Köpfen verleiht urbanen Flair.
  • In Bremen, Berlin und Hamburg sind die Stadtteile mit der höchsten Lebensqualität das Viertel, der Prenzlauer Berg und Eimsbüttel. Wobei in Hamburg womöglich Schanze und Karoviertel noch mehr zu bieten haben, aber das kann ich nicht beurteilen, denn dort habe ich nie gewohnt.

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