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Coronavirus: Vermeidung von Infektionsherden und deren Ausbreitung

Sollten wir Reisen einschränken? Festivals verbieten? Schulen? Welche Geschäfte können wir wieder öffnen? Welche Veranstaltungen erlauben?

Torsten Cordes
May 15 · 34 min read

Deutsche Übersetzung und Lektorat dieses Originalartikels von Tomas Pueyo.

Dies ist Teil 5 der Artikelreihe “Coronavirus: Tanzen lernen auf dem Vulkan” (Teil 1, Teil 2, Teil 3 / Teil 4: bisher unveröffentlicht), in der wir uns ausführlich damit befassen, was Staaten unternehmen können, um ihre Wirtschaft ohne neue Ausbrüche wieder zu öffnen. Übersetzungen sind am Ende des Artikels verfügbar. Um die nächsten Artikel zu erhalten, melde dich gerne hier an.


Viele Staaten sind dabei, sich wieder zu öffnen. Sie haben den Wunsch, den Erfolg von Ländern wie Südkorea oder Taiwan zu wiederholen. Wir wissen jetzt, dass sie das mit intensiven Tests und der Rückverfolgung von Kontakten, Isolierungen und Quarantänen, mit selbstgemachten Masken, mit Hygiene, körperlicher Distanzierung und öffentlicher Aufklärung erreichen können.

All diese Maßnahmen sind im Vergleich zur Schließung der Wirtschaft extrem kostengünstig. Aber reichen sie aus? Sollen wir auch die Schulen geschlossen halten? Ist es notwendig, die Wirtschaft einzuschränken? Musikfestivals? Tourismus? Gibt es noch weitere Einschränkungen, die für die Wirtschaft zwar teuer, aber notwendig sind, um das Virus unter Kontrolle zu halten?

Zuerst die schlechten Nachrichten:

  • Wir werden den nationalen und internationalen Tourismus wahrscheinlich monatelang stark bremsen müssen.
  • Großveranstaltungen wie Geschäftsmessen oder Musikkonzerte sollten vorerst geschlossen bleiben

Die guten Nachrichten:

  • Wir sollten trotz allem in die Lage kommen können, One-Way-Reisen oder Langzeitreisen zu unternehmen (falls es nicht schon so war — je nach Staat).
  • Es gibt Wege, wie wir die Wiederaufnahme des Tourismus beschleunigen können.
  • Wir können Schulen wahrscheinlich wieder öffnen.
  • Es zeichnen sich bestimmte Regelungen ab, nach denen Unternehmen wieder öffnen können. Die bedeutendsten, die geöffnet bleiben sollten, sind sicherlich Banken, Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte, und die weniger bedeutenden sind eher Cafés, Konditoreien und Fitnessstudios.

Ok, los geht’s.

Stelle dir vor, dein Staat hat den Maßnahmenhammer einigermaßen gut umgesetzt und bereitet sich nun auf den Tanz auf dem Corona-Vulkan vor. Einige Bereiche befinden sich noch immer im Ausnahmezustand, aber der Rest der Wirtschaft öffnet sich langsam. Die Behörden sind vorsichtig: Das Tragen von Masken wird streng durchgesetzt, alle Kontakte werden zurückverfolgt, alle Kranken werden isoliert, und die Quarantäne wird durch die Verfolgung von Handybewegungen ermöglicht.

Dein Land hat jetzt zwei Ziele:

  1. Schutz der gesicherten Gebiete vor dem Infektionsimport aus betroffenen Infektionsgebieten. Ich nenne das “Prävention von Infektionsherden” mit neuen Fällen.
  2. Verhindern, dass sich neue Infektionsherde zu neuen Ausbrüchen entwickeln. Man kann das “Prävention der Ausbreitung” nennen.

Die einzelnen Staaten müssen lokale Infektionsherde und deren weitere Ausbreitung verhindern.

  • Um neue Infektionsherde zu verhindern, bedarf es Reisebeschränkungen.
  • Um deren Ausbreitung zu größeren Ausbrüchen zu verhindern, bedarf es Beschränkungen für Sozialkontakte.

Da die meisten Staaten ihre Grenzen öffnen und beginnen, gesellschaftliche Zusammenkünfte zuzulassen, ist es nun umso wichtiger darüber zu sprechen, wie sich Infektionsherde zu Ausbrüchen ausbreiten können. Damit befassen wir uns zuerst. Anschließend werden wir uns damit befassen, wie neue importierte Infektionsherde durch Reisen entstehen.

Die Lieblingsereignisse des Coronavirus

Vielleicht hast du schon von dem Superspreader aus Südkorea gehört. Ich hatte bereits darüber berichtet:

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Quelle: Reuters

Eine einzige Person, Patient 31, verursachte über 5.000 Infektionsfälle. Das entsprach der überwiegenden Mehrheit der Fälle in Südkorea zu jener Zeit. Mitte Mai machte diese Zahl immer noch mehr als 40% der Fälle im Land aus — ungeachtet der möglichen weiteren Ausbreitung seither, die sich daraus ergeben haben könnte. Hätte diese Person diesen Ausbruch nicht verursacht, hätte es in Südkorea vielleicht nie einen Ausbruch gegeben, also so wie dies in Taiwan der Fall war.

Die Ursache dafür war, dass der Patient 31 zweimal in eine große Kirche ging. Vielleicht kannst du dir nicht genau vorstellen, wie ein derartiger Gottesdienst aussieht.

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Gottesdienst in einer Shincheonji-Kirche. Quelle.

In dieser Kirche sitzen Tausende von Menschen über lange Zeiträume dicht beieinander, ohne Brillen oder Masken zu tragen. Dabei singen und beten sie lautstark. Die Kirche erlaubt es den Menschen nicht, den Gottesdienst zu verpassen, selbst wenn sie krank sind. Deshalb ging Patient 31 zwei Sonntage hintereinander krank zu einem Gottesdienst.

In Teil 2 dieser Artikelserie habe ich erklärt, wie sich das Virus über Tröpfchen und Tröpfchenwolken verbreitet, die durch Husten, aber auch durch Singen oder sogar Sprechen ausgestoßen werden. Wir befassten uns auch damit, dass das Virus enge Räume bevorzugt, die über lange Zeiträume von Menschen geteilt werden und die eng miteinander interagieren.

Diese großkirchliche Umgebung erfüllte alle Anforderungen, die eine Übertragungsrate erhöhen kann — sprechen, singen und sich lange Zeit in engen Räumen aufhalten. Zumal niemand Masken oder Brillen tragen durfte.

Wie wir auch in Teil 1 gesehen haben, geschah etwas Ähnliches in den Wohnheimen der Arbeitsmigranten in Singapur.

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Zur Erinnerung: Dies ist ein Bild aus dem bedeutendsten Wohnheim, das nach dem Lockdown in diesem Land gemacht wurde:

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Ebenso hier: Es handelt sich um Orte mit vielen Menschen auf engstem Raum mit vielen direkten Kontakten, die wahrscheinlich auch viel miteinander reden:

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Arbeitsmigranten in ihrem Zimmer im WestLite Toh Guan-Schlafsaal in Singapur. Foto: EPA. Quelle: South China Morning Post. Wie man sieht, war die Ausbreitung möglicherweise nicht ihre Schuld, sondern eher eine unvermeidliche Folge ihrer Lebensbedingungen.

Die starke Ausbreitung des Coronavirus bei gesellschaftlichen Zusammenkünften umfasst noch viele andere Beispiele dieser Art. Ein Beispiel ist das eines Chores im US-Bundesstaat Washington, in dem die Menschen laut, dicht beieinander und über einen langen Zeitraum hinweg gesungen haben. 45 von 60 Menschen sind danach erkrankt.

Über 4.000 Menschen wurden in ganz Europa durch einen Barkeeper in Ischgl, wo Apres-Ski-Veranstaltungen üblich sind, infiziert.

Trofana Alm, ein Après-Ski-Veranstaltungsort in Ischgl.

Die deutsche Region rund um Gangelt erlebte 1.500 Infektionen nach einer Karnevalsveranstaltung, bei dem sich die Menschen begegneten, miteinander redeten, sangen und sich auf die Wangen küssten.

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Hier ein Bild der Veranstaltung:

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Quelle. Foto: Heinz Eschweiler

Auch ein anderer größerer Ausbruch in Deutschland war auf eine Feierlichkeit zurückzuführen. Der deutsche Landkreis Tirschenreuth hatte nach einem Bierfest mit 600 Infektionen die meisten Fälle pro Kopf im Land.

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Die Liste wird ständig länger:

  • Am Bondi-Strand in Sydney infizierten sich mindestens 30 Menschen, nachdem sie am Abend vor dem Verbot von Veranstaltungen mit 500 oder mehr Personen eine überfüllte Tanzparty besucht hatten.
  • In Frankreich führte eine viertägige Feier in der christlichen Kirche Porte Ouverte 2.500 Gläubige zusammen. Viele wurden infiziert und es kam zu Ausbrüchen im ganzen Land, darunter 250 Menschen, die im Universitätskrankenhaus in Straßburg arbeiteten, oder 263 Fälle auf Korsika.
  • Ein Fußballspiel im Februar zwischen der italienischen Mannschaft Atalanta Bergamo und dem spanischen Valencia war der Auslöser für den späteren Ausbruch in Bergamo, einem der größten in Italien.
  • Sogar in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, die über eines der besten Managementstrategien zur Bekämpfung des Coronavirus verfügt, wurden Mitte Mai 2.100 Bars und Klubs geschlossen, nachdem eine einzige infizierte Person an einem langen Wochenende fünf Klubs besucht und mindestens 100 Personen infiziert hatte. Über 1.900 Kontakte werden derzeit verfolgt.

Dies alles ist keinesfalls auf große Feierlichkeiten beschränkt.

Ereignisse wie Hochzeiten, Beerdigungen und Geburtstage machten 10% der sich früh verbreiteten Ausbrüche in den USA aus. Zum Beispiel infizierte dieser Mann aus Chicago 16 andere Menschen bei einer Beerdigung. Drei von ihnen starben anschließend. Das leuchtet ein, da die Menschen bei solchen Veranstaltungen oft stundenlang zusammen sind, sich berühren, umarmen und reden. Auf dieser 50-köpfigen Party infizierte sich mehr als die Hälfte, und diese Personen verbreiteten das Virus dann in den USA und in der ganzen Welt.

Diese sogenannten Superspreader-Veranstaltungen finden auch in der Geschäftswelt statt.

In den USA gab es in mindestens 115 Fleischverarbeitungsbetrieben Ausbrüche, von denen mindestens 5.000 Arbeitnehmer betroffen waren.

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Beschäftigte in der Fleischverarbeitung ( USDA ). Quelle.

Eine sogenannte Biogen-Konferenz Anfang März in Boston verursachte rund 100 Infektionen und verbreitete das Virus in sechs Staaten. In einer Fischfabrik in Ghana infizierte ein Arbeiter über 500 Personen.

In Südkorea infizierte ein Call-Center-Mitarbeiter rund 100 Mitarbeiter (~45%):

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Quelle.

Das Großraumbüro sollte aufgegeben werden.

Überall auf der Welt sehen wir immer wieder dasselbe Muster. Nähe, soziale Interaktion, Singen, Sprechen, Tanzen, Umarmen, Küssen, alles über lange Zeiträume in einer geschlossenen Umgebung… Ein Muster, das mit denjenigen Modellierungen übereinstimmt, in denen die meisten Infektionen durch Tröpfchen oder Tröpfchenwolken während des Hustens, Sprechens oder Singens geschehen. Bisher haben wir noch nicht von Ausbrüchen gehört, die zum Beispiel in Kinos entstanden sind, wo die Menschen meist schweigsam sind und die ganze Zeit auf einem Platz sitzen bleiben.

Eine wissenschaftliche Arbeit (Vorabdruck) unter der Leitung von @Carl Juneau, PhD — ich bin ein Co-Autor — überprüfte Hunderte von anderen Abhandlungen. Bei der Grippe waren die wissenschaftlichen Belege zwar nicht eindeutig, aber es scheint, dass die Art und der Zeitpunkt der Veranstaltungen eine Rolle spielten. Wir fanden heraus, dass die Grippe sich eher bei Veranstaltungen verbreitet, die lang, überfüllt und in geschlossenen Räumen stattfinden. Eine andere Studie deutete darauf hin, dass bei der Grippe die Einschränkung von Massenansammlungen nur kurz vor oder zu Beginn eines Ausbruchs hilfreich war (aber 20 Tage nach dem Infektionsgipfel kaum noch Wirkung zeigen würde). Hier einige weitere relevante Zitate aus neueren Publikationen:

“Die besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass mehrtägige Veranstaltungen in überfüllten Gemeinschaftsunterkünften am ehesten mit einem erhöhten Risiko verbunden sind. Massenveranstaltungen sind aber nicht überall in ihrer Art gleich, weshalb das Risiko von Fall zu Fall beurteilt werden sollte”. Nunan und Brassey (März 2020), Universität Oxford, nicht durch Fachkollegen bewertet (englisch: peer-reviewed).

“Die Ergebnisse zeigten, dass die Absage von Veranstaltungen die Infektiosität von COVID-19 um 35% reduzieren kann”. Sugishita et al. (März 2020), nicht durch Fachkollegen bewertet (englisch: peer-reviewed).

Nach Einschätzung von Ferguson und Kollegen vom Imperial College führt die Einschränkung öffentlicher Veranstaltungen zu einer Verringerung der Übertragungsrate um etwa 12,5%.

Mit all diesen Erkenntnissen wird es immer deutlicher, dass das Coronavirus soziale Zusammenkünfte und überfüllte Räume liebt. Diejenigen unter uns, die es lieben, sich als Teil einer großen Gruppe zu fühlen und neue Leute kennen zu lernen, werden sich vielleicht veranlasst sehen, in den nächsten Monaten von diesen Dingen Abschied zu nehmen. Dies gilt insbesondere dann, wenn wir sehr viele neue Leute treffen.

Ein weiterer wissenschaftlicher Beitrag untersuchte die tatsächliche Ausbreitung von Infektionskrankheiten in gesellschaftlichen Gruppen. Je größer die Gruppe, desto schneller breitete sich die Infektion auf die gesamte Gruppe aus.

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Schauen wir uns die grüne Linie mit dem Wert n=20 an, die eine Gruppe mit 20 Personen darstellt. Diese Linie zeigt, dass mit zunehmender Übertragungsrate eines Virus auch der Anteil der Personen in der Gruppe zunimmt, die infiziert werden. Und zwar schneller als die normale Bevölkerung (die untere gepunktete Linie). Eine Gruppe von 100 Personen wird jedoch die meisten von ihnen infizieren, selbst bei einer niedrigen Übertragungsrate.

Vergleichen wir ein Musikkonzert mit 10.000 Menschen mit einem Klassenzimmer mit 20 Personen. In dem Konzert ist die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine Person infiziert ist, höher als im Klassenzimmer. Hinzu kommt, dass jede Person mit viel mehr Menschen interagiert, während sie in einem Klassenzimmer auf 20 begrenzt ist. Und obendrein kennen sich die Leute im Musikkonzert nicht. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, so dass sich das Virus dann in all diesen Gruppen weiterverbreiten wird, woraufhin diese Menschen das Virus wiederum in ihre Gruppen mitnehmen und sie infizieren werden. Im Klassenzimmer hingegen wird die Infektion, sofern jemand infiziert wird, in erster Linie innerhalb dieser Gruppe gehalten, da es sich immer um das gleiche Gruppentreffen handelt.

Große Veranstaltungen sind nicht nur schlimmer als kleine Veranstaltungen. Sie sind viel, viel schlimmer.

In den nächsten Monaten wird die Forschung möglicherweise noch genaueren Aufschluss darüber geben, inwieweit sich unterschiedliche gesellschaftliche Ereignisse auf die Verbreitung des Coronavirus auswirken. In der Zwischenzeit können wir nur schätzen:

  • Gesellschaftliche Zusammenkünfte sollten vermieden werden, wenn viele Menschen nahe zusammen kommen, singen, viel reden oder sich untereinander austauschen.
  • In geschlossen Räumen ist die Situation viel ungünstiger als bei Aktivitäten im Freien.
  • Zeit ist wichtig. Eine kurze Zeit ist wahrscheinlich in Ordnung. Mehrere Stunden wahrscheinlich nicht.
  • Die Durchmischung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen ist besonders problematisch.
  • Umgekehrt sind kleine Veranstaltungen im Freien, bei denen nicht gesprochen oder interagiert wird, wahrscheinlich gefahrlos, insbesondere wenn sie mit Maßnahmen wie Masken, körperlicher Distanzierung und Hygiene kombiniert werden.

Wie können wir diese Erkenntnisse nutzen, um zu entscheiden, welche Arten von Veranstaltungen wir zulassen sollten?

Einschränkungen bei gesellschaftlichen Anlässen: Vermeidung der Virusausbreitung

Wir können einige Grundregeln aufstellen. Zum Beispiel:

  • Kinos oder Konzerte klassischer Musik sind wahrscheinlich im Vergleich zu Rockkonzerten viel sicherer. Bei Ersteren sitzt eine begrenzte Anzahl von Menschen dicht beieinander, interagiert kaum und redet nicht. Sie können bei Bedarf auch Masken verwenden und vielleicht in einem Abstand von rund zwei Metern zueinander sitzen. Bei einem großen Rockkonzert ist es schwer, nicht zu singen, sich nicht zu bewegen oder nicht mit vielen Menschen um sich herum zu interagieren.
  • Schulen oder kleine Geschäftstreffen, bei denen immer wieder dieselben Personen anwesend sind, sind im Vergleich zu großen Messen, Geschäftsreisen oder großen Sportveranstaltungen viel sicherer. Wenn jemand im Schulnetzwerk infiziert wird, könnten auch viele Mitglieder infiziert werden, aber zumindest breitet sich die Infektion nicht auf sehr viele andere Orte außerhalb dieses Netzwerks aus.
  • Wenn eine Hochzeitsfeier bevorsteht, sage sie entweder ab, verschiebe sie oder halte eine kleine Zeremonie unter freiem Himmel ab, bei der die Leute Masken tragen. Umarmt einander nicht und vermeidet so viele Gespräche wie möglich, besonders wenn sie ganz nah sind. Da das alles sehr schwer zu bewerkstelligen wäre, ist es einfacher, die Zeremonie zu verschieben. Wenn du eine Hochzeitsveranstaltung durchführst, sag auf jeden Fall der Oma oder deinem diabetischen Cousin, dass du sie sehr liebst, aber dass sie wirklich nicht persönlich kommen sollten. Es ist zwar ein schlechter Ersatz, aber unter den gegebenen Umständen ist eine Videokonferenz ihre einzige wirklich sichere Option.

All dies sind vorläufige Schlussfolgerungen auf der Grundlage aktueller — aber noch nicht stets gesicherter — Forschungsdaten. Diese Schlussfolgerungen werden sich noch verändern. Aber mit ihnen kann man sich vorstellen, wie riskant eine Veranstaltung sein kann. Deshalb versuchen wir, zu einem Punkt zu gelangen, an dem wir einordnen können, wie viele Infektionen bei einem solchen Ereignis auftreten können.

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Anmerkung: Alle diese Zahlen basieren auf dem, was ich gelesen habe. Die wissenschaftlichen Zahlen sind noch mit Unsicherheiten behaftet. Aber es sind die Entscheidungen, die wir heute treffen: fundierte Schätzungen. Ich hoffe, dass dies neue Forschungsarbeiten anregt, die die verwendeten Zahlengrundlagen angemessen quantifizieren.

Diese Tabelle gibt eine Einordnung dazu, wie viele Infektionen durch verschiedene Ereignisse verursacht werden könnten. Wir können sehen, dass das Anschauen eines Films im Kino nur eine Infektion verursachen könnte, während bei einer großen Messe 20.000 Infektionen auftreten können.

Hierbei handelt es sich nur um eine Seite der daraus möglichen Bewertung: Die Kosten für die Genehmigung gesellschaftlicher Ereignisse. Die andere Seite ist der Nutzwert.

Wenn man die Veranstaltungskosten in Bezug auf die Infektionen kennt, kann man den Nutzwert pro Veranstaltung berechnen und schließlich Verhältnismäßigkeiten bewerten.

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Sobald eine Fassung eines solchen Dokumentes erstellt wurde, die die Realität widerzuspiegeln vermag, können viele Schlussfolgerungen gezogen werden:

  1. Sind Veranstaltungen erlaubenswert, basierend auf dem, was wir über Kosten und Nutzen wissen? Beispiel: Die Oper hätte in diesem Modell einen Gegenwert von 33.000 US-Dollar pro Infektion, wenn die Veranstaltung nicht durchgeführt werden könnte. Das ist der höchste Wert pro Person für eine Veranstaltung (die Zahl ist mit Unsicherheiten behaften, erfüllt aber ihren Zweck zur Veranschaulichung). Aber was bedeutet der Wert pro Infektion für die Gesellschaft? Wenn wir auf der Grundlage unseres Gesundheitssystems feststellen, dass die Gesundheitskosten nur 10.000 US-Dollar pro Infektion betragen, dann müssten wir — in dieser wirtschaftlichen Veranschaulichung — die Oper, Theater, Kinos und große Konferenzen und Kongresse eigentlich zulassen. Denn der gesellschaftlich-wirtschaftliche Schaden einer Schließung dieser Veranstaltungsorte bezogen auf die Kosten pro Infektion wäre viel höher als die Kosten pro Infektion im Gesundheitssystem. Andererseits sollten wir — in dieser wirtschaftlichen Veranschaulichung — Veranstaltungen wie große Messen oder Musikkonzerte schließen, da ihr Wert pro Infektion sowieso unter 10.000 US-Dollar liegen würde. Bei dieser Art von Veranstaltungsabsage wäre der gesamtgesellschaftliche Wirtschaftsschaden pro Infektion also vergleichsweise geringer als bei einer Veranstaltungsdurchführung und den höheren Folgekosten im Gesundheitssystem.
  2. Wie können wir einen Wert berücksichtigen, der über einen strikten Geldwert hinausgeht, wie etwa einen psychologischen, ethischen oder rechtlichen Wert?
  3. Wie wirken sich Veränderungen in der Übertragungsrate aus? Wie hoch darf die Übertragungsrate sein, ab der ich mit Veranstaltungen beginnen kann? Wie ändert sich die Problematik je nach Region? Kann ich Veranstaltungen in Gebieten durchführen, in denen es nur sehr wenige Fälle gibt? Zu welchem Zeitpunkt im Verlauf der Verbreitungswelle kann ich welche Arten von Veranstaltungen durchführen?
  4. Wie kann ich das Risiko jeder Art von Veranstaltungen beeinflussen? Kann ich das Tragen von Masken erzwingen? Kann ich Menschen zwingen, nur mit wenigen anderen Menschen zu interagieren?
  5. Wie verhalten sich diese Werte pro Infektion im Vergleich zu denen von Touristen, die in dein Land kommen?

Die Genehmigung dieser Veranstaltungen könnte unter Umständen tragfähig werden, wenn intelligente Maßnahmen ergriffen werden.

Wenn z.B. das Scannen eines QR-Codes für die Teilnahme an einer Veranstaltung obligatorisch ist und die Personen jederzeit Bluetooth an ihrem Smartphone aktiviert haben müssen, um registrieren zu können, wer wem nahe steht. Dann können wir — im Falle, dass wir später feststellen, dass eine Person infiziert wurde — alle anderen Personen auf der Veranstaltung, die sich in der Nähe befanden, aufspüren, kontaktieren, testen und isolieren oder unter Quarantäne stellen. Wenn es am Eingang Temperaturkontrollen gibt, kann dies die Zahl der potenziellen Infektionen, die auftreten können, reduzieren (aber wahrscheinlich nur mit einer Reduzierung um 50%). Wenn es gelingt, die Menschen zum Tragen von Masken zu veranlassen, könnte eine Veranstaltung tragfähig werden.

Das mag sehr kompliziert und unpräzise klingen. Deshalb lohnt es sich, einen Moment innezuhalten, einen Schritt zurückzugehen und sich bewußt zu werden, warum wir so reagieren sollten.

Die meisten Entscheidungsträger schätzen die Situation mehr oder weniger genau ein. Selbst wenn sie nicht ausdrücklich mathematisch vorgehen, rechnen sie dennoch in Gedanken. Wir versuchen einfach, diese Entscheidungswege aus ihren Überlegungen herauszuarbeiten und den Menschen die Möglichkeit zu geben, darüber in einer allgemein verständlichen Sprache zu diskutieren.

Wenn eine Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern zusammenkommt, um zu entscheiden, wie viele Menschen sie zulassen wollen, was für eine Diskussion findet dann statt? Es ist ein Kosten-Nutzen-Verhältnis, aber möglicherweise wird es ihnen zunächst gar nicht bewusst, dass sie darüber so deutlich sprechen.

“Wenn wir Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen verbieten, verbieten wir automatisch viele Sport-, Messe- und Musikveranstaltungen. Das ist problematisch.”

“Ja, aber das sind die Veranstaltungen, die die meisten Infektionen verursachen.”

“Aber was ist mit all den Jobs, die wir verlieren werden?”

“Man sollte auch an all die Todesfälle denken, die wir verhindern werden!”

Der Vorteil der rechnerischen Umwandlung in ein Kosten-Nutzen-Verhältnis ist nicht exakt zu ermitteln. Mit den verfügbaren wissenschaftlichen Daten wäre eine präzise Darstellung immer mit Unsicherheiten behaftet. Der eigentliche Wert besteht vielmehr darin, alle unsere Interessen und Daten, unser Wissen und unsere Erfahrungen, unsere Ziele, unsere Probleme und Lösungen an einem allgemein zugänglichen Ort in einer gemeinsam verständlichen Sprache zusammenzufassen. So wird sichergestellt, dass alle Beteiligten darüber diskutieren können und die für eine Gesellschaft sinnvollste Lösung gefunden werden kann.

Wissenschaftler wenden bereits diesen Ansatz an, um festzustellen, welche Unternehmen zuerst geöffnet werden sollten:

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Quelle. Anmerkungen: Die Risiken werden unter Berücksichtigung der Anzahl aller Besuche, der Anzahl der Einzelbesucher und der Aufenthaltsdauer über zwei Grenzwerte für die Besucherdichte berechnet. Besuche in Banken sind also relativ unbedenklich, da nur wenige Personen zu Besuch kommen und diejenigen, die tatsächlich kommen, in der Regel immer die gleichen sind und nur eine relativ kurze Zeit dort verbringen. Umgekehrt gehen viele verschiedene Menschen in Fitnessstudios und Cafés, und sie verbringen dort eine lange Zeit — im Falle von Cafés unterhalten sie sich auch viel von Angesicht zu Angesicht. Die Bedeutung ergibt sich einerseits aus der Frage, wie wichtig den Menschen die verschiedenen Geschäftsbereiche laut entsprechender Untersuchungen sind, und andererseits aus der Frage, wie viel Wohlstand sie durch Beschäftigung und Einnahmen erwirtschaften. Beachten Sie, dass diese Modellierung mit Unsicherheiten behaftet ist, da sie keine persönlichen Gespräche von Angesicht zu Angesicht oder Gesang berücksichtigt. Weitere Modelle sollten dies und idealerweise auch andere Dinge wie etwa weitere wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen.

Auf der Grundlage dieser Analyse (bei der reale Daten wie Mobilität, Verbraucherpräferenzen und Regierungsstatistiken untersucht wurden) sind Banken und Lebensmittelgeschäfte die wichtigsten, die geöffnet bleiben müssen, während Fitnessstudios oder Cafés geschlossen bleiben und als letzte wiedereröffnet werden sollten. Die Empfehlung ist zwar nicht vollkommen, aber sie bietet eine generelle Orientierung für die Reihenfolge der Wiedereröffnung:

  • Wenn sie geschlossen waren, sollten Banken, Finanzunternehmen, Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte die ersten sein, die wieder öffnen.
  • Danach Wiedereröffnung von Kaufhäusern, Schulen und Universitäten, Bekleidungs- und Schuhgeschäften sowie Autohändlern und Reparaturwerkstätten.
  • Als nächstes könnten Möbel- und Haushaltswarengeschäfte, Elektronikmärkte, Friseure und Kosmetikstudios, Baumärkte, Gottesdienste, Spielhallen, Büromärkte und Kinos folgen.
  • Anschließend kommen Freizeitparks, Buchläden, Museen, Heimtier- und Zoofachgeschäfte sowie Spirituosen- und Tabakläden in Betracht.
  • Als letzte sollten Sportartikelgeschäfte, Fitnessstudios, Cafés und Konditoreien geöffnet werden.

Bemerkenswerterweise bestätigt diese Analyse die Unternehmensarten, die verschiedene Staaten bereits intuitiv priorisiert haben, und zwar auch dann, wenn sie nur eine unzureichende Datenlage hatten.

Modellierungen wie dieses sind noch nicht ideal. Zum Beispiel stimme ich nicht mit den Schlussfolgerungen in Bezug auf Restaurants überein. Es stimmt zwar, dass Schnellimbisse vor den typischen Restaurants mit Sitzgelegenheiten und langen Gästeaufenthalten eröffnet werden sollten, aber dieses Modell schlägt vor, dass wir einige dieser Restaurants schon früh wieder mit voller Kapazität öffnen könnten. Das liegt daran, dass darin nicht die enorme Gefahr berücksichtigt wird, die in Restaurants entsteht, wenn Menschen lange Zeit von Angesicht zu Angesicht sitzen. Sie berücksichtigen auch nicht die kreativen Anpassungsmöglichkeiten der Unternehmen, um die Wiedereröffnung sicher zu gestalten. Fitnessstudios könnten zum Beispiel die Besucherzahl einschränken, die Grundfläche umorganisieren, einen Abstand von etwa zwei Metern vorschreiben und/oder einen Mitarbeiter haben, der alle Räume ständig sauber hält, wie in diesem Fitnessstudio:

Unternehmen könnten auch strengere Sicherheitsregeln für Öffnungszeiten erlassen, die ausschließlich für ältere Kunden vorgesehen sind. Dies ist nur ein Beispiel, und schlussendlich dürfte die übergeordnete Frage nicht lauten: “Welche Geschäfte sollten geöffnet werden?”, sondern eher: “Wie können Geschäfte wieder auf sichere Art und Weise geöffnet werden?

In China, ausgenommen Hubei, betrafen rund 80% der Infektionen Familien und enge Kontakte im Haushalt. Dies ist sicherlich eine Begleiterscheinung der häuslichen Quarantäne, denn die Möglichkeiten für Massenansammlungen waren stark eingeschränkt. Es veranschaulicht jedoch, wie sehr sich das Virus in Familien verbreiten kann.

Unter den häuslichen Kontakten ist das Risiko einer Übertragung auf den Ehepartner bei weitem am höchsten: 28% von ihnen infizieren sich schließlich, verglichen mit 17% bei anderen Erwachsenen im Haushalt und nur 4% bei Kindern unter 18 Jahren.

Dennoch können wir daraus wahrscheinlich Schlussfolgerungen ziehen, die auch generell Gültigkeit haben:

  • Das Verhindern von Infektionen im häuslichen Bereich kann erhebliche Auswirkungen auf die Epidemie haben.
  • Es ist eher unwahrscheinlich, dass man sich das Virus von Zufallspersonen auf der Straße einfängt.
  • Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass du dich bei deinem Ehepartner, deinen Kindern, deinen Eltern oder Freunden, die du besuchst, ansteckst.

Auch die persönliche Mobilität hat negative Folgen, obwohl noch nicht gesichert ist, ob in diesem Zusammenhang die entsprechende Gefährdung eher auf Fahrten mit und zu Familienmitgliedern zurückzuführen ist oder eher unterwegs durch andere Personen verursacht und eingetragen wird.

Zumindest ist Vorsicht geboten, wenn Familienmitglieder unterwegs sind oder wenn du sie besuchen möchtest. Versuche es zu vermeiden, mit gefährdeten Familienmitgliedern körperlich in Kontakt zu kommen. Rufe sie stattdessen an. Wenn jemand Symptome hat, solltest du versuchen, diese Person häuslich zu isolieren. Bei einem Familienmitglied ist das schwer, aber die Alternative kann mehr Krankheit, ein Krankenhausaufenthalt oder der Tod sein. Wenn es also Symptome gibt, vermeide Küsse, Umarmungen oder auch Gespräche von Angesicht zu Angesicht ohne Maske.

Vielen Dank, Dr. Muge Cevik, für die Zusammenfassungen der Studien.

Die Rolle der Kinder in der Coronavirus-Pandemie ist unklar. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie das Coronavirus bekommen und weitergeben? Wie sind sie davon betroffen?

Einerseits sieht es so aus, als ob sie weniger häufig infiziert werden, und wenn sie es sind, sterben sie nicht daran oder infizieren andere Menschen nicht so häufig. Folglich sieht es so aus, als ob Schulschließungen nur einen geringen Einfluss auf die Eindämmung der Virusausbreitung hätten. Auf der anderen Seite ist man sich dessen nicht sicher, denn die meisten Länder haben ihre Schulen geschlossen, so dass es schwierig ist, Vergleiche zu ziehen. Aber es gibt einige neue Nachrichten über Kinder mit besonderen Symptomen, und einige Ausbrüche werden aus Kindertagesstätten gemeldet.

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Ein Land, das nur einige Bereiche für einige Wochen geschlossen hat, ist Australien, das die Epidemie inzwischen unter Kontrolle hat.

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Laut ihrem Premierminister gab der Expertenrat Empfehlungen, dass das Offenhalten der Schulen keinen grossen Einfluss auf die Virusausbreitung haben würde. Es könnte sogar sinnvoller sein, da die Kinder das Virus nicht in vielen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verbreiten würden (sondern vor allem in ihrem Klassenzimmer / ihren Schulen). So könnte es auch für die Eltern von Vorteil sein, einfacher weiterarbeiten zu können.

Welche Folgen hat das Virus für die Bildung? Wir wissen, dass Schüler, die während des Zweiten Weltkriegs in der Bildung den Anschluss verloren haben, starke Einbußen in ihrem lebenslangen Einkommen hinnehmen mussten. Heutzutage erhöht sich der Jahresverdienst mit jedem Bildungsjahr um 10%. Schulschließungen haben auch eine erhebliche Auswirkung auf die Ungleichheit, da Kinder aus reicheren Familien mehr Unterstützung erhalten, während Kinder aus ärmeren Familien, die in der Schule Verpflegung erhalten, möglicherweise nicht zu Hause essen können.

Angesichts all dessen ist es wahrscheinlich eine gute Idee, die Schulen vorsichtig wieder zu öffnen. The Economist — ein führendes britisches Nachrichtenmagazin mit den Schwerpunkten internationale Politik und Weltwirtschaft — schlägt eine vernünftige Reihenfolge vor:

  1. Staaten sollten mit jungen Kindern beginnen, indem Sie Kinderbetreuung, Vorschule, Kindergärten und Grundschulen öffnen. Diese Kinder lernen am meisten, sie sind am wenigsten vom Coronavirus betroffen, ihre Eltern werden am ehesten davon entlastet, indem sie einfacher weiterarbeiten können, und ihr Alter ist ideal, um die Ungleichheit bei Bildung und Ernährung effektiv zu verringern (Anmerkung: Interessenkonflikt. Ich habe drei Kleinkinder).
  2. Man kann mit älteren Kindern fortfahren, insbesondere wenn sie wichtige Prüfungen haben: Sie sind am ehesten in der Lage, körperlichen Abstandsrichtlinien zu folgen, und ihre direkte Zukunft ist in stärkerem Maße gefährdet.
  3. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, z.B. Temperaturkontrollen, Tests für Erzieher (und idealerweise auch für Kinder), Verringerung der Klassenstärke, und idealerweise könnte der Unterricht auf verschiedene Zeitschichten oder Tage verteilt werden.

Höhere Fachschulen und Universitäten unterscheiden sich von allgemeinbildenden Schulen (vor allem je jünger deren Schüler sind). Sie bringen viele Studierende, Lehrende und Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Netzwerken zusammen. Die Studenten kommen in Umgebungen mit hoher Teilnehmerdichte zusammen, wo sie sich nahe sind und miteinander reden. Dies gilt für fast alle Aspekte ihres Lebens, vom Hörsaal bis zu Studiengruppen, Studentenwohnheimen oder Partys. Studenten sind auch älter als Kinder, also anfälliger für das Virus, andererseits sie sind besser in der Lage, online zu lernen.

Zusammenfassend ist das Risiko an höheren Fachschulen und Universitäten wahrscheinlich höher als an allgemeinbildenden Schulen (vor allem mit jüngeren Kindern), und der tatsächliche Nutzen eines offenen Campus könnte geringer sein. Gleichwohl sind viele Universitäten in den USA in einer Zwickmühle. Wenn sie bis zum Herbst nicht wieder öffnen, verlieren sie die Hälfte ihrer jährlichen Einnahmen. Wenn sie nur online öffnen, dann machen sie damit deutlich, dass das Lernen direkt auf dem Campus nicht so wertvoll sein könnte, wie sie bisher immer behauptet haben. Dieses Denken sei schwer wieder rückgängig zu machen, sobald sie Studenten auf dem Campus wieder uneingeschränkt aufnehmen dürfen.

Für Online-Schulen wird dies wahrscheinlich ein Vorteil sein, während es einigen campusbasierten Hochschulen mit bestehenden finanziellen Schwierigkeiten eventuell nicht so leicht fallen wird, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Deshalb sind sie so sehr darauf aus, im Herbst wieder zu öffnen. Sie werden alles unternehmen, um den Campus öffnen zu können und dabei gleichzeitig die Ausbreitung reduzieren zu können.

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Vielleicht gelingt es, da die Studierenden eher in der Lage sind, Regeln der sozialen Distanzierung zu befolgen, und die Universitäten in der Lage sind, ihre Umgebung zu verändern, um die Virusausbreitung einzudämmen. Sie können die Nutzung von Smartphone-Apps durch alle Studierenden auf dem Campus durchsetzen, was die Nachverfolgung von Kontakten, die Isolierung und Quarantäne wesentlich erleichtern würde (Anmerkung: Interessenkonflikt. Ich bin bei Course Hero tätig, einem Unternehmen, das Studenten an Hochschulen und Universitäten beim Online-Studium unterstützt).

Das haben wir gelernt:

  • Das Coronavirus breitet sich vor allem in geschlossenen Räumen aus, in denen Menschen viel Zeit miteinander verbringen und miteinander reden, singen, atmen oder sich berühren.
  • Großveranstaltungen, bei denen viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenkommen, sind risikoreicher. Sie sollten begrenzt werden. Dies gilt vor allem für Veranstaltungen wie Geschäftsmessen und Musikfestivals, während Kinos und Opernhäuser in Ordnung sein könnten, wenn die körperliche Distanzierung respektiert wird.
  • Man sollte die Wiedereröffnung von Unternehmen zeitlich staffeln. Die höchste Priorität haben Lebensmittelgeschäfte, Supermärkte, Banken und Finanzdienstleistungen, während die niedrigste Priorität bei Fitnessstudios, Cafés, Konditoreien, Bars und Clubs einzuordnen ist.
  • Arbeitsstätten mit hoher Personaldichte sind ein Auslöser für eine Ansteckungskette. Es müssen Maßnahmen zur körperlichen Distanzierung getroffen werden, wie z.B. räumliche Barrieren, Temperaturkontrollen, gestaffelte Arbeitszeiten, Homeoffice oder Arbeit im Freien, falls möglich.
  • Besondere Vorsicht ist mit der Familie geboten. Man kann sich das Virus vor allem von seinem Partner, anderen Erwachsenen im gleichen Haushalt oder Freunden einfangen. Das größte Risiko besteht zu Hause oder wenn man mit anderen Menschen in Bussen, Bahnen oder auch im Auto zusammen unterwegs bist. Der Besuch der Großeltern sollte vermieden werden und eine weitmögliche Isolierung vollzogen werden, wenn man Symptome hat.
  • Die Wiedereröffnung von Schulen sollte Priorität haben, wobei man immer vorsichtig sein sollte und mit jüngeren Kindern beginnen sollte.

Staaten müssen Infektionsherde und deren Ausbreitung verhindern.

Wir haben analysiert, wie man die Ausbreitung des Coronavirus in einer Gesellschaft stoppen kann, indem man das soziale Leben einschränkt. Außerdem müssen wir jetzt sicherstellen, dass die Bevölkerung nicht mit importierten Fällen aus dem Ausland konfrontiert wird. Betrachten wir dazu die Reisebeschränkungen.

Dieser Abschnitt wurde stark durch die Arbeit von Barthold Albrecht geprägt. Vielen Dank!

Reisebeschränkungen: Importierte Infektionsherde verhindern

Wie wir in Teil 1 dieser Artikelserie gesehen haben, hat Singapur vieles richtig gemacht und fast perfekt auf dem gefährlichen Corona-Vulkan getanzt. Dann aber haben Arbeiter aus dem Ausland neue Infektionsherde verursacht und einen Virusausbruch ausgelöst. Die lockeren Reisebeschränkungen sorgten dort für die Ausbreitung der Krankheit, das Fehlen von Maskenvorschriften ließ das Virus verbreiten, und das Fehlen von Größenbeschränkungen für Veranstaltungen sorgte für eine weitere starke Ausbreitung.

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Das Land hat importierte Fälle aus China zunächst sehr gut kontrolliert. Wie Sie sehen können, verringerten sich die importierten Fälle im Januar nach dem Besuchsverbot für chinesische Reisende. Aber das Land war dann zu zögerlich und stoppte Reisende aus Staaten wie Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland erst in der ersten Märzhälfte und erst noch viel später aus Großbritannien, den USA und anderen Ländern. Das Ergebnis ist, dass diese zuerst noch wenigen importierten Fälle später anstiegen, kurz danach zu lokalen Infektionsherden führten und schließlich größere Ausbrüche (in rosa) verursachten.

Umgekehrt war Taiwan, wie wir in Teil 1 gesehen haben, extrem streng mit Reiseverboten und aktualisierte sie täglich. Das Land verhängte am gleichen Tag des Lockdowns in Wuhan auch Reiseverbote für Reisende aus Wuhan. Zwei Wochen später, am 6. Februar, folgten Verbote für alle chinesischen Staatsbürger. Ab 14. März mussten alle einreisenden Europäer bei ihrer Ankunft zwei Wochen lang unter Quarantäne gestellt werden. Drei Tage später wurde die Quarantäne auf alle internationalen Besucher ausgeweitet, und am 19. März wurde die Einreise aller dort nicht ansässigen Ausländer einfach verboten. Ab dem 18. April wurden nicht unbedingt notwendige Reisen verboten, und alle noch ankommenden Reisenden müssen sich weiterhin 14 Tage lang selbst unter Quarantäne stellen.

Südkorea erhielt hingegen ein “umgekehrtes” Verbot. “Dank” der frühen Epidemieausbreitung in dem ostasiatischen Land verboten 171 Staaten die An- und Abreise nach und aus Südkorea. Dadurch wurden in Südkoreas eine Menge potentieller Infektionsimporte durch Reisen verhindert.

Ein weiteres Land, das die Krise offiziell sehr gut bewältigt hat, ist Vietnam. Es erklärte die Situation bereits am 1. Februar zu einer Epidemie, nachdem es entdeckt hatte, dass sich die Krankheit im Land ausbreitet. Sie stoppten alle Flüge aus China. Bald darauf verbot man auch die Flüge aus anderen Staaten. Tatsächlich waren sie so schnell, dass Vietnam bereits selbst Besucher aus Spanien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich verboten hatte, bevor diese Länder ihrerseits ihre eigene Abriegelung ankündigten. Am 18. April hatte das Land 270 Fälle, bei einer Bevölkerung von 95 Millionen Einwohnern.

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Diese Grafik zeigt, wann verschiedene Länder Ostasiens unterschiedliche Maßnahmen zur Reisebeschränkung ergriffen. Jedes Land hat eine entsprechende Reihe. Dabei zeigen die farbigen Linien Einschränkungen, die auf unterschiedliche geografische Gebiete bezogen sind: Hubei, China, Südkorea, Norditalien, Europa und die Welt. Es ist schwierig, dies wirklich grafisch darzustellen, denn es gibt eine unendliche Anzahl von Maßnahmen, die ergriffen werden können, von Temperaturkontrollen bis hin zu Gesundheitserklärungen, regionalen Reisebeschränkungen, Quarantänen für bestimmte Besucher, Ausnahmen für andere… Aber wir haben versucht, es so weit wie möglich zu vereinfachen, indem wir alles einbezogen haben, was entweder einer verpflichtenden Quarantäne für alle Besucher aus einem bestimmten Gebiet oder einem vollständigen Verbot nahe kommt — ungeachtet häufiger Ausnahmen, wie z.B. für Diplomaten u.ä.

Diese Grafik zeigt, wann verschiedene Staaten in Ostasien unterschiedliche Reisebeschränkungen eingeführt haben. Jede Linie stellt eine Beschränkung in Bezug auf ein anderes geografischen Gebiet dar, von Hubei bis anderen internationalen Destinationen. Es ist zu erkennen, dass Taiwan und Vietnam, die beide weniger als 1.000 Fälle haben, die Reisen aus den meisten anderen Staaten tendenziell früher einschränkten.

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Singapur war ziemlich schnell, aber nicht schnell genug, um die importierten Infektionsherde, vor allem aus Bangladesch und Indonesien, aufzuhalten. Wäre Singapur weniger weltoffen, hätte es diesen Ausbruch vielleicht gar nicht gegeben. Doch dank des bemerkenswerten Pandemie-Managements in Singapur konnte der Ausbruch bereits abgebremst werden.

Südkorea ist ein Sonderfall: Das Land war zwar nicht immer sehr schnell dabei, Reisen einzuschränken, aber es hat zumindest doch früh Reisen aus China eingeschränkt. Ende Februar hatten außerdem bereits Dutzende von Staaten ein Reiseverbot für Südkorea verhängt, was die Einreise in das Land für Reisende von außerhalb erheblich erschwerte. Dieses “umgekehrte Verbot” hat dem Land sicherlich geholfen.

Obwohl Thailand langsamer war, kamen einige Maßnahmen, wie Temperaturkontrollen und Gesundheitserklärungen, zum Tragen. Das Land könnte auch Glück gehabt haben, dass es kaum importierte Infektionsherde gab.

Japan war im Allgemeinen das langsamste von allen ostasiatischen Ländern, was wahrscheinlich das zunächst langsame Wachstum der Fälle in den Monaten Februar und März vor dem schließlich doch endgültigen Ausbruch Ende März erklärt. Glücklicherweise hat das Land ebenfalls gut reagiert und scheint den Ausbruch jetzt unter Kontrolle zu haben.

Bei all dem können wir sehen, dass die ostasiatischen Länder, die den Reiseverkehr am schnellsten einschränkten, im Allgemeinen auch diejenigen waren, die weniger Infektionsherde — und darauf folgend weniger Virusausbreitung — aufwiesen.

Das Problem ist natürlich, dass Reiseverbote sehr teuer sind. Für einige Länder, die stark vom Tourismus abhängig sind, ist er lebenswichtig.

Der Tourismus macht etwa 10 % der globalen Wirtschaftsleistung aus. In einem Land wie Spanien liegt der Beitrag der Tourismusbranche zum Bruttoinlandsprodukt bei 15%. Das Land empfängt 83 Millionen Touristen pro Jahr. Die Abriegelung im März und April hat dem Land wahrscheinlich in nur 2 Monaten 2% des gesamten Bruttoinlandsprodukts gekostet. Es ist dringend und gleichzeitig eine schwere Entscheidung, sich jetzt zu öffnen: 6% des gesamten Bruttoinlandsprodukts werden normalerweise zwischen Juni und September durch den Tourismus erwirtschaftet. Wird Spanien in der Lage sein, sich rechtzeitig zu öffnen? Wie sollte das Land über Reisebeschränkungen denken?

Es gibt viele verschiedene Arten von Reisebeschränkungen, wie z.B. Temperaturkontrollen, Gesundheitserklärungen oder Tests, aber zwei haben einen noch viel größeren Einfluss auf importierte Infektionsherde: Quarantänen und völlige Verbote. Bei Quarantänen müssen Besucher zwei Wochen lang abgeschirmt werden. Verbote hindern sie hingegen bereits an der Einreise in das Land.

Wenn die Quarantäne so umfassend ist wie in Taiwan, kann man davon ausgehen, dass nur sehr wenige Infektionen von Reisenden importiert werden.

Leider ist eine Quarantäne für die meisten Touristen unbezahlbar und unpraktisch. Wer möchte schon zwei Wochen seines Urlaubs in einem Zimmer eingeschlossen verbringen, nur um dann zu Hause zwei weitere Wochen in Quarantäne zu verbringen?

Wenn sich Tourismusländer wie Spanien öffnen, müssen sie importierte Fälle aus dem Ausland eindämmen. Nehmen wir zum Beispiel Reisende aus Großbritannien: Im Jahr 2019 reisten 18 Millionen von ihnen nach Spanien. Nehmen wir an, dass 1,2 % der Briten infiziert sind und dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kranke reisen, um 50 % geringer ist. Das bedeutet, dass Spanien im Laufe eines Jahres 108.000 Coronavirus-Fälle aus Großbritannien importieren würde, im Durchschnitt etwa 300 pro Tag. Und das ist nur ein Beispiel für ein einziges Land. Du kannst dir vorstellen, was für eine Katastrophe es werden könnte, das Land für alle Touristen zu öffnen.

Wie sollte also ein Land wie Spanien darüber denken?

Der Schlüssel ist, in Kosten-Nutzen-Aspekten zu denken. Die Kosten hierbei resultieren aus neuen importierte Infektionsherden im eigenen Land. Das ist es, was Staaten vermeiden wollen. Also versuchen sie, die Zahl der Infektionen zu schätzen, die Reisende aus einem fremden Land einführen könnten. Der Nutzen ist wiederum das Geld, das die Touristen normalerweise in die Wirtschaft einbringen.

Es gibt möglicherweise zwei Arten von Reisenden: diejenigen, die bereit sind, sich in Quarantäne zu begeben, und diejenigen, die es nicht sind. Diejenigen, die bereit sind, eine Quarantäne zu durchlaufen, bleiben mit größerer Wahrscheinlichkeit länger im Land und beteiligen sich somit stärker an der Wirtschaft. Dank der Quarantäne ist es auch viel unwahrscheinlicher, dass sie dem Land weitere Fälle hinzufügen. Sie kosten also weniger in Bezug auf Infektionen und sind in Bezug auf die wirtschaftliche Aktivität mehr wert.

Als eine generelle Empfehlung gilt daher, dass Länder, die sich importierte Infektionsfälle leisten können, zunächst von Reiseverboten auf Reisequarantänen für alle Reisenden umstellen sollten, unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen. Spanien hat dies endlich erkannt.

Länder, die bei der Quarantäne von Langzeitreisenden erfolgreich sind, vergewissern sich zunächst regelmäßig, dass diese einen Wohnsitz in dem Land haben. Andernfalls müssen sie in einem behördlich genehmigten Hotel untergebracht werden. Einige Länder zahlen sogar dafür.

Sie stellen auch sicher, dass der Transport vom Flughafen — oder der Grenze — zur Unterkunft möglichst wenig Gelegenheiten zur lokalen Ansteckung bietet. In Taiwan oder China dürfen diese Personen entweder ihr privates Fahrzeug oder ein von der jeweiligen Regierung genehmigtes Transportmittel benutzen. Jedes andere Fortbewegungsmittel — auch das Gehen auf der Strasse — ist verboten.

Sobald diese Maßnahmen gut funktionieren, sollten die Länder die Situation weiter beobachten, um sicherzustellen, dass nur wenige Infektionen eingeschleppt werden, und diese stets unter Kontrolle sind. Staaten könnten ihre bisherigen Reiseverbote länderspezifisch in Quarantänemaßnahmen umwandeln — je nachdem, wie viele Infektionen Bürger aus diesen Staaten jeweils importieren könnten und wie diese unter Kontrolle gebracht werden können.

Betrachten wir diese fiktive Situation:

Angenommen, ein Land wie Spanien müsste sich entscheiden, für welche Länder es seine Grenzen öffnet. Land H ist normalerweise eine große Quelle von Touristen (10 Millionen!), aber es hat die Epidemie nicht unter Kontrolle, und im Moment könnten etwa 5% seiner Bevölkerung infiziert sein. Wenn man davon ausgeht, dass sich diese Menschen tendenziell eher krank fühlen und 30% weniger reisen als andere, könnte das bedeuten, dass fast 350.000 Infizierte in das Land einreisen könnten. Das ist unmöglich.

Umgekehrt tanzt Land D erfolgreich auf dem Corona-Vulkan und hat in diesem Modell nur sehr wenige infizierte Einreisende. Es ist sinnvoller, sich eher für dieses Land zu öffnen. Aber für welches Land sollte man sich als allererstes öffnen? D, O oder W? Man muss den Wert ermitteln, den jeder infizierte Reisende in das Land bringt.

In diesem Fall wendet Spanien eine Quarantäne für alle Langzeitreisenden an. Wir nehmen dabei an, dass die Quarantäne die Anzahl der Infektionsherde um 75% reduziert. Die Öffnung der Grenzen für 1.000.000 Reisende aus Land H bedeutet für die Wirtschaft einen Mehrwert von etwa 1,7 Millionen US-Dollar pro rechnerischem Infizierten gegenüber keinen Einnahmen bei einem kompletten Reiseverbot. Eine Öffnung Spaniens für Besucher aus Land D hingegen bringt 700 Millionen US-Dollar pro rechnerischem Infizierten! Es wird ebenfalls deutlich, dass Spanien, wenn es sich entscheiden muss, aus welchem Land es Langzeitbesucher aufnimmt, zuerst Land D, dann O (rund 11 Millionen US-Dollar pro Infizierten), dann W und schliesslich H bevorzugen sollte.

Spanien würde auf der Grundlage der Zahl der Fälle, die es verkraften kann, entscheiden, aus wie vielen dieser Länder es importierte Fälle aufnehmen kann. In diesem Fall würden durch die Öffnung für die Länder D, O und W etwa 1.250 Fälle pro Jahr oder etwa vier Fälle pro Tag in das Land gelangen.

Wenn dies gelingt, stellt sich für jedes Land die nächste Frage: Können wir sogar die Quarantäne für Reisende aus bestimmten Ländern aufheben? Das wäre der heilige Gral des Tourismus. Ohne diesen Gral bekäme er Probleme.

Die Rechnung ist eigentlich die gleiche: Wie hoch ist der getätigte Umsatz pro Tourist und wie hoch sind die Kosten pro Infektion? Sinnvoll kann die vollständige Öffnung für Einreisende aus Länder sein, die das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis pro Infektion haben — immer in Abhängigkeit zur Höchstzahl an Infizierten, die ein Gesundheitssystem maximal versorgen kann, und solange der Nutzen die Kosten überwiegt.

Auf diese Weise kann z.B. veranschaulicht werden, dass es sinnvoll sein kann, Touristen aus Land D und O auch ohne Quarantäne zuzulassen, bevor ein Langzeitreisender aus Land H zugelassen wird — einfach weil Land D und O das Coronavirus gut eingedämmt haben: Ihre Touristen bringen 25 Millionen US-Dollar bzw. 2 Millionen US-Dollar in die lokale Wirtschaft ein, verglichen mit nur 1,7 Millionen US-Dollar für Langzeitreisende aus Land H.

Damit lassen sich Prioritäten setzen, aus welchen Ländern Reisende kommen sollten und welche Arten von Reisenden es sein sollten.

Wenn Spanien es sich leisten kann, 10 neue Fälle pro Tag ins Land zu lassen, kann es Langzeitbesucher aus den Ländern D, O und W sowie Touristen aus dem Land D aufnehmen.

Es gibt noch einige weitere wichtige Details: Man sollte zum Beispiel nicht nur das Herkunftsland berücksichtigen, sondern auch den Reiseweg. Man muss sich auch recht sicher sein, wie viele Infektionen (oder prozentuale Anteile) man durch Quarantänen verhindern könnte. Außerdem muss man die Infektionsrate des Landes, aus dem die Einreisenden kommen, ermitteln und den finanziellen Wert pro Tourist oder Langzeitreisenden kennen.

Noch wichtiger ist es, die Zahlen zu verstehen, die am wichtigsten sind, und zu wissen, wie man sie beeinflussen kann. Für diese Modellierung sind die Schlüsselzahlen die Infektionsrate in den Herkunftsländern und der Anteil der Infektionen, die man importieren könnte oder isolieren muss. Wenn man beispielsweise Temperaturkontrollen und PCR-Tests an Flughäfen ermöglicht, um festzustellen, wer infiziert ist, kann man plötzlich das Land wesentlich weiter öffnen. Dieses Ergebnis ergibt sich, wenn 75% der potenziell Infizierten abgefangen werden:

Und plötzlich sind Langzeitbesucher und Touristen aus den meisten Ländern wieder gern gesehen! Hier könnte einer der Gründe liegen, warum Südkorea seine Grenzen schon sehr lange offen halten konnte. Dies ist deren Vorgehensweise:

Österreich bietet bereits PCR-Tests für ein- und ausreisende Menschen an.

Mit diesen bedeutenden Details werden die Aufgaben der Staaten und Wissenschaftler in den nächsten Wochen — und Monaten — zu tun haben. Diese Daten liegen alle vor. Wenn die Größenordnungen im Wesentlichen zutreffen, kann uns ein solches Modell viele verschiedene Erkenntnisse liefern. Zum Beispiel:

  • Zwei Schlüsselfaktoren können die Verbreitungsrate des Coronavirus (Anteil der Bevölkerung, die infiziert ist) aus dem Herkunftsland und der Erfolg bei der Identifizierung und Isolierung der Fälle sein. Danach ist es der Wert pro Langzeitreisendem oder pro Tourist.
  • Wenn es weltweit viele Fälle gibt, könnte selbst eine Quarantäne aller Reisenden das System immer noch überfordern, so dass die Staaten ermitteln sollten, aus welchen Ländern sie Reisende zulassen. Wenn der größte Teil der internationalen Staaten bei der Kontrolle des Coronavirus gute Arbeit leistet, wird die Verbreitungsrate so niedrig sein, dass sich diese erfolgreichen Länder für Langzeitbesucher aus vielen anderen Ländern öffnen können.
  • Länder, die eine Herdenimmunität verfolgen, könnten so viele Fälle aufweisen, dass selbst eine Quarantäne ihrer Langzeitreisenden nicht ausreicht, um sie ins Ausland zu lassen.
  • Langzeitbesucher, die wahrscheinlich mehr Wert pro Person in das Land bringen als Touristen und die möglicherweise bereit sind, eine Quarantäne in Betracht zu ziehen, könnten fast überall eine höhere Priorität bekommen als Touristen sie bekommen können. In solchen Fällen werden Staaten wahrscheinlich zuerst Reisende unter Quarantäne stellen, und sobald das System damit zurechtkommt, können Staaten damit beginnen, auch Einreisen ohne Quarantäne zu erlauben.
  • Wenn ein Land gut darin ist, importierte Fälle zu erkennen und sie unter Quarantäne zu stellen, und wenn es eine 100%ige Erfolgsquote bei der Quarantäne vorweisen kann, kann es sich für Langzeitbesucher aus der ganzen Welt öffnen.
  • Touristen können im Allgemeinen erst nach Langzeitreisenden eingelassen werden. Demgegenüber stehen Bürger aus Staaten, in denen die Infektionsrate sehr niedrig ist, die sich möglicherweise frei bewegen dürfen, wohin sie wollen. Für die Tourismusindustrie könnte dies problematisch sein: Sofern die Infektionsrate im eigenen Land nicht auch wirklich niedrig ist, die Länder nicht wirklich gut in der Lage sind, Coronavirus-Fälle frühzeitig zu erkennen, oder die Tourismusindustrie keine Wege finden kann, alle Reisenden auf Distanz zu halten, könnte die Tourismusindustrie für die gesamte Zeit, bis es einen Impfstoff oder eine wirksame Behandlung gibt, beeinträchtigt werden.

All dies basiert auf diesem einfachen und theoretischen Modell, so dass jede der obigen Schlussfolgerungen Unsicherheiten hat. Es ist aber weniger wichtig, diese Schlussfolgerungen zu erreichen, sondern viel bedeutender zu zeigen, wie eine solche Denkweise dabei helfen kann, politische Entscheidungen zu treffen.

So denkt Hongkong im Großen und Ganzen über das Problem:

Auszug aus dem offiziellen Aktionsplan:

“Die Regierung hat im Hinblick auf den Ausbruch von Krankheiten in anderen Ländern oder Regionen vor der Umsetzung von eigenen Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitslage detaillierte Risikobewertungen durchgeführt. Abgesehen von der Berücksichtigung der Anzahl, der Verteilung und der Zuwachsrate infizierter Personen zieht die Regierung auch die Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen in Betracht, die von den Behörden des jeweiligen Landes/der jeweiligen Region durchgeführt werden, sowie die Häufigkeit von Reisen zwischen Hongkong und dem jeweiligen Land bzw. der jeweiligen Region. Die Regierung wird die entsprechenden Maßnahmen unter Berücksichtigung der jeweiligen Ausbruchsentwicklung in angemessener Weise überprüfen und optimieren. — Ausschuss des Legislativrats zur Prävention und Kontrolle von COVID-19 in Hongkong.

Dies lässt vermuten, dass sich die internationalen Staaten in zwei Klassen teilen könnten: Länder, die auf dem nur noch leicht aktiven Corona-Vulkan erfolgreich tanzen, und Länder, die mit Ausbrüchen und vielen Infektionen zu kämpfen haben.

Mithilfe intensiver Anstrengungen werden Staaten, die den Tanz auf diesem Vulkan erfolgreich begehen, die meisten innerstaatlichen Coronavirus-Fälle eliminieren können. Solche Staaten werden Reisen untereinander befürworten, mit wenigen Einschränkungen. Allerdings werden sie diejenigen Staaten meiden, die auf Herdenimmunität setzen, da sie befürchten, darüber neue Ausbrüche herbeizuführen. Staaten, die mit vielen Infektionen zu kämpfen haben, könnten ihrerseits Reisende aus allen Ländern willkommen heißen, da sie nichts zu verlieren haben. Allerdings dürften sie vor allem Reisende aus anderen Staaten bekommen, die ebenfalls mit Infektionen zu kämpfen haben, da diejenigen Reisenden, die aus erfolgreichen Ländern kommen könnten, sich gar nicht mit dem Virus anstecken wollen und ihre Heimatländer sie möglicherweise nicht ohne Quarantäne zurückkehren lassen.

Dies ist also ein weiterer Grund für Staaten, die eine Herdenimmunität verfolgen, vorsichtig zu sein. Es könnte für sie schwierig werden, ihren Bürgern Reisen ins Ausland zu ermöglichen, und sie könnten Schwierigkeiten haben, ihre Tourismusindustrie aufgrund der umfangreichen Reisebeschränkungen in und aus anderen Staaten über Wasser zu halten.

Bisher habe ich nur über Staaten gesprochen, aber genau dieselbe Logik gilt auch für Regionen.

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Innerhalb der USA gibt es in einigen erfolgreichen Staaten nur sehr wenige Virusfälle, wie in Alaska, Oregon, Montana, Idaho, Hawaii oder Maine. Zu den Staaten mit schweren Infektionsausbrüchen gehören Illinois, Iowa, New York, New Jersey oder Maryland.

Es wäre durchaus denkbar, dass sich erfolgreiche Staaten für Reisen untereinander öffnen, aber Besucher aus Staaten mit vielen Infektionen abweisen oder eine Quarantäne erzwingen, wie es Hawaii und Alaska bereits machen. Staaten wie Kalifornien, Nevada oder Washington könnten sich bemühen, ein Niveau der Virusausbreitung zu erreichen, das niedrig genug ist, um in den Club der erfolgreichen Staaten aufgenommen zu werden.

Umgekehrt könnten einige Staaten wie Iowa, Nebraska oder Illinois so intensive Ausbrüche bekommen, dass sie sich für eine Herdenimmunität entscheiden. Zu diesen könnten sich auch Südstaaten wie Georgia, Tennessee oder Mississippi gesellen. Staaten dazwischen dürften sich noch entscheiden wollen, welchem Club sie angehören wollen.

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Eine ähnliche Vorgehensweise wird in vielen internationalen Staaten in Betracht gezogen.

In Australien sind lokale und regionale Reisen erlaubt, sobald die Regionen in Stufe 1 eintreten (einige haben dies bereits geschafft). Stufe 2 erlaubt Reisen zwischen den Bundesstaaten, und Stufe 3 schließt internationale Reisen ein.

In Spanien, wo verschiedene Regionen je nach Verbreitungsgrad unterschiedliche Rechte haben sollen, werden Reisen zwischen erfolgreichen Regionen erlaubt sein, während Regionen mit vielen Infektionen sich bemühen müssen, die Ausbreitungswege einzudämmen. Die Zentralregierung erlaubt es nicht, dass die Regionen versuchen, Herdenimmunität zu erreichen.

Dieser Abschnitt stützt sich auf die Untersuchungen von Jorge Peñalva.

Fazit

Staaten, die erfolgreich auf dem Corona-Vulkan tanzen wollen, könnten dies schon allein durch Tests, Kontaktverfolgung, Isolationen, Quarantänen, Masken, Hygiene, körperliche Distanz und öffentliche Aufklärung erreichen. Darüber hinaus müssen sie möglicherweise das gesellschaftliche Leben so lange einschränken, bis die Verbreitungsrate des Virus niedrig ist, und sie müssen Wege finden, um die Ansteckungsgefahr bei entsprechenden Veranstaltungen zu begrenzen. Während der gesamten Zeit des gefährlichen Tanzes auf diesem Vulkan müssen sie Infektionen, die aus dem Ausland kommen, durch Quarantänen, Schutzmaßnahmen an den Grenzen oder durch völlige Reiseverbote einschränken.

Staaten, die all das gut machen, werden ihre Wirtschaft öffnen und ihre Bürger untereinander reisen lassen können.

Für Staaten, die dies nicht tun und schließlich eine Herdenimmunität anstreben, wird sich der Leidensdruck wohl nicht nur auf den Verlust von Reisemöglichkeiten in Staaten beschränken, die das Virus erfolgreich eindämmen konnten. Auch die Folgen in Form von Todesfällen, chronischen Krankheiten, laufenden Ausbrüchen und wirtschaftlichen Auswirkungen sollten nicht vergessen werden.

Wenn die Reproduktionszahl R 2,7 beträgt, könnten etwa 65 % der Bevölkerung infiziert werden, das sind etwa 214 Millionen US-Amerikaner. Wenn die Sterberate der Infizierten zwischen 0,5% und 1,5% liegt — was auf der Grundlage der zuverlässigsten Studien zur serologischen Prävalenz wahrscheinlich ist — könnte die Zahl der Toten in den USA zwischen 1 und 3 Millionen Menschen ansteigen.

Hinzu kämen chronische Erkrankungen, die durch die Wirkung des Virus auf Lunge, Nieren, Blut, Gehirn entstehen könnten… Das Erreichen der Herdenimmunität würde Monate dauern, in denen die Wirtschaft zusammenbrechen würde, da die Menschen nicht hinausgehen wollen, sich keine Infektion einfangen wollen und sie nicht auf ihre Angehörigen übertragen wollen. Etwa 45 % der US-Amerikaner leiden an Erkrankungen, die das Coronavirus sehr gefährlich machen würden, wie Diabetes, Fettleibigkeit oder einfach nur das Älterwerden.

All das würde wahrscheinlich sowieso bald bedeutungslos werden, weil man weitere Ausbrüche nicht mehr verhindern könnte: Herdenimmunität durch Krankheit bedeutet nicht, dass die Bevölkerung frei davon sein wird. Ausbrüche treten häufig immer wieder auf, insbesondere dann, wenn sich das Virus wie ein normales Grippevirus verhält und unsere Immunität nach ein bis zwei Jahren verschwindet.

Die Herdenimmunitätsstrategie wäre also schlecht für die Gesundheit und die Wirtschaft. Infektionsherde und deren Ausbreitung sollten stattdessen vermieden werden.


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Übersetzungen:

Spanisch

Japanisch

Dies ist Teil 5 unserer Artikelreihe “Coronavirus: Tanzen lernen auf dem Vulkan”. In Teil 1 diskutieren wir bewährte Praktiken aus Taiwan, Singapur, China und Südkorea. In Teil 2 lernen wir Grundschritte, mit denen jeder auf dem Vulkan tanzen kann. In Teil 3 befassen wir uns mit Tests und der Ermittlung von Kontaktpersonen. In Teil 4 wird es um Isolationen und Quarantänen gehen. In Teil 6 werden wir all dies zusammenfassen. Wir werden zu jedem dieser Themen spezifische Empfehlungen geben, einschließlich einer Warnung: Die meisten Staaten nähern sich einem Tanz auf dem Corona-Vulkan nicht erfolgreich an. Wenn sie ihren derzeitigen Weg fortsetzen, werden sie wie Singapur enden.

Dies war eine intensive Teamarbeit mit Hilfe Dutzender von Menschen, die Recherchen, Quellen, Argumente und Feedback zu Formulierungen geliefert, meine Argumente und Annahmen in Frage gestellt und mir widersprochen haben. Besonderer Dank gilt Barthold Albrecht, Jorge Peñalva, Genevieve Gee, Matt Bell, Carl Juneau, Mike Mitzel, Christina Mueller, Elena Baillie, Pierre Djian, Yasemin Denari, Claire Marshall und vielen anderen. Ohne euch alle wäre dies nicht möglich gewesen.

Thanks to Christina Mueller

Torsten Cordes

Written by

German journalist and editor since 1991

Torsten Cordes

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