Menschenbilder in der Digitalisierung

Der Konflikt zwischen dem europäischen Humanismus und dem Dataismus aus dem Silicon Valley und Shenzen

Wir leben in einer schwierigen, gefährlichen Zeit. Überall gibt es handfeste Problemstellungen, die uns in die Verzweiflung treiben können. Müssen wir nicht einfach und schnell handeln? Warum sollten wir uns theoretisch mit Menschenbildern in der Digitalisierung auseinandersetzen? Menschenbilder sind die Grundlage von wertebasierten, moralischen Handeln. Ohne das Menschenbild des Humanismus gibt es keine Demokratie. Ohne Humanismus keine Würde und menschliche Zukunft. Dieser Humanismus wird nun von unterschiedlichen Akteuren aus dem Silicon Valley und Shenzen radikal in Frage gestellt. Aber fangen wir vorne an:

1. Menschenbilder als Grundlage von Systemen

Bewusste oder unbewusste Menschenbilder sind die Grundlage für die Systeme, die wir schaffen, um unsere Zusammenarbeit zu organisieren. Menschenbilder sind die Grundlage für Organisationen und deren Regeln, Kulturen und Handeln.

Wenn ich davon ausgehe, dass meine Mitarbeiterinnen motiviert werden müssen, um zu arbeiten und überwacht werden sollten, da sie faul sind, schaffe ich andere Prozesse und Regeln, als wenn ich glaube, dass diese eine eigene Motivation haben und selbstverantwortlich arbeiten können. Wenn ich glaube, dass meine Mitarbeiterinnen nur durch monetäre Anreize bewegt werden und arbeiten, dann behandle ich diese anders, als wenn ich glaube, dass auch sie Menschen sind, die ihre Potenziale verwirklichen wollen.

Mein Selbstbild und das Bild, das ich von anderen habe, beeinflusst mich in meiner Entscheidung, was für ein System ich wähle, um gemeinsam zu arbeiten. Dies geschieht bewusst, aber auch oft unbewusst. Häufig werden bestehende Modelle übertragen und damit das dort beinhaltete Menschenbild einfach unmündig übernommen. Wenn ich ein Bonus-System in einem Unternehmen implementiere, das einzelne Individuen bevorzugt, wenn diese herausragend arbeiten, also besser sind als alle anderen, schaffe ich gleichzeitig eine Konkurrenzsituation zwischen den Mitarbeiterinnen und unterbinde so jegliche wirklich effektive Kollaboration. Das eigentliche Ziel des Systems wird die monetäre Anerkennung. Damit ist der persönliche Erfolg wichtiger als der gemeinsame. Dies ist natürlich stark vereinfacht, soll aber nur als Beispiel dafür dienen, wie mein Menschenbild einen Mechanismus schafft, der die Dynamik und Spielregeln des Systems maßgeblich bestimmt und prägt und damit alle, die in diesem System wirken.

Das Bild, welches ich von mir selbst habe, ist natürlich ebenso wichtig. Glaube ich, dass ich viel klüger, effektiver und disziplinierter bin, als alle anderen, dann fällt es mir schwer, meinen Mitarbeiterinnen Verantwortung abzugeben und ihnen zu vertrauen, dass sie ihre Arbeit gut machen. Dies wirkt sich wiederum auf mein Handeln aus. Ich werde sie nicht ernst nehmen und ihnen nicht auf Augenhöhe begegnen können.

Die Menschenbilder, bewusst oder unbewusst, sind mitverantwortlich für die Systeme, die wir schaffen.

2. Menschenbild des Humanismus

Seit der Aufklärung und vor allem seit Denkern wie Immanuel Kant, erkennen wir jeden Menschen als ein Individuum an, welches von Geburt an die Fähigkeit hat, rational zu denken. Diese Fähigkeit ermöglicht es jedem Menschen, sich aus der Unmündigkeit zu befreien.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ”
Immanuel Kant

Aufgrund der Fähigkeit, rationales Denken zu entwickeln, sind alle Menschen von Geburt an gleich und haben dementsprechend gleiche Rechte und Pflichten. Dies ist die Grundlage des Humanismus. Auf diesem Menschenbild basieren die Menschenrechte und auch das Grundgesetz. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Da jeder Mensch die Veranlagung zur Fähigkeit des rationalen Denkens in sich trägt, darf auch jede Bürgerin und jeder Bürger durch Wahlen am Gemeinwesen teilnehmen. Das Menschenbild gesteht jedem zu, für sich rational zu entscheiden, welche Entscheidung die richtige für die eigene und die gemeinsame Zukunft der Gesellschaft ist. Dieses Menschenbild ist die Grundlage der humanistischen Demokratie. Der Wille der Bürgerinnen, basierend auf deren rationalen Entscheidungen, ist das Heiligtum der demokratischen Politik. Dieses humanistische Menschenbild wird in der digitalen Transformation unterwandert. Dies ist eine existenzielle Gefahr für unsere Demokratie.

Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Welche Worte bringen den Sturm im 21. Jh.? Welche Gedanken kommen auf Taubenfüßen daher und lenken bereits die Welt? Welches Menschenbild entsteht in der Digitalisierung?

3. Menschenbild des Dataismus:

Ab Minute 1:00 dieses Videos kann man bereits eine Abbildung des Menschenbilds erkennen. Ein menschlicher Körper voller Zahlen. Der Mensch als Summe seiner Daten.

Das unbewusste Menschenbild des 21. Jh. entsteht im Silicon Valley und in Shenzen in China. Dies sind die digitalen Machtpole unserer Zeit. Hier entsteht Innovation, hier wird die digitale Infrastruktur unserer Zeit erschaffen. Als Beispiel werde ich eine Organisation nehmen und exemplarisch behandeln. Facebook.

Man könnte aber genauso gut WeChat, Google/Baidu, Amazon/AliBaba/Tencent, Apple/Microsoft/Huawei nehmen. Facebook eignet sich am besten durch die bereits entfachte mediale Debatte und den direkten Einfluss auf unser demokratisches System. Daher ist es ein greifbares Beispiel als die anderen.

Das Produkt Facebook sollte jedem bekannt sein. Das verborgene Menschenbild nicht. Dieses basiert auf Methoden aus der Verhaltensforschung. Auf Grundlage der Daten, die über mich gesammelt werden, da ich mich auf der Plattform bewege, wird ein Datenprofil erstellt. Auf dem Profil aufbauend, versuchen Algorithmen mir Werbung zu zeigen, die zu mir passt. Je mehr Daten ich liefere, desto exakter wird der Algorithmus.

Welche Ausmaße dies annehmen kann, machen Forscher der Cambridge-Universität deutlich. Wu Youyou und ihre Ko-Autoren Michal Kosinski und David Stillwell setzten einen neuen Algorithmus ein, der die Persönlichkeit anhand von Facebook-Likes einschätzte.

In der Studie konnte der Algorithmus die Persönlichkeit einer Person besser einschätzen, als deren Freunde oder Bekannte:

  • nach 10 ausgewerteten Facebook-Likes war der Algorithmus besser als ein Arbeitskollege
  • nach 70 analysierten Likes sagte der Algorithmus die Persönlichkeit eines Facebook-Nutzers besser voraus als dessen Freund
  • nach 150 durchforsteten Likes war der Algorithmus besser als Eltern oder Geschwister in der Persönlichkeitsprognose
  • nach 300 analysierten Likes lieferte der Algorithmus eine treffsichere Persönlichkeitsanalyse als der Partner

Die Aussagekraft eines Datensatzes misst sich unter anderem an seiner Größe. Facebook hat über zwei Milliarden aktive Nutzerinnen und Nutzer.

Diese Nutzerinnen und Nutzer und ihre Daten sind nicht nur das Produkt von Facebook, sondern auch ein großer vermessbarer sozialer Raum, ein riesiger Datensatz, der größte der Geschichte, mit dem man experimentieren kann.

Das bekannteste Beispiel ist der Skandal über manipulierte Nachrichtenfeeds bei Facebook Anfang 2013. In einem Testdesign wurden Nutzerinnen und Nutzern einmal primär positive und primär negative Nachrichten angezeigt. Im nächsten Schritt wurde ihr Verhalten beobachtet. Verwunderlicherweise postete die Testgruppen ab einem bestimmten Zeitpunkt entweder positive, oder negative Beiträge.

Die Ergebnisse dieser Tests werden unter anderem genutzt, um die Nutzer von dem Produkt abhängiger zu machen und Teil der Gewohnheiten in ihren Lebenswelten zu werden, so beschreibt es Nir Eyal in seinem Buch “Hooked”.

Wir haben es also mit einem Menschenbild zu tun, welches den Menschen nicht als ein rationales Individuum betrachtet, sondern als ein von Emotionen und Affekten gesteuertes Tier, welches durch Experimente beobachtbar ist. Es ist ethisch vertretbar, dieses Tier zu manipulieren und unmündig den eigenen Regeln zu unterwerfen, denn es hat keinen freien Willen. Dieses Tier offenbart sich mir nur als Summe seiner Daten.

Kann unsere humanistische Demokratie weiterexistieren, wenn sie von diesem Menschenbild unterwandert wird? Nein.

4. Phase 1: Auf Taubenfüßen

In der Dokumentation: “Fake America Great Again - Wie Facebook und Co. die Demokratie gefährden” von Arte wird dies deutlich dargelegt. Mit Hilfe von Millionen von gestohlenen Facebookdatenprofilen gelingt es dem Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica, sehr genaue psychologische Profile mit exakten Datenprofilen zu verbinden. Nun ist politischer Wahlkampf auf einer anderen Ebene möglich.

Nutzerinnen bekommen in Werbeanzeigen exakt für ihre psychische Konstitution zugeschnittene Botschaften zugespielt. Das verwerfliche daran: Kurz vor der Wahl werden in großen Umfang sogenannte “Dark Ads” für den Wahlkampf genutzt. Dies sind Werbeanzeigen, die nur für bestimmte Nutzerinnen sichtbar sind, und sonst für niemanden. Die Botschaft entzieht sich dementsprechend jeglicher demokratischen Kontrolle und ist in jedem Fall ein Einfallstor für Manipulation durch gezielte Falschinformation. Dies ist aber nur der relativ unkreative Anfang des Dataismus. Fake News und Populismus sind alte Feinde der Demokratie die mit neuen digitalen Waffen ausgestattet, eine neue Schlagkraft entwickelt haben. Die eigentliche Gefahr liegt aber etwas weiter in der Zukunft.

5. Phase 2: Der Sturm

2048 ist die Vermessung und Überführung der Welt in digitale, messbare Datenskalen weiter fortgeschritten. Wir erinnern uns: 2007 kam das erste Iphone auf den Markt. Dies ist nun fast zwölf Jahre her. Eine unglaublich kurze Zeitspanne, wenn wir reflektieren, welchen Einfluß diese Entwicklung auf unsere Gesellschaft hatte.

Ich bediene mich, um dies zu untermauern, einem Beispiel des Spiegels:

Vatikan 2005
Vatikan 2013

Wir sehen also, dass der technische Fortschritt rasant unser Leben verändert und dadurch immer mehr Daten sammelbar macht. Je mehr Daten es über uns gibt und je zentraler diese gesammelt werden, desto vorhersagbarer werden unsere Handlungen. Dies ist der eigentliche Kernwert von Daten. Je mehr Daten ich als Organisation besitze, desto genauer kann ich menschliches Verhalten vorhersagen. Dies ermöglicht es mir, meine Handlungen danach auszurichten, oder im Endeffekt auf das Verhalten einzuwirken. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der Algorithmus nicht nur besser als meine Freunde, Familie und Partner wissen, wer ich bin, wie ich mich verhalte, was ich mag und was ich in Zukunft kaufen oder wählen werde, sondern auch besser als ich selber. Zumindest besagt dies die dataistische Ideologie im Silicon Valley und Shenzen.

Dies ist natürlich möglich, sie spricht mir als Menschen jedoch jedes rationale Handeln ab. Dies ist ein Menschenbild, welches mich nur als Summe meiner Affekte, Emotionen, Gewohnheiten und Vorlieben sieht. Also als einen absolut unmündigen Menschen. Emotionen sind darin Daten, um Entscheidungen zu treffen, um uns zu motivieren, um uns zu schützen und damit wir uns selber verstehen können.

Die moderne Wissenschaft geht davon aus, dass alle Organismen biologische Algorithmen und dass subjektive Erfahrungen Datenverarbeitung sind. Warum sollten organische Algorithmen den nichtorganischen langfristig überlegen bleiben? Einige glauben an die Kunst als letzte Bastion des Menschen. Doch selbst hier gibt es Anlass zu Zweifeln: Ein kalifornischer Musikprofessor entwickelte ein Computerprogramm mit dem Namen EMI (Experiments in Musical Intelligence), das Musik im Stil Bachs komponieren kann. Auf einem Festival waren Zuhörer von EMIs Stücken restlos begeistert, solange sie glaubten, Bach zu hören — und wütend, als sie die Wahrheit erfuhren. Die Entwicklung insgesamt wirft jede Menge Fragen auf: — Was wird aus humanistischen Glaubenssätzen und Praktiken wie dem freien Willen und freien Wahlen, wenn Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?
Yuval Noah Harari

6. Phase 3: Auflösung

Das hier entstehende Menschenbild erinnert stark an das newtonsche Weltbild. Newton sah das gesamte Universum als eine unbeseelte Maschine, die auf das Ursache-Wirkungsprinzip reduziert werden konnte und damit mathematisch in vollem Umfang erklärbar war.

Es ist ein Epochenwitz, dass der Mensch die neu entstehende Technik als Metapher nutzt, um sich das Menschsein und die Welt zu erklären.

Das original Poster “Der Mensch als Industriepalast”
vom Pionier der Infographiken Fritz Kahn (1888–1968). Das Leben des Menschen
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart

Die Dataisten brauchen keine Welttheorie, so wie Newton. Sie begnügen sich mit einer vollumfassenden Theorie des Lebens. Sie interpretieren Darwin so, dass jegliches Leben ein Computerprogramm ist, welches in einer großen Simulation den Selektionsalgorithmus durchlebt. Der Darwin-Algorithmus entwickelt sich in eine Zukunft, beinhaltet also ein größeres Ziel. Der evolutionäre Weg bis zum Homo Sapiens ist nicht eine von unendlichen Möglichkeiten, sondern eine logische Konsequenz. Dies führt Darwins natürliche Selektion ad absurdum, wird aber ignoriert. Erster Stop Mensch. Nächster Stop Transzendenz:

Jegliches Leben ist dabei eine Ansammlung von Daten und besteht aus einem oder vielen komplexen Algorithmen. Jeder Mensch ist dementsprechend nicht mehr und nicht weniger als ein Computerchip in einem großen Computer, dem Computer der menschlichen Zivilisation. Er ist also kein Tier, oder Versuchsobjekt mehr, wie in den Anfängen des Dataismus, sondern Teil einer großen lebenden Maschine. Ziel dieser großen lebenden Maschine ist das Überleben. Um zu überleben und schneller zu rechnen, braucht man bestimmte Computerchips nicht mehr, denn diese sind überflüssig und tragen nicht genug zur Rechenleistung des Gesamtsystems bei.

Es handelt sich also um eine Kombination aus einer konsequent weiter gedachten “Quantified Self” Idee, mit Sozialdarwinismus. Die Quantified Self Bewegung, auch bekannt als “Lifelogging”, versucht das Datensammeln in jeden Aspekt des persönlichen Lebens einzubringen, um darüber Erkenntnisse und Optimierungsmöglichkeiten zu erschließen.

So schnell sind wir bei einem sozialdarwinistischen Gedankenmodell, welches seinen Ursprung im Neokapitalismus hat. Dataismus ist alter Wein in neuen Schläuchen, eine menschenfeindliche Idee, mit einer digitalen Metapher. Es wundert nicht, dass diese Ideen aus dem Silicon Valley entspringen, der Hochburg des datengetriebenen Neokapitalismus. Ein Computerchip braucht keine Rechte, da er nur aus der Summe seiner Daten besteht. Das Individuum lässt sich in viele kleinere Datengruppen einteilen und kann daher kein Rechtssubjekt mehr darstellen. Die Menschen im Dataismus haben weder Rechte noch Würde. Sie sind unmündige Teile eines großen Ganzen. Dies erinnert stark an den Kommunismus, war da nicht was, Shenzen?

Jaron Lanier beschreibt die Dataisten als kybernetische Totalitäre und stellt die sechs Kernglaubenssätze wie folgt da:

  1. Kybernetische Informationsmuster stellen den besten und ultimativen Weg dar, Wirklichkeit zu verstehen.
  2. Menschen sind nicht mehr als kybernetische Muster.
  3. Subjektive Erfahrungen existieren nicht, oder sind nicht wichtig, weil sie eine Art peripherer Effekt sind.
  4. Was Darwin in der Biologie beschreibt, ist de facto die einzige, überlegene Beschreibung aller Kreativität und Kultur.
  5. Qualitative und quantitative Aspekte von Informationssystemen werden sich unaufhaltsam durchs Moors Law beschleunigen.
  6. Biologie und Physik wird mit Computerwissenschaften verschmelzen (es entsteht die neue Biotechnologie und Nanotechnologie). Dies hat zur Folge, dass das Leben und das physische Universum eins werden. Dies bietet eine unglaubliche Möglichkeit der Gestaltung. Dies wird recht schnell passieren, vielleicht im Jahre 2020 und Leben auf der Erde und im Universum für immer verändern. Mensch zu sein, nach diesem Moment, wird entweder unmöglich, oder sehr anders als wir es uns jetzt vorstellen können.

Yuval Noah Harari macht uns in seinem Buch “Homo Deus” darauf aufmerksam, dass durch die beschriebenen möglichen Entwicklungen und neuen Glaubenssätze sich Menschen, das erste Mal nicht mehr durch Kultur, sondern auch durch Biologie voneinander unterscheiden könnten. Es entstehen nicht nur neue Klassen, sondern neue Formen des Menschseins.

Der Humanismus steht im 21. Jahrhundert vor einer großen Herausforderung. Diesmal könnte es wirklich zum Ende der Geschichte kommen, der menschlichen Geschichte. In jedem Fall wird der Humanismus und die damit einhergehenden Menschenrechte und die Menschenwürde um ihr Überleben kämpfen müssen, und damit auch unsere Demokratie.

7. Digitalisierung braucht einen wehrhaften Humanismus

Die Unmündigkeit ist das erklärte Feindbild der Aufklärung. Dementsprechend braucht die Digitalisierung eine zweite Aufklärung.

Vier Fragen warf Immanuel Kant 1765 in seinen Vorlesungen zur Logik auf:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. Was ist der Mensch?

1. Was kann ich wissen:

Schreiben wir erkenntnishalber das Jahr 2050. Mitte des 21. Jahrhunderts ist alles komplett durchdigitalisiert. Jeder Vorgang, im Kleinsten wie im Größten, wird in einer Sphäre der Information gespiegelt, gespeichert und zugänglich gemacht sein. Das gilt für Individuen wie für gesellschaftliche Vorgänge, für Biologisches wie für Physikalisches, für Kunst wie für Recht — für schlichtweg alles. Dafür sorgen eine Armee an elektronischen Arbeitssklaven, Sensoren jeder Art und Hybridschnittstellen zwischen organischer und anorganischer Welt. Um unsere Fragestellung noch zuzuspitzen, gilt das auch für den Bereich der Gedanken, die sich aus dem neuronalen Strom auslesen lassen. 2050 ist die Antwort damit eindeutig: Alles.
Auch 2050 beharren Häretiker noch darauf, nicht alles sei binär abtastbar. Sie gelten als Sektierer, denn sie können ihren Glauben so wenig belegen wie jeden anderen Glauben, da ihm keine allgemeinen Erfahrungstatsachen zugrunde liegen. Nur vereinzelt erleben Menschen seelische Phänomene, die an den Hybridschnittstellen zwischen organischem Nervensystem und Rechen­netz nicht ausgelesen werden können. Sie sind statistisch unbedeutend. — DigiKant von Florian Felix Weyh

2. Was soll ich tun?

Ethik und Moral werden wieder zu wichtigen Grundpfeilern um unser gemeinsames Überleben zu sichern. Wir leben im Zeitalter des Menschen, dem Anthropozän. Der Mensch gestaltet die Natur. Der Klimawandel fegt durch unsere Geschichte. Der Dataismus bietet ein Menschenbild für eine grausame biopolitische Gesellschaft. In einer Welt in der wir Menschen alles Wissen und gestalten können, bleibt die wichtigste Entscheidung, was wir nicht tun und nicht wissen möchten.

Wir werden daher zu einem strategischen Wesen, denn die Kernmaxime der modernen Strategie wird zum Grundpfeiler unseres Handelns:

“The essence of strategy is choosing what not to do.” Michael Porter

Immanuel Kant hat uns mir dem moralischen Rüstzeug ausgestattet um moralische Entscheidungen treffen zu können:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Immanuel Kant

Es versteht sich, dass dies ein allgemeines Gesetz für die globale Gesellschaft und die menschliche Zivilisation darstellen muss. Dies bietet uns Hoffnung. Denn seit dem von Oppenheimer geleiteten Manhattan-Projekt und den daraus resultierenden Möglichkeiten der ultimativen Vernichtung durch die atomare Bombe, wissen wir, dass wir auch als globale Gesellschaft zu rationalen Entscheidungen fähig sind. Der 6. und 9. August 1945 haben uns die Gefahr und Grausamkeit der entwickelten Technologie vor Augen geführt. Dieses rationale Denken muss zum Geiste unserer Zeit werden.

Was heißt dies für die Theorie:

Es ist Zeit einen wehrhaften Humanismus zu entwickeln und die zweite Aufklärung zu gestalten. Dies ist die Aufgabe der Geisteswissenschaftlerinnen. Die Naturwissenschaftler werden weiter handeln.

“Ist das Reich der Vorstellung erst revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.” Hegel

Pessimismus gehört verbannt, da er unverantwortlich und naiv ist. Er ist der Luxus einer übersättigten Gesellschaft, ein Privileg des Wohlstandes, sich in Inaktivität und Verzweiflung zurück zu ziehen, anstatt Lösungen zu entwickeln. Pessimismus hat nichts mit kritischem Denken zu tun. Kritisches denken ist überlebenswichtig, Pessimismus ist eine bequeme Einstellung. Optimismus beruht auf dem eigenen Willen. Nur mit Optimismus kann Zukunft gestaltet werden.

“Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.” Antonio Gramsci

Was heißt dies für die Praxis:

Wir müssen eine Praxis entwickeln, die von uns geschaffenen Systeme zu verändern, denn an ihnen gehen wir und unsere Umwelt zu Grunde.

“Man kann ein System nur verstehen, wenn man versucht es zu verändern.” Kurt Lewin

Dies ist die Praxis der Politik. Wir können es uns nicht leisten in einer demokratischen Gesellschaft aufzuwachsen und unsere Mitbestimmungsmöglichkeiten auf Grund von Vorurteilen nicht wahrzunehmen. Dies ist naiv und unverantwortlich, genau wie der Pessimismus.

Die zweite Praxis ist die des Sozialunternehmertums, denn hier ist die Zielsetzung immer die Veränderung des Systems. Diese Praxis entwickelt transsektorale Lösungen gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das transektorale Arbeiten und das entwickeln von Wirkungslogiken um Systeme zu verändern, ist das praktische Erlernen von systemveränderndem Gestalten. Hier entstehen reale Lösungen und keine theoretischen Elfenbeintürme.

“Der beste Weg die Zukunft zu bestimmen ist sie zu gestalten.” Willy Brand

3. Was darf ich hoffen?

Alles.

Quellen: