Digitaler Wandel & Nachhaltigkeit

Voraussetzung oder Widerspruch?

Quelle: undp.org

Vergangene Woche habe ich beim österreichischen Umweltbundesamt einen Vortrag zu diesem Thema gehalten. Fazit: Obwohl die Chancen auf einen nachhaltigeren Lebensstil durch Digitaltechnologien riesig sind, sorgt deren Nutzung durch uns derzeit eher für eine schlechtere Ökobilanz. Und mit der gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsbilanz sieht es nicht viel besser aus. Weil viele das nicht wissen oder allenfalls diffus ahnen (so ging’s mir bis vor nicht allzu langer Zeit selbst), und weil wir für eine Änderung dieses Umstands einen Bewusstseinswandel brauchen, veröffentliche ich hier die wichtigsten Gedanken des Vortrags.


Es wäre absurd zu behaupten, dass der digitale Wandel aus dem Blickwinkel globaler Nachhaltigkeitsbetrachtung überhaupt nichts Gutes bewirkt hätte. Allein die zahlreichen Verbesserungen, die durch die massenhafte Verbreitung von Mobilfunk und Smartphones im globalen Süden erzielt wurden, sprechen dagegen. Eine Plattform wie Ushahidi.com, auf der Nutzer Daten für gemeinwohldienliche Zwecke wie Wahlmonitoring oder Krisenreaktion bereitstellen, konnte beispielsweise nur auf dieser technischen Grundlage entstehen.

Quelle: ushahidi.com (Screenshot)

Aber nicht nur von innen, über die massenhaft in Hosentaschen sitzenden Smartphones verändert Technologie Entwicklungschancen, sondern auch gewissermaßen von außen: So ermöglicht die Muster-Analyse von Satellitenbildern heute nicht nur effizientere Landwirtschaft (das sogenannte Smart Farming, das wir immer dringender brauchen, um alle jetzigen und erst recht alle zukünftigen Menschen zu ernähren), sondern es können auf diese Weise auch soziale Strukturen viel zielgenauer ausgewertet werden. Wie immer bei an sich neutraler Technologie lässt sich das einerseits zu rein wirtschaftlichen Zwecken einsetzen (so zum Beispiel durch Investmentfirmen wie Goldman Sachs oder Versicherungen wie die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft), aber eben auch zur Erreichung der globalen Entwicklungsziele. Denn auf hoch aufgelösten Satellitenbildern lässt sich relativ aufwandsarm und großflächig erkennen, wo es Zugang zu Trinkwasser gibt, wo Schulen vorhanden sind — und vor allem: wo (noch) nicht. Zwischenfazit also: Technologie kann ein Segen sein! Man kann mit ihrer Hilfe Menschen aus der Armut führen, Seuchen bekämpfen, weltweit die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung fördern und die Lebensbedingungen auf unserem Planeten für viele Menschen entscheidend verbessern. Und anders als durch den Einsatz guter Technik haben wir auch gar keine Chance, demnächst zehn Milliarden Menschen zu ernähren, ihnen Zugang zu Trinkwasser zu verschaffen und sie medizinisch zu versorgen!

Quelle: developmentseed.org (Screenshot)

Wenn wir den Blick dagegen in die so genannte entwickelte, industriell geprägte Welt richten, dann ergibt sich schnell ein anderes Bild. Auch hier sehen wir gewaltige positive Nutzungspotentiale, die allerdings kaum ausgeschöpft werden (während sich Dystopien beinahe täglich realisieren). Dass technischer Fortschritt bestehende Probleme — gerade ökologische — gewissermaßen nicht von selbst löst, ist kein neues Phänomen. Vielmehr gilt die Gleichung, dass Effizienzgewinne von Skaleneffekten nicht nur aufgefressen, sondern gewissermaßen sogar überkompensiert werden. Das in meinen Augen wunderbarste Beispiel stellt dieses Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst dar:

Quelle: audi4ever.com

In den 1990er Jahren haben Audi und VW begonnen, jene gleichzeitig starken und vergleichsweise verbrauchsarmen Turbodieseleinspritzmotoren mit dem Kürzel TDI in Serienfahrzeugen zu verbauen. Großartig für alle, die an die langsame und vom Klang her traktorähnliche Motorisierung vorangehender Dekaden gewöhnt waren. Gute Fahrleistungen und geringer Verbrauch schienen endlich vereinbar zu sein. Das erste Premium-Modell war im Audi A6 verbaut: ein TDI-Triebwerk mit 5 Zylindern und 2,5 Liter Hubraum. Verbrauch im Drittelmix etwa 8 Liter Diesel, was gegenüber einer vergleichbaren Benzin-Motorisierung einer Einsparung von etwa 25% entsprach. Doch dabei blieb es nicht. Die Autobauer dachten sich: Was in dieser Größe fein ist, das wird in doppelter Größe noch toller sein. Also wurden (vereinfacht gesprochen) zwei 2,5-Liter-Motoren zu einem neuen Super-Aggregat zusammengebaut. 10 Zylinder, 5 Liter Hubraum, jede Menge PS, brutales Drehmoment etc. Mit diesem Motor gewann Audi das legendäre 24-Stunden-Rennen von Le Mans (zum ersten Mal überhaupt, dass das mit einem Dieselmotor gelang). So weit, so gut. Jetzt der Sündenfall: Dieser Motor, der so stark ist, dass er in der Zugmaschine eines 40-Tonnen-Aufliegers Dienst tun kann, wurde in die VW-Serienfahrzeuge Touareg und Phaeton und in den Audi A8 eingebaut. Dabei blieb es nicht: Auch die unteren Klassen wurden auf Basis der TDI-Technologie mit immer leistungsfähigeren Motoren ausgestattet, während der mit rund 3 Litern Diesel auskommende Audi A2 mit einem vergleichsweise viel kleineren, auf Effizienz getrimmten Motor ein Ladenhüter war und eingestellt wurde. Der langen Rede kurzer Sinn: Trotz rasantem Fortschritt in der Antriebstechnologie und in der Aerodynamik ist der Flottenverbrauch von PKW von den 1980er Jahren bis heute kaum gesunken. Wer das weiß, den wundert alles, was rund um den Abgasskandal bei VW und anderen Marken zuletzt ans Licht gekommen ist, überhaupt nicht. Denn die Motoren verbrannten zwar immer sauberer, aber sie wurden halt auch immer größer und leistungsfähiger, so dass es geradezu eine physikalische Einsicht ist, dass das mit immer strengeren Emissionsauflagen für Neuwagen nicht vereinbar war.

Nun kommt die ernüchterndste Nachricht: Das gleiche Prinzip gilt im Grunde für alle anderen Bereiche unseres Lebens, Arbeitens und Konsumierens: E-Books kommen zu den echten Büchern aus Papier hinzu (die Buchverkaufszahlen steigen sogar); unsere Musik-Bibliothek umfasst nicht mehr 100 CDs, sondern 100.000 Titel bei Spotify, Apple Music oder Deezer (oder anderen, oder bei allen gleichzeitig); das Schauen hunderter Stunden Serien bei Netflix, Amazon et al. kommt zum gelegentlichen Fernsehen hinzu; unsere Bank besuchen wir inzwischen häufiger online, aber manchmal auch noch offline (schon wenn wir Bargeld abheben); wir haben das Online-Notizbuch, aber schreiben Geburtstags- und Kondolenzwünsche nach wie vor auf Papierkarten. Diese Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Man nennt das den “Rebound-Effekt”: Der gleiche Output wird mit weniger Input erzielt, aber die Schonung von Ressourcen bleibt aus, weil in der Freude über die Effizienzsteigerung immer mehr Output generiert wird.

Die glatten Oberflächen unserer immer smarteren Geräte suggerieren uns Problemlosigkeit, aber das ist natürlich Unsinn. Mit dem regelmäßigen, immer rascheren Austausch dieser Geräte produzieren wir nicht nur anschwellende Elektromüllberge (nicht bei uns, deshalb sehen wir sie nicht), sondern befeuern damit auch den Ausbau der Infrastruktur, den diese Geräte zum Funktionieren brauchen. Der eigentliche Energieverbrauch hat sich nämlich längst von den Endnutzern und Service-Anbietern hin zu den Rechenzentren (Neudeutsch: in die Cloud) verlagert. Und diese verbrauchen eine Menge Strom, eines von vielen Google-Rechenzentren so viel wie eine ganze Stadt, und alle deutschen Rechenzentren zusammen haben mittlerweile einen Verbrauch von 10 bis 15 Megawattstunden, was der Leistung von vier mittelgroßen Kohlekraftwerken entspricht. Allein die Server von Facebook verbrauchen im Jahr ungefähr doppelt so viel Strom wie ganz Deutschland an einem Tag. Und vom Mining der Kryptowährung Bitcoin wollen wir erst gar nicht sprechen, denn es ist inzwischen allgemein bekannt, dass dafür mehr Energie gebraucht wird etliche kleine Länder zusammen verbrauchen.

Rechenzentrum am CERN in Genf. Urheber: Florian Hirzinger — www.fh-ap.com — CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6212692

Das alles wird sich mit dem Wachsen des Internets der Dinge, der zunehmenden Allvernetzung und ‘Allversmartung’ natürlich ausweiten — und damit auch der Stromverbrauch, der bei der derzeitigen Rechnergrundstruktur, der so genannten Von-Neumann-Architektur, zusammen mit der Rechenkraft wächst. Noch verdoppelt sich die Leistung der Von-Neumann-Rechner nach der von Intel-Gründer Gordon Moore 1965 aufgestellten Gesetzmäßigkeit ungefähr alle anderthalb Jahre. Aber diesem Wachstum sind physikalische Grenzen gesetzt, denn im Nanometerbereich gilt ab einer bestimmten Größe die vom deutschen Physiker Werner Heisenberg formulierte Unschärferelation, d.h. das Verhalten von Molekülen kann nicht mehr vorhergesagt werden, was bei der Entwicklung von Halbleitern natürlich nicht sein darf. Deshalb setzen Chip-Hersteller mittlerweile auf alternative Chip-Architekturen, bei denen die Transistoren nicht mehr immer kleiner zu werden brauchen, um mehr Leistung zu erzielen. Außerdem wird an alternativen Rechnerarchitekturen wie Memory-driven Computing (Hewlett Packard) und Quantum Computing (Google und andere) geforscht, was zu einer teilweisen Entkopplung von Rechenkraftzunahme und Energieverbrauch führen könnte.

Natürlich braucht es auch konzeptionell neue Wege, um Nutzen aus schier unendlichen Datenmengen ziehen zu können und intelligente Lösungen für die Verteilung und Bepreisung eneuerbarer Energie zu finden. Hier kommt die Blockchain bzw. deren technisches Grundprinzip, die Distributed Ledger Technology, ins Spiel. Wollten wir das Informationsproblem, das beim großformatigen Umstieg zu eneuerbaren Energiequellen entsteht, mithilfe der klassischen Blockchain-Technologie lösen, würden wir den Planeten aufgrund des rapiden Anwachsens des Energieverbrauchs bei den Berechnungen recht schnell zugrunde richten. Die Idee eines nicht-korrumpierbaren, dezentralen digitalen Buchführungssystems, bei dem keiner der Beteiligten an keiner Stelle schummeln kann, ohne dass das System an jeder anderen Stelle auch verändert wird, so dass die anderen Beteiligten es sofort merken, ist aber für diese Zwecke sehr nützlich. Deshalb ist es gut, dass es Weiterentwicklungen wie IOTA gibt. Was damit möglich wird, zeigt dieses Video über ein Smart-Energy-Pilotprojekt in den Niederlanden:

Es gibt es also Anlass zu Hoffnung, dass wir unsere Zukunft (die eines mit Sicherheit sein wird, nämlich digital) weniger konsumtiv und nachhaltiger gestalten werden als die Gegenwart. Mut machen diesbezüglich auch die vielen kleinen und zum Teil sehr erfolgreichen, digital organisierten Initiativen des Teilens, Helfens, Aufbrauchens, Selbermachens, Weiterverkaufens, die noch nicht vollständig in die Welt der Investment-Runden und Exits aufgesogen wurden. Ein schönes, wirklich durchdachtes und den Nutzern einen hohen Mehrwert lieferndes Beispiel ist die Nachbarschaftsplattform fragnebenan.com aus Österreich, die durch ihre integrierte Leihbörse auch Ressourcen schonen hilft:

Quelle: fragnebenan.com (Screenshot)

Und wie sieht es mit der gesellschaftlichen Nachhaltigkeit von Technologie aus? Mit diesem Thema beschäftige ich mich beruflich sehr intensiv und daher kann ich diesbzüglich einigermaßen informiert behaupten: Leider nicht besser! Die fortlaufende Debatte um den Datenschutz und um die Zähmung der Macht der Algorithmen über unser Denken und Verhalten zeigt das. Noch haben wir keinen Weg gefunden, um mit dem historischen Kulturwandel, den neue Technologien in den vergangenen Jahren mit sich gebracht haben, angemessen umzugehen.

Technische Innovationen gehen zunächst immer den leichtesten Weg über Geld und Macht, weshalb sie oft aus den Bereichen Militär, Spiele, Konsum und Sex kommen. In erster Instanz sind wir dann darum bemüht, die schlimmsten damit einhergehenden Auswüchse einzuhegen. Das war bei der ursprünglichen Industrialisierung (Arbeitsbedingungen, Monopole, Umwelt etc.) genauso, wie es heute bei der so genannten vierten industriellen Revolution der Fall ist. Dass sich die Europäische Union eine Datenschutzgrundverordnung gegeben hat, die übrigens morgen, am 25.5.2018 in der gesamten Union anwendbar wird, ist genau ein solches Einhegen von Auswüchsen der New Extractive Industries, wie die großen Technologieunternehmen wegen ihres Datenhungers analog zu klassischen Rohstoffunternehmen ganz passend genannt werden. Das Signal lautet: Wir wollen uns in diesem Bereich nicht mehr alles gefallen lassen, über die Verwendung unserer Daten mitbestimmen und an den dadurch geschaffenen finanziellen Werten partizipieren können. Erst in zweiter Instanz wird dann üblicherweise auch darüber nachgedacht werden, wie technische Innovationen unmittelbar für die Gemeinwohlförderung in Wert gesetzt werden können. Zwei Beispiele habe ich oben genannt und zum Glück könnten inzwischen viele weitere genannt werden.

Nun hat technische Innovation immer auch eine anthropologische Dimension. Die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Selbstdarstellung über weite Distanzen vor riesigem Publikum und eine permanent ungleichzeitige Gleichzeitigkeit machen etwas mit uns. Sie verändern unsere kognitive Grundausstattung und sie kehren nicht unsere besten Seiten hervor, wie uns allmählich dämmert. Facebook beispielsweise ist nicht alleine ein wirtschaftliches oder mediales Phänomen, sondern vor allem ein sozialpsychologisches und kulturhistorisches, das wir erst langsam in seiner ganzen Tragweite zu verstehen beginnen. Es wird Zeit, dass wir uns sowohl den klassischen, oben erörterten Nachhaltigkeitsfragen, die mit dem technologischen Wandel verbunden sind, als auch mit solchen gesellschaftlichen und anthropologischen Grundsatzfragen intensiver auseinandersetzen.

Für die Masse der Menschen gilt derweil in unserer nicht zu Unrecht als Datenzeitalter apostrophierten Zeit: Algorithmen, die Daten analysieren und Verhalten steuern, haben sie fest im Griff — und nicht etwa umgekehrt. Fast nocht schlimmer als diese Tatsache ist, dass die Menschen sich dessen kaum bewusst sind, wie eine aktuelle Allensbach-Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeigt:


Es liegt ein Schluss nahe, der am Ende so vieler Debatten zum digitalen Wandel steht: Sowohl der ökologische Nachhaltigkeitsaspekt als auch die gesellschaftliche Nachhaltigkeitsbetrachtung setzen zunächst einmal eine breite gesellschaftliche Aufklärung und eine Grundbildung in Sachen digitaler Technik und ihrer gesellschaftlichen Folgen voraus, die wir heute schlicht nicht haben. Wenn niemand weiß, wie viel Strom die Nutzung seines Facebook-Profils, seine Banking-App und seine digitalen Einkäufe verbrauchen, und wenn niemand weiß, welche seiner Daten gespeichert und von Algorithmen nicht nur zu seinem Vorteil verarbeitet werden, dann gibt es weder eine Grundlage für einen sinnvollen gesellschaftlichen Diskurs darüber noch eine Chance auf Veränderung. Veränderung aber beginnt im Kopf, wie wir wissen, und deshalb müssen da erstmal die entsprechenden Fakten hinein. Dabei sind wir alle gefragt, nicht nur der Staat, der ein Fach “Medienkunde” oder ähnliches auflegen soll, wie immer wieder (und ganz zu Recht) gefordert wird. Wir alle müssen, sofern wir uns bereits zu den vergleichsweise Wissenden zählen, etwa unseren ahnungslosen Familienmitgliedern erklären, warum eine Gruppe bei Whatsapp aus etlichen Gründen vielleicht nicht so eine gute Idee ist wie eine bei Wire oder Threema. Eventuell kann der eine oder die andere zumindest in unseren Breiten, wo Facebook nicht das ganze Internet ist, in Zukunft ohne diese Plattform auskommen und dadurch sogar viel Qualitätszeit für ihr Leben (zurück)gewinnen. Wenn man gelernt hat, wie man den Datenmüll ohne freien Systemzugang entfernt, muss man auch die Hardware nicht spätestens alle zwei Jahre austauschen, wie es die Gerätehersteller am liebsten hätten.

Eines steht für mich inzwischen fest: Jenseits individueller Verhaltensänderungen wird es keine einfachen Lösungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene geben. Verhaltensänderungen wird es jedoch nur mit Aufklärug und Bildung geben. Man könnte dies als eine Kantianische Wende der Technologiekritik bezeichnen: Habet Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen und lebt nachhaltig mit den zu Gebote stehenden technischen Möglichkeiten — nein vielmehr aufgrund dieser Möglichkeiten!