Mark Lilla ist kein Liberaler

Tobias Blanken

Sprache lebt; Begriffe erleben im Laufe der Jahrzehnte Bedeutungsverschiebungen. Eines der Opfer einer solchen Entwicklung ist im Englischen das Wort “liberalism” geworden, dessen Bedeutungsinhalt sich in Nordamerika anders als im Rest der englischsprachigen Welt entwickelt hat. Wikipedia zitiert an dieser Stelle die Encyclopædia Britannica:

Over time, the meaning of the word "liberalism" began to diverge in different parts of the world. According to the Encyclopædia Britannica: "In the United States, liberalism is associated with the welfare-state policies of the New Deal programme of the Democratic administration of Pres. Franklin D. Roosevelt, whereas in Europe it is more commonly associated with a commitment to limited government and laissez-faire economic policies". Consequently, in the United States the ideas of individualism and laissez-faire economics previously associated with classical liberalism became the basis for the emerging school of libertarian thought and are key components of American conservatism. In North America, unlike Europe and Latin America, the word "liberalism" almost exclusively refers to social liberalism. The dominant Canadian party is the Liberal Party and the United States' Democratic Partyis usually considered liberal.

Wenn Briten also “liberalism” (oder ein anderes Wort aus der Wortfamilie) verwenden, dann kann “liberalism” durchaus mit “Liberalismus” ins Deutsche übersetzt werden, da der Bedeutungsinhalt der Wörter auf beiden Seiten des Ärmelkanals identisch ist. Auf “From a liberal perspective” aus dem Mund eines Briten folgen in der Regel Argumente, die in ihrem Kern auf den Freiheitsrechten des Individuums fußen, die Übersetzung “Aus einer liberalen Perspektive” gibt das Ansinnen des Briten daher sauber wieder.

Bei einem Amerikaner hingegen nicht. Wenn Amerikaner “liberalism” verwenden, dann geht es in der Regel nicht um die Freiheitsrechte des Individuums, sondern um eine politische Verortung, die sich noch am ehesten mit “Links der Mitte” auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt. “Liberalism” ist in Amerika ein Label, sehr gerne auch in abwertender Absicht verwendet, das dem unseligen “Gutmenschentum” sehr nahe kommt. “A liberal” ist daher in den USA meist jemand, der den Sozialstaat ausbauen, die Steuern erhöhen, den Waffenbesitz einschränken und den Umweltschutz verschärfen will. Also eben nicht das, was man in Deutschland oder Großbritannien mit dem Adjektiv “liberal” versieht. Kommt “From a liberal perspective” aus dem Mund eines Amerikaners, folgt in der Regel linkes Gedankengut; “Aus linker Perspektive” wäre in diesem Fall die bessere Übersetzung.

Bei Mark Lilla hat das deutsche Feuilleton die Übersetzung des Wortes verbockt. Und zwar komplett, von der FAZ über DIE ZEIT bis hin zum der Freitag, überall wird aus dem “identity liberalism” des Amerikaners “Identitätsliberalismus” gemacht; sobald Mark Lillas Einlassungen zur Identitätspolitik thematisiert werden, wird ein regelrechtes “Liberalismus”-Feuerwerk gezündet. Etwa von Patrick Bahners in der FAZ, bei seinem kurzen Verriss von Lillas Essay “The End of Identity Liberalism” fällt das Substantiv “Liberalismus” gleich viermal, das Adjektiv “liberal” zweimal. Und das auch noch unter dem Titel “US-Debatte zu Donald Trump: Sind die Liberalen schuld?”

Dabei hat Mark Lilla mit dem, was in Deutschland unter der Bezeichnung “Liberalismus” läuft, nichts zu tun, ganz im Gegenteil.

Mark Lillas großes Idol ist, wie aus “The Once and Future Liberal — After Identity Politics” unzweideutig hervorgeht, Franklin D. Roosevelt. Und Roosevelts New Deal, Mark Lilla hat es mit dem Wohlfahrtsstaat. Worum sich sein Denken in “The Once and Future Liberal” hingegen nicht dreht, sind liberale Werte. Mehr noch, bereits 2014 hat er die Vorstellung, dass “individuelle Freiheit […] unter allen Umständen das einzige und höchste politische Gut” sei, als “Dogma” bezeichnet; Mark Lillas Problem mit dem Westen ist nicht ein Mangel an Freiheitsrechten des Individuums, sondern die Überbetonung eben jener Rechte. Mark Lilla ist, vereinfacht dargestellt, ein Old-School-Linker, der will, dass Amerikas Linke den elitären Kokolores der Universitätsstädte hinter sich lässt, raus aufs Land geht und endlich wieder gute, alte linke Politik für The common people macht, statt weiterhin der narzisstischen Identitätspolitik zu frönen. Und eben kein Liberaler.

Auch von Australiern gelesen: Mark Lillas “ The Once and Future Liberal — After Identity Politics”.

Dass das deutsche Feuilleton durchgängig ein Wort falsch übersetzt, kann man jetzt natürlich als Klugscheißerei (ja, vielleicht) oder Belanglosigkeit (nein, sicherlich nicht) abtun. Der Leser, der Amerika und Amerikas Debatten verstehen will, wird dadurch jedoch gedanklich in eine falsche Richtung geschickt, es werden furchtbar schiefe Assoziationen geweckt. Beim Leser kommt dank der Übersetzungsschwäche des Feuilletons an, dass mit Mark Lilla ein Liberaler die Identitätspolitik kritisiert, dabei handelt es sich um linke Kritik an der linken Identitätspolitik aus dem Mund eines Linken.

Außerdem ist es einfach kein Ruhmesblatt für das deutsche Feuilleton, wenn es einen Linken nicht von einem Liberalen unterscheiden kann. Gerade dann, wenn man sich wie Patrick Bahners über Mark Lilla erhebt und einen Verriss über Lillas Denken abliefert.


— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —


Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade